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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.08.2012

Das Glück der Freundschaft

Philippe Grimbert: "Ein besonderer Junge", dtv, München 2012, 180 Seiten

Im Roman beschreibt Grimbert den komplizenhaften Aus- und Aufbruch eines Jungen und seines Begleiters.
Im Roman beschreibt Grimbert den komplizenhaften Aus- und Aufbruch eines Jungen und seines Begleiters. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

2007 wurde sein Erfolgsroman "Ein Geheimnis" verfilmt. Jetzt hat der französische Psychoanalytiker Philippe Grimbert die Geschichte eines introvertierten Studenten geschrieben, der sich Anfang der 70er-Jahre vier Wochen lang um einen autistischen Jungen kümmert und danach als befreiter Mensch in eine offene Zukunft aufbricht.

"Mai 68 hatte meine Hemmungen nicht zu Fall gebracht", gibt der Icherzähler in Grimberts Roman unumwunden zu. Die Geschichte spielt Anfang der 70er-Jahre. Der "große Schweiger" Louis studiert in Paris Jura, weil seine Eltern dies für karriereförderlich halten. Um sich allmählich aus der bevormundenden Umklammerung der Eltern zu lösen, nimmt Louis in den Semesterferien eine Beschäftigung in dem normannischen Badeort Horville an.

Da Louis dort regelmäßig Sommerurlaube verbracht hat, verspricht sein Aufenthalt zugleich eine Reise in die Vergangenheit zu werden. Er hat den 16-jährigen Sohn eines Pariser Geschäftsmannes und einer Autorin erotischer Romane zu beaufsichtigen. Man begreift schnell, dass der Junge an Autismus leidet, doch nennt der Autor die nervenzehrende Entwicklungsstörung nie beim Namen.

Der 1948 geborene Philipp Grimbert führt eine psychoanalytische Praxis. Bis 2009 begleitete er halbtags autistische Patienten in zwei Kliniken bei Paris. Auf der letzten Buchseite dankt er den "leiderfüllten Jugendlichen", die ihn zur Figur des "besonderen Jungen" angeregt haben. Im Zentrum des Romans steht indes Louis.

Grimbert hat einen Bildungsroman geschrieben, in dem die "Erziehung des Herzens" glückt. Dass der Autor seinem Protagonisten Flauberts Romane in den Koffer packt, ist ein allzu auffälliger Fingerzeig und typisch für Grimberts behäbige Erzählweise: Man weiß von vornherein, dass die Hinwendung zu einem bedürftigen "besonderen" Jungen den etwas älteren, ebenfalls "speziellen" Studenten binnen kurzer Zeit reifen lässt.

Aufgebrochen wird die Erzählung von poetischen Traumsequenzen und Erinnerungsblöcken, die eine vergangene Geschichte von der Annäherung ungleicher Jungen wachruft. Die Genauigkeit, mit der Grimbert die Freude von Jugendlichen beschreibt, die Strandgut und geheime Verstecke wie auch das Glück der Freundschaft entdecken, gibt dem Roman die ansonsten fehlende Tiefenschärfe.

Einzelnen Kapiteln vorangestellte Beobachtungen sind zwar grundrichtig, wirken indes allzu belehrend: Wer ahnte nicht, dass unser Geist und unser körperliches Gedächtnis nichts jemals vergessen werden, "weder den Augenblick der Mutlosigkeit noch das hinter vorgehaltener Hand geflüsterte Wort oder die flüchtig wahrgenommene Blässe eines Stücks Haut".

"Ich hätte", so Philippe Grimbert in einem Interview, "die klinische Erfahrung nutzen können, um einen gewaltsamen, trashigen Roman zu schreiben, aber mir liegt etwas an Formschönheit, an Eleganz". Grimberts Verständnis von Eleganz - hier und da eingestreute manieriert klingende Wortwendungen - wirkt bloß antiquiert. Umso mehr genießt man das Ende dieses Romans, indem der Autor den komplizenhaften Aus- und Aufbruch eines Jungen und seines Begleiters imaginiert.

Besprochen von Sigrid Brinkmann

Philippe Grimbert: Ein besonderer Junge
Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller
dtv, München 2012
180 Seiten, 14,90 Euro