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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 27.02.2008

Das Feindbild

Von Reinhard Kreissl

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann (AP)
Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann (AP)

Wenn wieder mal ein Skandal durch den Blätterwald rauscht, dann sind schnell die besorgten Beobachter zur Stelle. Verfall der Sitten, unerhörte kriminelle Energie, Rücksichtslosigkeit bedrohten das Gemeinwesen. Mit leicht nostalgischem Unterton ruft man dann nach Vorbildern.

Offensichtlich braucht der Mensch, zumindest der sprichwörtliche kleine Mann, das Vorbild, an dem er sich orientieren kann. Es soll ihn abhalten von den Verlockungen der Normübertretung, ihn zu Redlichkeit und Ehrlichkeit anhalten. Nebenher sollen diese Vorbilder auch noch suggerieren, dass in jedem von uns ein Heinrich von Pierer steckt. Man muss sich nur anstrengen.

Glücklicherweise ist der Kleine Mann nicht so dämlich, dass er das glaubt. Und das mit der Vorbildfunktion funktioniert natürlich so auch nur in den von Besorgnis triefenden Kommentaren der Medien. Wozu aber dann und mit welchen Folgen die ganze Aufregung?

Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Es geht nicht um die Lichtgestalten unter uns Sterblichen, die Suche nach den Gandhis und Dalai Lamas in Nadelstreifen ist vergeblich. Vielmehr ist es das Spektakel und die Aufregung, die voyeuristische Schadenfreude, dass es zur Abwechslung "die da oben" mal erwischt. Welcher Schwächere freut sich nicht, wenn der Stärkere mal eins auf den Deckel kriegt?! Und welchem Hartz IV-Empfänger, der sich für die paar Kröten erniedrigenden Prozeduren der Beauskunftung unterziehen muss, möchte man die Freude verwehren, dass jetzt am anderen Ende der Gesellschaft auffliegt, was einer nicht ordnungsgemäß deklariert hat.

Es ist der ausgestreckte Zeigefinger, der auf den Sündenbock zeigt, nicht der bewundernde Blick hinauf zu den Vorbildern, der die Menschen immer wieder mal für kurze Zeit hinter dem Banner der guten Ordnung versammelt. Auch wenn es eines demokratischen Rechtsstaats unwürdig ist, das Strafrecht so zu begründen – aber es geht um nichts anderes als den modernen Pranger. Seht her, da steht er! Gott sei Dank sind wir nicht wie der! Schande über ihn. Man kann sie alle dort hinstellen, von A wie Ackermann bis Z wie Zumwinkel.

Üblicherweise aber sind es andere Figuren, die diese exponierte Stelle des Sündenbocks für kurze Zeit immer wieder einnehmen. Erinnern wir uns: da gibt es die ausländischen Jugendlichen, die in U-Bahnhöfen auf Rentner einschlagen. Da gibt es die Mütter, die ihre frisch geborenen Kinder in der Mülltonne entsorgen. Da gibt es den katholischen Seelsorger, der seinen jugendlichen Schäfchen an die Wäsche geht. Und mit jeder dieser Figuren wird ein wichtiger Teil der herrschenden Ordnung bekräftigt. Der Ausländer zeigt uns, dass wir Deutsche sind, die Mutter, dass wir in Familien leben sollten, und der pädophile Pfarrer, dass die sexuelle Ordnung der Geschlechter doch bitte einzuhalten sei.

Jeder der dort am Pranger steht, löst eine strohfeuerartige Erregung aus, ruft die selbsternannten Experten auf den Plan und lockt die Politiker in die Talkshows, wo sie meist neue, schärfere Gesetze ankündigen. Immer wird dann für kurze Zeit darüber gestritten, was man an dieser oder jener Stelle anders, besser, effektiver gestalten muss. Und wenn man es geschickt anstellt, dann kann man aus dem einen gleich den nächsten Skandal machen. Denn immer steht natürlich die Frage im Raum: wer ist eigentlich schuld? Dann kann man die Politik für die Bildung, die Wirtschaft für die Globalisierung und das Zölibat für den Sittenverfall verantwortlich machen.

Machen wir uns nichts vor. Wir sind alle keine Engel und schon der alte Kant fragte sich sinngemäß, wie man mit einem Volk von Teufeln Staat machen kann. Im Moment wird eben immer wieder mal der eine oder andere symbolisch auf die Schlachtbank geführt und stellvertretend für alle anderen geopfert. Das ist nicht schön, aber es funktioniert. Und außerdem gibt es auch bei dieser Art symbolischer Politik Hinrichtungen erster und zweiter Klasse. Die Zumwinkels fallen meist weich, noch der ermittelnde Staatsanwalt sorgt sich zart besaitet um ihr Wohlergehen. Man möchte ihm nahelegen, das in Zukunft bei seinen anderen Klienten auch zu tun. Sie werden es ihm danken.

Vielleicht kommen wir einmal dahin, dass ein jeder, der in der Rolle des Sündenbocks durch das mediale Dorf gejagt wird, mit einem angemessenen Ruhegeld bis ans Lebensende entlohnt wird. Das wäre dann ein erheblicher zivilisatorischer Fortschritt. Eine solche Gesellschaft bräuchte keine moralischen Idole, sie wäre sich selbst ein Vorbild.


Reinhard Kreissl (privat)Reinhard Kreissl (privat) Reinhard Kreissl, Soziologe und Publizist, geb. 1952, ist Soziologe und Publizist. Studium in München, Promotion in Frankfurt/Main. Habilitation an der Universität Wuppertal. Kreissl hat u.a. an den Universitäten San Diego, Berkeley und Melbourne gearbeitet. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen verfasst und schrieb regelmäßig für das Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung". Buchpublikationen u. a.: "Die ewige Zweite. Warum die Macht den Frauen immer eine Nasenlänge voraus ist". Gerade erschienen ist bei Diedrichs im Hugendubel Verlag "Feinde. Alle, die wir brauchen". Kreissl lebt in München und Wien.

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