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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 06.11.2013

"Das große Heft"

Regisseur Janos Szasz glückt die Verfilmung des Romans "Le Grand Cahier" von Agota Kristof

Von Jörg Taszman

Die ungarisch-schweizerische Schriftstellerin Agota Kristof (1935-2011); der Regisseur Szasz lernte sie noch persönlich kennen. (picture alliance / dpa / Sandro Campardo)
Die ungarisch-schweizerische Schriftstellerin Agota Kristof (1935-2011); der Regisseur Szasz lernte sie noch persönlich kennen. (picture alliance / dpa / Sandro Campardo)

Wie ein Zwillingspaar bei der schwierigen Großmutter in einem ungarischen Dorf schuftet und den Krieg abwartet, das erzählt "Das große Heft". Janos Szasz schafft es, den Tonfall der literarischen Vorlage zu wahren und dennoch eigene Akzente zu setzen.

Ein ungarisches Dorf mitten im Krieg. Zwei adrett gekleidete 13-jährige Zwillingsbrüder stehen mit ihrer überforderten Mutter das erste Mal vor der "Hexe". Es ist ihre eigene Großmutter, eine barsche, burschikose Frau. Dort auf dem Land, bei der unbekannten Großmutter, müssen die Jungs nun bleiben und das Ende des Krieges abwarten. Um Essen zu bekommen, müssen sie schwer arbeiten und Schläge und Beschimpfungen erdulden.

Der ungarische Regisseur Janos Szasz hat den in über 40 Sprachen übersetzten auf Französisch geschriebenen Roman "Le Grand Cahier" (Das große Heft) von Agota Kristof wieder zurück nach Ungarn verortet. Im Buch handelt es sich um vage Zeit- und Ortsbestimmungen. Bei Szasz ist der Krieg eindeutig der Zweite Weltkrieg, die große Stadt wird wieder zu Budapest und das Dorf liegt an der österreichischen Grenze. Die Protagonisten reden Ungarisch und der Film benennt in einer wichtigen Episode auch direkt die brutale Judenverfolgung ab 1944.

Die Verfilmung dieses Buches von Agota Kristof hat natürlich die Puristen auf den Plan gerufen, die dem Regisseur die Konkretisierung durch Bilder vorwerfen. Dabei verkennen sie, wie ungarisch diese Geschichte ist. Janos Szasz hat die Autorin noch persönlich kennengelernt. Die 1935 in Ungarn geborene Agota Kristof floh 1956 in die Schweiz und starb dort vor zwei Jahren. Sie bestätigte Janos Szasz in einem langen Gespräch, dass ihr Roman auch autobiografisch sei.

Natürlich hat der Filmemacher Veränderungen vorgenommen. Die Großmutter ist - anders als im Buch - keine eklige, abstoßende, spindeldürre "Hexe", sondern eine kräftige, energische, verhärmte Frau, die sich anfängt, an ihre Enkel zu gewöhnen. Sie wirkt auf diese Weise menschlicher und realistischer. Und auch die beiden Jungs zeigt Janos Szasz mehr noch als im Buch als Opfer der Erwachsenen, die den Krieg zu verantworten haben.

So schafft es der Film, den Tonfall des Buches zu wahren und eigene Akzente zu setzen. Die Hauptrollen wurden mit starken ungarischen Darstellern besetzt, in Nebenrollen sieht man Ulrich Matthes und Ulrich Thomsen. Es ist ein kraftvoller Film mit einigen dramaturgischen Schwächen und doch wirklich ein Werk für die große Leinwand. Das liegt auch an den Bildern des Kameramanns Christian Berger (Das weiße Band).


Mehr Informationen auf der Filmhomepage

Deutschland, Frankreich, Ungarn, Österreich 2013; Regie: János Szász; nach dem Roman "Le Grand Cahier" von Ágota Kristóf; 113 Minuten; FSK: ab zwölf Jahren

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