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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.09.2011

"Das Gros der Musikkäufer ist heute zwischen 40 und 60"

DJ Daniel Haaksman über alte Hörer, die Popkomm und exotische Künstler

Auf der Popkomm herrscht gähnende Leere, sagt Haaksman (Stock.XCHNG / Dave Dyet)
Auf der Popkomm herrscht gähnende Leere, sagt Haaksman (Stock.XCHNG / Dave Dyet)

Passiert in der Musik noch irgendwas Neues - oder sind alle auf dem Retrotrip? Weil die Gesellschaft altert, haben es innovative Stilformen schwer, sagt der Berliner DJ Daniel Haaksman. Er fordert: Die junge Generation muss neu für Musik begeistert werden.

Matthias Hanselmann: Bei der Berlin Music Week ist zurzeit eine fast unüberschaubare Anzahl von Bands, Einzelkünstlern, Pop-Produzenten, Newcomer-Bands und alten Profis zu bewundern. Wenn man mit einer Dauerkarte bewaffnet ist und sich die paar Tage freigenommen hat, dann weiß man vielleicht hinterher, was zurzeit so angesagt ist, oder was vielleicht bald groß rauskommen wird. Die Frage ist nur: Passiert überhaupt irgendwas neues, oder sind alle auf dem Retrotrip und recyceln nur noch alte Stilformen? Der renommierte Musikjournalist Simon Reynolds, der unter anderem einige Jahre Redakteur der Musikzeitschrift "Melody Maker" war, hat ein Buch herausgebracht – wir haben es hier besprochen im "Radiofeuilleton" – mit dem Titel "Retromania", frei übersetzt: Die Manie zurückzugehen. Und darin behauptet er, dass eben alles retro ist. Er behauptet, wir befänden uns in einer Redecade, Remixe, Reissues, Reunitings, recombined oder recycled, Revivals von alten Musikrichtungen, auf Deutsch: Alte Bands gehen wieder auf Tournee, alte Songs werden neu abgemischt, alte Stilrichtungen wie der Soul der 60er werden wiederbelebt und so weiter. Unser Gast ist Daniel Haaksman, geboren 1968, er ist Berliner DJ, Produzent, Journalist und hat ein eigenes Musiklabel, nämlich Man Recordings. Guten Tag!

Daniel Haaksman: Hallo!

Hanselmann: Schön, dass Sie gekommen sind. Dieser Reynolds, den ich eben zitiert habe, Herr Reynolds, der hat mal gesagt: Die heutige Musik ist O-Saft, aber nicht aus frischgepressten Orangen, sondern aus Orangenkonzentrat und mit ganz, ganz viel Wasser verwässert. Hat er da recht?

Haaksman: Also, ich muss sagen, ja und nein. Ich glaube, dieser Satz bezieht sich auf die Soundqualität von Musik. Er beschrieb ja den Unterschied zwischen einer MP3, die er eben halt als Orangensaft aus Granulat bestehend bezeichnet, und im Unterschied zu einer Vinylaufnahme, die richtiger frischgepresster Orangensaft ist. Wie gesagt, soviel zur Soundqualität. Aber ich finde, was jetzt so die Frischheit von Musikstilen heute betrifft, gibt es eine ganze Reihe neuer Musikstile, die wir in Europa leider nicht so oft zu hören bekommen, zumindest nicht in den einschlägigen Medien – sei es jetzt Radio oder auch den ganzen Fernsehmusikkanälen –, aber wenn man online geht auf die Blogs oder auf Youtube, da gibt es ein endloses Fass von neuer, aufregender Musik aus Ländern, Musikstile, von denen man noch nicht gehört hat und die hier noch kein Forum haben, weil das auch Musikstile sind, die kommerziell noch gar nicht greifbar sind, die aber referenzfrei und retrofrei quasi die Jetztzeit feiern.

Hanselmann: Retrofrei, auch wieder ein schöner Begriff. Wollen wir gleich ein bisschen genauer drüber reden, weil das schwer interessant ist, aber erst mal will ich noch mal dagegenhalten. Leonhard Cohen wird weltweit gefeiert, wird bald 80, geht auf Tournee, rundum. Amy Winehouse hat uns den Sixties-Soul wiedergebracht. Die Fleet Foxes machen wieder handgemachten Folk. Also, es geht doch dann doch wieder alles eher nach hinten los und ...

Haaksman: Ja, Mainstream auf alle Fälle.

Hanselmann: ... aber trotzdem ist es gefragt, die Menschen gehen hin, sie wollen es sehen, sie wollen es hören.

Haaksman: Also, ich sehe es ja demografisch begründet. In Europa veraltet die Gesellschaft zunehmend, es gibt immer weniger junge Leute, und auch es gibt natürlich immer weniger junge Leute, die neue Musik oder neue, innovative Musikstile konsumieren könnten. Das heißt, das Gros der Musikkäufer ist heute zwischen 40 und 60, und die orientieren sich natürlich an den Musikstilen, die sie aus ihrer Jugend kennen. Und da sind vor allem auch die einzigen Leute, die noch Geld ausgeben für Musik, weil die Kids zwischen zwölf und 20, die sind aufgewachsen in einer Kultur, in der man Musik nicht kauft, sondern sich runterlädt oder auf dem Handy austauscht, oder auf der Festplatte hin- und herschickt, aber es ist diese junge Generation, die jetzt das Hörverhalten und auch die Musikwirtschaft der nächsten Jahre prägen wird. Die Leute, die jetzt eben zwischen 40 und 60 sind, die werden sich in 20 Jahren verabschieden aus dem aktiven Musikkonsum, und ich frage mich immer, was eigentlich die Musikwirtschaft in Deutschland oder auch jetzt im Zusammenhang mit der Popkomm oder Berlin Music Week eben macht, um diese neue Generation von Musikhörern zu begeistern, einzufangen. Ich sehe da halt sehr wenige Maßnahmen.

Hanselmann: Also gut, halten wir mal zwei Punkte fest, erst mal, die Retromania gilt für die älteren Musikkonsumenten und gilt vielleicht für die angloamerikanische Szene – England, Amerika, und dann eben auch überschwappend Deutschland und die Länder, die es gewohnt waren, englische Musik zu hören. Sie sagen, es gibt einen Innovationsschub, und Sie sprechen von anderen Ländern und von anderen Wegen, die die Musik geht. Was ist das genauer?

Haaksman: Ich beschäftige mich mit meinem Label Man Recordings ja schon seit einigen Jahren schwerpunktmäßig mit Musik aus Brasilien und speziell der Musik aus Rio de Janeiro namens Baile Funk – das ist Musik, die kommt aus den Favelas von Rio, den Armensiedlungen –, und ich habe das 2003 zufällig entdeckt, als ein Freund von mir aus Brasilien kam und mir einen Stapel CDs mitbrachte. Ich dachte anfangs: Na ja, vielleicht ist es halt so eine elektronische Form von Bosanova. Und als ich dann die CD einschob, und diese krachenden, lauten, energetischen Beats kamen, die vor Samples nur so platzten und vor Energie, war ich völlig begeistert und dachte mir: Das ist Musik, die habe ich noch nie vorher gehört, und das ist genau das, was ich auch als DJ gerne spielen möchte, nämlich Musik, die niemand kennt und die aber auf der Tanzfläche für maximale Ekstase sorgt.

Hanselmann: Super. Das ist genau der richtige Punkt, wo wir da mal reinhören wollen. Bitte schön!

((Musikeinspielung))

Hanselmann: Dieser Song ist erschienen auf dem Label unseres Gastes, das da heißt Man Recordings, und der Song heißt "Schlachthof Bronx". Wen hören wir denn da jetzt gerade singen oder rufen?

Haaksman: Das sind MC Gringo, ein deutscher MC, der in Rio de Janeiro wohnt, und seine Freundin MC Nem. Die sind beide auch sehr populär in der Funk-, in der Baile-Funk-Szene in Rio de Janeiro, und die Produzenten dieses Songs sind Schlachthofbronx, Produzenten aus München, und auch Künstler auf meinem Label Man Recordings.

Hanselmann: Schlachthofbronx ist also der Name dieser Produzenten. Der Song heißt ( ... ). Heißt auf Deutsch?

Haaksman: Das ist nicht ganz jugendfrei, also ...

Hanselmann: Okay, dann lassen wir es.

Haaksman: Ja.

Hanselmann: Weil wir haben sehr viele, ganz junge Zuhörer. Geben Sie uns vielleicht einen kleinen Einblick in ihre Arbeit. Ihr Label Man Recordings, wie funktioniert das in dieser Welt des Internet, wie nehmen Sie auf, wie finden Sie Künstler? Wie vertreiben Sie Ihre Musik?

Haaksman: Also, das Gros meiner Künstler kommt nicht aus Berlin, sondern aus Städten wie Rio de Janeiro, London, Paris, aber auch Tallinn in Estland, und die Kommunikation findet fast ausschließlich über das Internet statt. Auch neue Künstler, die ich auf dem Label veröffentliche, lerne ich quasi übers Internet kennen. Und natürlich, das Internet begünstigt eben auch den Austausch mit einem Land wie Brasilien, also vor zehn, 15 Jahren hätte ich ein Label wie Man Recordings niemals so gestalten können, weil alleine die Wege, die eine Brief- oder Postsendung von Berlin nach Rio gebraucht hat vor zehn, 15 Jahren, war einfach unvorstellbar lange, und das hätte den Produktionsprozess einfach total verlangsamt. Und heute geht es eben auf Knopfdruck dank des Internets, und natürlich auch in Brasilien ist man online. Und eben diese beschleunigte Interaktion, Kommunikation ermöglicht eben auch Zusammenarbeit mit Ländern, mit Städten, mit auch Social Environments oder mit Musikszenen, die früher abgeschlossen waren von der Musikwirtschaft in Europa oder in der Nordhalbkugel.

Hanselmann: Früher hat man als Musiker ein Demo gemacht in seinem Übungsraum und hat es dann an verschiedene Plattenfirmen geschickt und hat Wochen, manchmal Monate lang gewartet, bis dann die Absagen kamen. Heute produziert man, stellt es ins Netz und kann sofortige Reaktionen erwarten weltweit. Das ist ein Vorteil, aber ist es vielleicht nicht auch ein Nachteil, weil sozusagen der ganze Markt auch zugemüllt wird, weil jeder kann ja sein Produkt sofort online stellen, und keiner blickt mehr durch, keiner hat mehr Kriterien?

Haaksman: Das stimmt, es ist auch tatsächlich so, dass viele der Blogs, die diese neue Musik aus Ländern wie Brasilien, Angola, aber auch Mexiko oder Südafrika featuren, dass da einfach alles gepostet wird, was nur zu posten ist. Aber die Rolle der Labels heutzutage ist trotzdem irgendwie so eine Art Kompass durch dieses Meer von MP3s zu pflügen oder quasi die besten Sachen rauszunehmen, diese vor allem dann aber auch quasi nach europäischen Standards aufzuarbeiten, weil viele der Sachen, die hochgeladen werden, sind weder gemastert noch irgendwie richtig abgemischt, und auch für Man Recordings gilt, wir veröffentlichen Musik zum Beispiel auch aus Angola, aber überarbeiten die nach quasi deutschen Studio- und Produktionsmaßstäben, damit die auch hier in den Clubs gespielt werden können, weil die Sachen, die eben aus Angola zum Beispiel kommen, das sind 96-kps-MP3s, also MP3s mit einer extrem schlechten Auflösung, die halt hier im Club überhaupt nicht funktionieren und denen es halt hier an Volumen, an Bass, an Punch fehlt, und das sind genau diese Tracks, die Simon Reynolds quasi als Fruchtsaftkonzentrat-Orangensaft bezeichnet.

Hanselmann: Die man aber prima aufmöbeln kann, wenn man das Equipment dazu hat.

Haaksman: Genau.

Hanselmann: Gibt es ein zentrales Portal, wenn ich mich jetzt da weiter informieren will, umtun will, im Bezug auf diese Art von neuer Weltmusik, oder muss ich halt einfach ein bisschen rumsuchen?

Haaksman: Ja, Suche ist immer gut. Es gibt für wirklich jeden Substil, gibt es eine Plattform oder gleich mehrere. Also in Baile Funk gibt es rioneuroticbass.com zum Beispiel, eine große Website, wo man sich gratis MP3s runterladen kann, Ghettobassquake ist ein Blog aus London, was ich immer sehr gerne verfolge, Massala ist ein Blog aus Montreal, das sich spezialisiert hat auf Musik aus Afrika ...

Hanselmann: Das sind doch schon schöne Angebote. Letzte Frage: Weil ja die Berlin Music Week gerade läuft, sind Sie mit Ihrem Label dort vertreten?

Haaksman: Nein, ich war gestern mal kurz in Tempelhof auf einem Panel, wo es um Music Supervision ging, also, wie man als Label heute Musik in Spielfilmen und Videospielen et cetera unterbekommt, und ich war da ziemlich schockiert zu sehen, wie leer es dort war. Und ich war vor zehn, 15 Jahren häufiger auf der Popkomm. Damals glich die Popkomm einem Ameisenhaufen, und gestern war einfach gähnende Leere, und man konnte quasi die anwesenden Besucher mit zwei Händen zählen. Und das war halt schon etwas erschütternd, aber auf der anderen Seite auch ein Spiegel eben des Zustandes der Musikwirtschaft heute.

Hanselmann: Deswegen kurze Frage mit Bitte um kurze Antwort: Brauchen wir so was wie die Berlin Music Week in Zukunft überhaupt noch?

Haaksman: Ich finde, so als eine verdichtete Form von Partys, Konzerten et cetera, die halt auch Leute aus dem Ausland anziehen, bestimmt ganz gut. Und vor allem ist ja Berlin auch Standort vieler Labels, aber eigentlich ist jedes Wochenende in Berlin total viel los, und ich weiß nicht, ob man das wirklich jetzt noch weiter so führen müsste. Also, die Popkomm stelle ich doch sehr in Frage, aber ...

Hanselmann: Und sich treffen und diskutieren und austauschen kann man ja auch im Internet.

Haaksman: ... kann man auch online alles, genau.

Hanselmann: Vielen Dank, Daniel Haaksman, Berliner DJ, Musikproduzent, Journalist und Labelbetreiber. Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

http://soundcloud.com/daniel-haaksman

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