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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.08.2011

Das geheime Leben der syrischen Freiheitsbewegung im Netz

Die Bloggerin Marcelle Shehwara über die Lage im Land

Von Kersten Knipp

Ein Plakat mit Syriens Präsident Bashar Assad in Damaskus (picture alliance / dpa)
Ein Plakat mit Syriens Präsident Bashar Assad in Damaskus (picture alliance / dpa)

Die Neuen Medien sind in Syrien zum Leitmedium geworden, denn nur ihnen trauen die Menschen noch. Sie geben die Zahl der Todesopfer bekannt, wenn das Militär einmal mehr brutal auf demonstrierende Zivilisten geschossen hat. Und sie nennen die Namen der Opfer sowie derjenigen, die vermisst werden.

Syrien hat eine relative breit gefächerte Medienlandschaft, jedenfalls auf den ersten Blick. Knapp 20 größere Zeitungen erscheinen in dem Land, auch eine ganze Reihe nationaler Fernsehsender bieten ihr Programm an. Doch all dies ist nicht viel wert, denn die wirklich wichtigen Nachrichten werden ausgespart. Gerade in den letzten Monaten habe sich gezeigt, wie uneffizient die Medien seien, meint die syrische Bloggerin Marcelle Shehwara, wie weit weg sie sind von den Realitäten des Landes.

Wenn sehr viele Demonstranten sterben, berichten die Medien über das schöne Wetter und behaupten, ansonsten passiere nicht sonderlich viel. Das zeigt, dass die hiesigen Medien für die Regierung sprechen, nicht für die Bevölkerung. Seit die Revolution begann, waren ausländischen Medien nicht mehr in Syrien. Und wenn keine Medien da sind, kann jeder alles tun, denn es wird nicht beobachtet, niemand berichtet darüber. Darum filmen die Leute jetzt und senden ihre Videos ins Ausland. Das trägt dazu bei, die Leute auf der Straße zu schützen.

Umso bedeutender sind in den letzten Jahren die Neuen Medien geworden. An ihnen hat Marcelle Shehwara sich erst relativ spät beteiligt – und zwar, weil ihr der politische Druck in Syrien unerträglich erschien. Seitdem sie im Juni in Deutschland öffentlich über ihre Arbeit berichtete, kann sie nicht in ihre Heimat zurück. Denn dort muss sie damit rechnen, verhaftet zu werden. So trägt sie nun von außen dazu bei, die Bevölkerung zu mobilisieren, ihr eine Möglichkeit zu geben, sich abzusprechen und zu organisieren. Als die Proteste dann begannen, die Menschen auf die Straße gingen und das Militär so hart zuschlug – da hatten die Blogger mit einem Mal noch eine andere Aufgabe – nämlich eine Öffentlichkeit herzustellen, die unter Umständen auch Leben retten kann.

Niemand würde von den vielen Verhafteten hören, denn deren Angehörige haben Angst, das bekannt zu machen. Wenn wir über die sozialen Medien erfahren, dass jemand verhaftet wird oder vermisst wird, sprechen wir darüber, machen wir die Sache öffentlich. So fühlt unsere Regierung den Druck und wird die Leute freilassen.

Die Neuen Medien sind zum Leitmedium geworden, denn nur ihnen trauen die Menschen noch. Sie sind es, die die Zahl der Todesopfer bekannt geben, die vor allem auch die Namen der Opfer nennen, sowie derjenigen, die vermisst werden. Über diese Informationen haben die Menschen die Möglichkeit, einander zu helfen, sich Tipps und Hinweise zu geben.

Und noch eines leisten die Neuen Medien: Sie geben der Protestbewegung ein Bild ihrer selbst, sie erinnern an die Ideale, in deren Namen die Demonstranten seit Monaten auf die Straße gehen, und die angesichts der übermächtigen Gewalt allzu leicht vergessen werden könnten.

Wir sprechen über Menschenrechte, Demokratie, die Rolle des Gesetzes. Wir haben Probleme mit dem Gesetz, denn die Regierung steht über allen Gesetzen. Wir erinnern die Leute daran, dass wir einen Rechtsstaat brauchen, keinen Mafia-Staat, in dem jeder tun kann, was er will, und es ist ok.

Wie die meisten Blogger in der arabischen Welt gehört auch Marcelle Shehwara der jungen Generation an – einer Generation, die über das Internet mit der ganzen Welt verbunden ist, die längst Zugang zu ganz anderen Medien hat als jenen, die der Staat kontrolliert. Wie in nahezu allen arabischen Ländern glauben die jungen Menschen der staatlichen Empörungsrhetorik nicht mehr, wollen nichts mehr wissen von alten antikolonialistischen Parolen, mit denen sich frühere Generationen noch ködern ließen. Sie sehen ihr Land nicht nur von innen, sondern auch von außen, haben Vergleichsmöglichkeiten, was eine kritische, ja dissidente Sichtweise erst möglich macht. Längst sind die Blogger der arabischen Welt, des arabischen Frühlings miteinander vernetzt. Und darum, erklärt Marcelle Shehwara, würde deren Arbeit auch in Syrien immer wichtiger.

Wenn es keine zivilgesellschaftlichen Organisationen gibt, haben die Blogger viel zu tun. Die Blogger sollten die Leute ansprechen. Die Leute spüren den Wechsel. Sehr viele schauen nach Libyen, sie schauen auf den Irak. Jetzt ist es an der Zeit, aufzustehen und zu sagen, nein, das ist unsere Erfahrung, es ist nicht wie irgendeine andere Erfahrung – es ist die syrische Erfahrung. Und wenn ihr Angst habt, sagen die Blogger den Leuten, dann tragt zum Wechsel bei, gebt euch nicht mit negativen Antworten zufrieden, versucht selber, der Wechsel zu sein.

Die Bloggs sind zu einem bürgerlichen Medium geworden. Auf ganz eigene Art erinnern sie an die Rolle der Zeitungen im Europa des 18. Jahrhunderts, als sich das Bürgertum als neue Klasse selbst entdeckte und vom Adel emanzipierte. Die Syrer versuchen derzeit, die kleptokratische Ordnung abzuschütteln, unter der sie noch leben müssen. Um dies zu schaffen, meint Marcelle Shewaha brauchen die Menschen nicht zuletzt dieses: den Glauben an sich selbst.

Die Menschen diskutieren viel darüber, ob sie die Demokratie verdient haben. Und wir wollen die Leute dazu bringen, wieder an sich zu glauben. Ja, ihr verdient die Demokratie, sagen wir ihnen. Und ihr verdient Würde, auch wenn ihr gewohnt seid, ohne sie zu leben. Aber ihr verdient sie.

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