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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.12.2011

"Das größte Luxusproblem ist, die Freiheit als Problem zu begreifen"

Die Autorin Meredith Haaf über die Probleme von 30-Jährigen

Meredith Haaf im Gespräch mit Susanne Burg

Die Freiheit, sich zwischen vielen Lebensentwürfen entscheiden zu können, ist für Meredith Haaf ein Luxusproblem. (AP)
Die Freiheit, sich zwischen vielen Lebensentwürfen entscheiden zu können, ist für Meredith Haaf ein Luxusproblem. (AP)

Bücher von Um-die-30-Jährigen, in denen sich diese über die Schwierigkeiten ihrer Generation auslassen, liegen im Trend. Meredith Haaf hält dagegen. In "Heult doch – über eine Generation und ihre Luxusprobleme" hält sie ihren Mitmenschen vor, zu viel über Therapien lösen zu wollen und zu wenig Visionen zu haben.

Susanne Burg: Über die Generation Golf kann sich schon längst niemand mehr echauffieren, nun sind die jetzt 30-Jährigen dran. Ihre Bücher strömen auf den Markt, Bücher von Antonia Baum, Leif Randt oder Nina Pauer. Ein Roman findet sich derzeit gar auf Bestsellerlisten wieder, "Wachstumsschmerz" der 32-jährigen Sarah Kuttner. Die Um-die-30-Jährigen schreiben Bücher über ihre Ängste und über ihre Probleme. Es sind Luxusprobleme, das sagt eine Autorin dieser Generation, Meredith Haaf. Vor drei Jahren wurde sie bekannt mit "Wir Alpha-Mädchen – warum Feminismus das Leben schöner macht". Sie gehört zu den Mitbegründerinnen von maedchenmannschaft.net, einem Blog für eine bessere und gerechtere Gesellschaft. Und im Herbst ist ihr neues Buch erschienen: "Heult doch – über eine Generation und ihre Luxusprobleme". Meredith Haaf ist zu uns ins Studio gekommen. Guten Tag, Frau Haaf!

Meredith Haaf: Guten Tag!

Burg: Was sind das denn für Luxusprobleme, unter denen die 30-Jährigen Ihrer Meinung nach leiden?

Haaf: Also ich glaube, das größte Luxusproblem, das man auch jetzt mal wirklich im klassischen Sinne als Luxusproblem bezeichnen sollte, ist das Problem, sich nicht entscheiden zu können, also dieses Gefühl, man schwimmt in einem Meer von Möglichkeiten, es gibt so viel, was man tun könnte und vielleicht auch so viel, was man tun soll, aber man weiß eben nicht, was ist jetzt das beste für einen selbst und wie gestaltet man denn optimal seinen Lebenslauf? Und die Freiheit als Problem zu begreifen, das ist für mich ein Luxusproblem.

Burg: Sie schreiben auch: Keine Generation "vor uns ist so sicher, wohlhabend und mobil aufgewachsen. Doch wer Ende 20 ist, dessen Zukunftsmusik wurde ihm als Dreiklang aus Arbeitslosigkeit, Klimawandel und Energiekrise vorgespielt. Als Hauptantrieb haben wir nur Angst, und Angst ist alles Mögliche, nur nicht produktiv." Das klingt mir jetzt aber gar nicht so richtig nach einem Luxusproblem. Hier werden ja handfeste Probleme erwähnt.

Haaf: Das Luxusproblem ist ja so ein Begriff, der so sehr ambivalent ist. Er suggeriert einem: Das Problem, was du hast, das muss man sich ja erst mal leisten können. Ich denke, sozusagen eine Angst vor der Zukunft ist ein Problem, wo man sagen könnte: Okay, wenn es dir wirklich schlecht gehen würde, dann würdest du dich mit anderen Sachen beschäftigen, deswegen gibt es Menschen, die das als Luxus bezeichnen. Tatsächlich sind das aber wirkliche Probleme. Und auch ein Luxusproblem ist ein echtes Problem, mit dem man umgehen muss.

Burg: Also Nina Pauer sagt dazu, Pseudoprobleme haben wir offensichtlich nicht, denn es geht uns ja wirklich offensichtlich schlecht. Die Therapiezahlen und die psychosomatischen Erkrankungen, an denen wir ja schon in unseren jungen Jahren leiden, die gibt es ja. Und gleichzeitig leiden wir am Problemen, die an unseren Privilegiertsein liegen. Das sagten Sie auch gerade, was antworten Sie ihr?

Haaf: Dieses psychosomatische, dass man Rückenschmerzen hat oder so, das sind Probleme, die wahrscheinlich die ganze Gesellschaft betreffen. Das sind keine generationenspezifischen Probleme. Also es geht uns wirklich schlecht, ja, aber die Frage ist: Warum geht es uns schlecht und was können wir dagegen tun? Und was ich immer so ein bisschen befürchte, was so ein Hang in meiner Generation ist, ist, alles so über so eine therapeutische Ebene lösen zu wollen. Was ein bisschen fehlt, sind eben so gesellschaftspolitische Visionen vielleicht oder auch die Frage so: Was hat das eigentlich mit allem zu tun und nicht nur irgendwie mit meinem persönlichen Hang dazu, irgendwie sehr viel Stress auf mich zu nehmen?

Burg: Aber wie kann man in diesen Zeiten gesellschaftspolitische Visionen entwickeln?

Haaf: Ja, wahrscheinlich so, wie man es immer gemacht hat: Indem man sich die Zustände anschaut, sich überlegt, wo stehe ich, was sind meine Interessen in der Gesellschaft, was sind die Interessen der Gesellschaft, was sind die Probleme, die wir haben, und dann sich eben zu überlegen, was kann man da machen, was ist zu kritisieren, und was ist zu ändern, also so, wie das die Leute immer gemacht haben. Nur meine Generation hat, glaube ich, besondere Probleme, da auch genau diese Gedankengänge zu vollziehen.

Burg: Sie selber sind 28, sind ja auch, wie Sie es schon sagen, Teil dieser Generation. Ihre Altersgenossen haben in Kritiken nicht gerade beschwingt reagiert. Da war zu lesen, Sie würden kein gutes Haar an der Generation lassen in Ihrem Buch, aber vor allem, Sie würden sich selbst auf ein übergeordnetes Podest stellen. Verstehen Sie diese Kritik, Sie würden sich selbst zur Stimme einer Generation aufschwingen?

Haaf: Ich bin eine Stimme meiner Generation, genau so wie jeder andere meiner Generation eine Stimme sein kann. Ich habe mir jetzt das erlaubt, eine Diagnose zu treffen. Und ich glaube, das ist, was man tun kann. Also man kann über die Zeit, in der man lebt, Aussagen treffen, und man kann auch über die Menschen, mit denen man zusammenlebt, wenn man sie lange und genau genug beobachtet, wenn man auch wissenschaftliche Studien vielleicht dazuzieht – und das gibt es ja zum Glück über diese Generation doch –, dann kann man doch auch Aussagen treffen.

Burg: Die 30-Jährigen können sich selber nicht leiden. Über diese Generation spreche ich hier im Deutschlandradio Kultur mit der Autorin Meredith Haaf. Sie ist selber Jahrgang 1983 und hat das Buch geschrieben "Heult doch – über eine Generation und ihre Luxusprobleme". Frau Haaf, ein wichtiger Aspekt, der immer wieder auftaucht, ist die digitale Welt. Sie macht alles immer verfügbar und Standpunkte schwer. Die 28-jährige Nina Pauer, die schreibt: "Wir sind in die digitale Welt hineingerannt und haben uns dort verlaufen. Niemand hat uns gewarnt."Ja, wie können die 30-Jährigen ihrer Meinung nach wieder rausfinden aus der digitalen Welt? Einfach den Computer abschalten ist ja nicht wirklich realistisch.

Haaf: Also die Bücher, um die es jetzt geht, das gehörte auch zu dieser Generation dazu, dass die sehr viel Zeit zur Verfügung hat, weil sie entweder sehr spät dran ist mit Familiengründungen oder weil sehr viele auch an so freien Berufen arbeiten, wo sie dann oft den ganzen Tag eigentlich nur so tun, als würden sie arbeiten. Und dann kann man also auch gut lange vorm Computer sitzen und da sehr viel Zeit vergeuden, was diesen ein bisschen Suchtfaktor dann auch …

Burg: … Wenn Sie was quaken hören im Hintergrund, ist nicht Frau Haaf, das ist der Sohn, der ist mit im Studio.

Haaf: … also dieser Faktor, also man verbringt viel zu viel Zeit vorm Computer. Vielleicht löst sich das auch, wenn wir alle ein bisschen älter sind. Das wäre zu hoffen, wenn sich die Lebensstruktur auch ein bisschen ändert – aber ich glaube auch, dass das wirklich so eine strukturelle große Schwierigkeit ist, weil die unser Kommunikationsverhalten auch so stark prägt und auch letztendlich die Prioritäten, die wir setzen, und ich weiß da ehrlich gesagt gar keine Lösung dafür.

Burg: Andrea Hanna Hünninger ist im Nachwende-Osten aufgewachsen und hat ein Buch drüber geschrieben: "Das Paradies – meine Jugend nach der Mauer" ist der Titel, und sie schreibt: "Es gab nur Unsicherheit und Schuld. Ich teile mit vielen jungen Ostdeutschen die Erziehung durch melancholische, ja depressive, eingeknickte, krumme, enttäuschte, beschämte, schweigende Eltern und Lehrer." Soweit also Frau Hünninger. Das ist kein gutes Zeugnis, das sie da der älteren Generation ausstellt. Müssen sich die Älteren da nicht auch mal an die eigene Nase fassen, was sie mit der Generation der 30-Jährigen eigentlich angestellt haben?

Haaf: Also ich muss ganz ehrlich sagen, ich bin so ein bisschen kritisch gegenüber dieser Elternschelte. Mir tun diese Eltern, die da beschrieben werden, unglaublich leid, weil ich denke, die haben ihr Päckchen zu tragen gehabt, ihr sogenanntes, und ich denke, wir sind eigentlich auch in dem Alter, wo man nicht mehr die ganze Zeit seine Eltern für alles verantwortlich machen sollte. Also ich kann jetzt leider nicht für die Nachwende-Generation sprechen, weil ich selber in Westdeutschland geboren und aufgewachsen bin, aber ich glaube natürlich, das pädagogische Ideal der 80er-Jahre, was in der BRD vorhanden war – im Osten weiß ich es leider nicht –, das ist natürlich schon auch eine Wurzel von vielen Problemen, die wir heute haben. Also wenn es eben diese Selbstreferenzialität, die man uns attestieren kann, zum Beispiel, aber vielleicht sogar auch der Hang dazu, alles auf die Eltern zu schieben. Also vielleicht haben wir das auch von unseren Eltern.

Burg: Wenn wir jetzt noch mal die Bücher betrachten, die gerade erscheinen: Die junge deutsche Literatur hat lange nach einer Stimme gesucht. Die Macht der Nachkriegsliteratur, die war stark. Popliteratur war noch vor einigen Jahren so was wie ein Schimpfwort. Also der Anspruch, den Alltag möglichst realistisch abzubilden, über den langjährigen Vorzeige-Popliteraten Benjamin Stuckrad-Barre haben sich viele gerne lustig gemacht. Nun könnte man ja sagen, die 30-Jährigen haben endlich ihre Stimme gefunden. Sie bilden eine gesellschaftliche Realität ab. Wo also ist das Problem, wenn sie über ihre Luxusprobleme, wie Sie sagen, schreiben?

Haaf: Ich glaube schon, dass es schön und gut ist, dass es jetzt so was gibt, wie eine Stimme. Das war für mich auch ein bisschen so ein Antrieb, das zu schreiben, weil ich das Gefühl hatte, ich wusste damals natürlich nicht, dass auch noch ganz viele andere Menschen glücklicherweise da gerade dabei sind, und ich fand, das ist eben sehr wichtig, dass es jetzt mal losgeht, also dass man jetzt auch mal sagt, okay, wir sind jetzt eigentlich schon erwachsen, wieso sind wir dann irgendwie nicht da. Aber wenn man sagt, wo ist das Problem, dann natürlich reicht das jetzt nicht so ganz. Es ist gut, wenn diese Bücher erschienen sind, und dann hoffentlich sich auch viele damit auseinandersetzen, was da drin steht, aber die Probleme sind ja irgendwie auch politischer Natur, und die lösen sich nicht dadurch, dass jetzt in einem Bücherherbst irgendwie fünf bis sieben Bücher zu einem Thema erscheinen.

Burg: Gerade ist aber auch ein Buch von Daniel Boese erschienen. Er thematisiert den Kampf gegen den Klimawandel und porträtiert junge Klimaschützer in der Welt. "Wir sind jung und brauchen die Welt – wie die Generation Facebook den Planeten rettet", so heißt das Buch. Gibt es denn doch noch Hoffnung, gibt es noch Bücher, die Ihnen Hoffnung machen?

Haaf: Ich glaube, wenn es keine Hoffnung gäbe, dann könnte man auch kein Buch mehr schreiben. Ja, klar, es gibt immer Leute, die es anders oder besser machen, das ist nur nicht unbedingt die Mehrheit.

Burg: Was ist bloß mit den 30-Jährigen los? Darüber sprach ich mit der Autorin Meredith Haaf. Sie hat das Buch geschrieben: "Heult doch – über eine Generation und ihre Luxusprobleme". Im Herbst ist es erschienen im Piper Verlag, Frau Haaf, vielen Dank für Ihren Besuch!

Haaf: Danke schön!

Burg: Und den Ihres Sohnes!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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