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Interview / Archiv | Beitrag vom 23.07.2011

"Das ganze Land ist wirklich unter Schock"

Der Sicherheitsforscher Peter Burgess zu den Anschlägen in Norwegen

Auf der Fjordinsel Utoya starben 84 Jugendliche bei dem Attentat eines Einzeltäters (AP)
Auf der Fjordinsel Utoya starben 84 Jugendliche bei dem Attentat eines Einzeltäters (AP)

Mordfälle seien in Norwegen extrem selten, umso größer sei das Entsetzen im Land über die Anschläge, so der Leiter des Sicherheitsforschungsprogramms am PRIO-Friedensinstitut in Oslo. Rechtsradikale in Norwegen seien moderater als in Deutschland.

Gabi Wuttke. Mindestens 17 Tote durch die Bombe im Osloer Regierungsviertel, mindestens 70 Tote im Jugendcamp der norwegischen Sozialdemokraten – bittere Fakten am heutigen Morgen, die Polizei rechnet mit weiteren Opfern. Festgenommen wurde nach den Taten auf der Ferieninsel ein 32 Jahre alter Norweger, groß und blond wird er beschrieben, Medien ordnen ihn dem rechtsextremistischem Lager zu. Peter Burgess ist jetzt am Telefon, er ist Leiter des Sicherheitsforschungsprogramms am PRIO-Friedensinstitut in Oslo. Einen guten Morgen, Herr Burgess!

Peter Burgess: Guten Morgen!

Wuttke: Sind für Sie diese Taten das Ende der libertären, offenen Zeiten in Norwegen?

Burgess: Das ist die große Frage für uns in Norwegen und außerhalb Norwegens. Wir werden sehen, also, der Staatsminister hat schon diese Morde... also gestern Abend gesagt, dass es nicht das Ende von diesem liberale Gesellschaftsmodell ist, das wir in Norwegen kennen.

Wuttke: Mindestens 70 Tote auf Utøya – kann diese furchtbare Tat überhaupt von einem Einzeltäter ausgeführt worden sein, was meinen Sie?

Burgess: Kaum zu glauben, aber alle Andeutungen sind danach, dass es schon der Fall ist. Also die letzten Nachrichten von der Polizei sind, dass auf jeden Fall der Mann verbunden ist mit den zwei Tatorten. Ob er jetzt ganz allein gehandelt hat, ist eine offene Frage, aber es wird so angedeutet von der Polizei im Moment.

Wuttke: Ist das auch für Sie wahrscheinlich, dass es ein rechtsextremistischer Hintergrund war?

Burgess: Das ist nicht nur wahrscheinlich, ich glaube schon, dass es bekräftigt worden ist durch die Polizei und durch die Interviews ... dass er verbunden ist mit rechtsradikalen Bewegungen und so fort. Man muss aber auch hinzufügen, dass rechtsradikal in Norwegen bedeutet etwas anderes als in Deutschland oder in Frankreich oder anderswo.

Wuttke: Was bedeutet es in Norwegen?

Burgess: Also rechtsradikal ist sehr liberal, also nicht sehr radikal ... Also die Gruppierungen, die rechtsradikal genannt wurden in Deutschland, sind in Norwegen also viel, viel, also, sie infizieren überhaupt nicht in Norwegen, und was wir rechtsradikal in Norwegen nennen, ist viel mehr moderat. Das ist nicht, was wir heute hören in diesem Fall, aber darum ist es so unerhört, dieser Mordfall, diese Attentat, also Einzelmordfall in Norwegen ist sehr selten, so dass es wirklich unerhört ist und das ganze Land ist wirklich unter Schock.

Wuttke: Ein Jugendcamp der Sozialdemokraten von Ministerpräsident Stoltenberg, in Oslo wurde auch sein Büro durch eine Bombe zerstört. Wofür, Herr Burgess, steht die Partei? Wie wichtig ist es heute, dass in zwei Monaten in Norwegen ein neues Parlament gewählt wird?

Burgess: Das ist sehr schwierig zu sagen, aber es wird jetzt in den Medien behauptet, dass von Interessen von diesem Mann, dieser Mann, der festgenommen ist, dass die Arbeiterpartei, die die Regierungskoalition leitet, für eine multikulturelle Gesellschaft steht. Und er ist als rechtsradikal dagegen. Und so einfach ist die Analyse jetzt, so drei, vier Stunden nach Attentat. Also viel mehr wissen wir jetzt nicht.

Wuttke: An dieser Stelle unsere Anteilnahme für das, was in Norwegen passiert ist, Herr Burgess, und vielen Dank für dieses Gespräch. Das war im Deutschlandradio Kultur der Leiter des Sicherheitsforschungsprogramms am PRIO-Friedensinstituts in Oslo.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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Tote und Verletzte nach Anschlägen in Norwegen

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