Dienstag, 22. Juli 2014MESZ23:47 Uhr

Buchkritik

RomanSchuld als Schatten
Der englischsprachige Schriftsteller Joseph Conrad, aufgenommen im Dezember 1915.

Im 19. Jahrhundert erschienen, aber verblüffend aktuell ist der Roman "Lord Jim" von Joseph Conrad über einen Offizier, der seinen Dampfer im Stich lässt - wie der Kapitän der Costa Concordia. Er ist jetzt in neuer, modernisierter Übersetzung erschienen. Mehr

KriegserfahrungenRasend nah am Abgrund
Der französische Schriftsteller Blaise Cendrars (bürgerlich Frederic Sauser) Anfang der 50er-Jahre. Er wurde am 1. September 1887 in La Chaux-de-Fonds geboren und verstarb am 21. Januar 1961 in Paris.

Die Schrecken und Brutalität des Ersten Weltkrieges hat Blaise Cendrars in "Ich tötete - ich blutete" sprachlich so intensiv komprimiert, dass man sich davon so schnell nicht erholt. Es schreibt ein Mensch, der die Bilder von Verstümmelungen und Toten nicht mehr los wurde.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

LyriksommerDas Lied der Globalisierung
Der amerikanische Dichter Ezra Pound ("Pisan Cantos") am 18. April 1958 in Washington D.C.

Die Dichtung durchpflügt Kulturkreise und Historie, in der Monarchien vergingen, Diktatoren siegten und scheiterten, sie feiert Homer, Dante und die altchinesische Philosophie.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.11.2012

Das Gegenteil von Coolness

Vladimir Jankélévitch: "Die Ironie", Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 185 Seiten

Was ist Ironie? Vladimir Jankélévitch hat darüber nachgedacht.
Was ist Ironie? Vladimir Jankélévitch hat darüber nachgedacht. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Was unterscheidet Ironie, Zynismus und Komik? Der französische Philosoph Vladimir Jankélévitch hat darüber nachgedacht und mit "Die Ironie" ein Buch geschrieben, das schon 1936 in Frankreich gedruckt wurde. Jetzt ist es auf deutsch erschienen.

In Frankreich stand Jankélévitch, der zwischen 1939 und 1979 immer wieder als Professor - zuletzt an der Sorbonne - wirkte, lange im Schatten der vom Zeitgeist beflügelten philosophischen Richtungen: erst der existentialistischen, dann der strukturalistischen.



In Deutschland wurde die Rezeption von Werken Jankélévitchs erschwert, da er sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges einer deutsch-französischen Annäherung verschloss. Er hatte während des Krieges als Mitglied der Résistance gegen die Deutschen gekämpft und war später nicht bereit, ihnen den Holocaust zu verzeihen. Deutsche Musik und Philosophie wollte er fortan nicht mehr zur Kenntnis nehmen – und das, obwohl er über Schelling promoviert und über Liszt geschrieben hatte.



Im Original sind Jankélévitchs Überlegungen zur Ironie bereits 1936 veröffentlicht worden. Er schrieb sie in einer Zeit großer kultureller und politischer Kämpfe, in einem überhitzten Zeitalter, das mit Ausbruch des Krieges 1939 endgültig explodierte. Die Beschäftigung mit Ironie, ihre Würdigung als erkenntnisfördernde, das heißt rationale Geistes-und Lebenshaltung, kann damals nicht minder bedeutsam gewesen sein als heute, einer Zeit, in der Ironie, so selbstverständlich wie inflationär verbreitet, allgemein als lockere Form der Distanzierung, als Pose des Abgeklärten gepflegt wird.



Für Jankélévitch ist Ironie das Gegenteil von Coolness. "Ironie, die keine Überraschung mehr fürchtet, spielt mit der Gefahr", heißt es bei ihm. Ironie aber dürfe nicht bloß spielerisch sein, sondern müsse immer auch den Ernst als Bezugspunkt haben.



Wer nicht auf dem schmalen Grad zwischen Spiel und Ernst sicher balancieren kann, gefährde sich selbst (indem er sich lächerlich macht) oder den anderen (indem er ihn verletzt). "Der Ironiker spielt ernstlich."



Jankélévitch unterscheidet die Ironie von Zynismus und Sarkasmus. Und verortet sie, entfernt vom Komischen wie vom Tragischen, ein bisschen näher am Komischen, mit dem sie die Distanz zum Objekt teile.



Das ironische Ideal sieht der Philosoph in Sokrates verkörpert, die Gefahr der Ironie in den Romantikern des frühen 19. Jahrhunderts. Während Jankélévitch die fragende, die sokratische Ironie, geboren aus einem Geist der Entspannung, als erkenntnisstiftendes Mittel versteht, das gedankliche Bewegung initiiert, auch Dogmatismus und Extremismus verhindert, warnt er vor der romantischen Ironie. Sie sei egozentrisch und negiere gleichzeitig die äußere Wirklichkeit, sei zu ehrgeizig und aufdringlich, eine "Trunkenheit der transzendentalen Subjektivität".



Jankélévitch bezieht sich häufig auf Beispiele aus Literatur, Musik und Malerei. Viele seiner Sätze möchte man unterstreichen, so griffig sind sie, pointiert, ja, auch unterhaltsam. Er ist kein Philosoph eines geschlossenen Systems, weder in der Auswahl seiner Themen, noch dem Stil nach.



Er schreibt wie ein Literat. Seine Art assoziativen Philosophierens, macht auch diesen bald 80-jährigen Text, nicht nur angenehm lesbar, sondern hält ihn überdies immer noch aussagekräftig.



Besprochen von Carsten Hueck



Vladimir Jankélévitch:

Die Ironie


aus dem Französischen von Jürgen Brankel,

Suhrkamp Verlag, Berlin 2012,

185 Seiten, 19,95 Euro