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Thema / Archiv | Beitrag vom 09.10.2012

"Das Exil ist ein Menschheitsthema"

Buchpreis-Gewinnerin Ursula Krechel über ihren Roman "Landgericht"

Moderation: Ulrike Timm

Ursula Krechel auf der Preisverleihung im Frankfurter Römer.
Ursula Krechel auf der Preisverleihung im Frankfurter Römer. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

Für ihren Roman "Landgericht", in dem sie die Rückkehr eines Exilanten beschreibt, wurde die Schriftstellerin Ursula Krechel in Frankfurt mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Sie interessiere sich für die "Härte des Ausgestoßenseins", sagt die Autorin.

Ulrike Timm: Der Deutsche Buchpreis destilliert sich nach und nach aus einer Liste von Vorschlägen heraus: Erst gibt es die sogenannte Longlist, und dann schmilzt der Kreis auf die Shortlist, sechs Bücher konkurrieren dann um diese Auszeichnung, die auch deshalb so begehrt ist, weil man Leser- und Kritikeranspruch so zu verbinden hofft, dass das Buch dann auch heftig über den Ladentisch geht.

Bei Uwe Tellkamps "Turm" hat das zum Beispiel prächtig geklappt, das war 2008. Jetzt hat Ursula Krechel den Deutschen Buchpreis erhalten für ihren Roman "Landgericht". Es geht darin um einen jüdischen Richter, Richard Kornitzer, der ins Nachkriegsdeutschland zurückkehrt, um Wiedergutmachung und um Aufarbeitung kämpft und erleben muss, wie wenig dieses Thema im Deutschland der ausgehenden 1940er-, Anfang 1950er-Jahre überhaupt interessiert.

Meine Kollegin Andrea Gerk sprach mit Ursula Krechel, und nach dem ersten Glückwunsch ging es darum, wie dieses sehr deutsche Thema die Autorin beschäftigt hat.

Ursula Krechel: Nun ja, meine Beschäftigung mit diesem Thema ist ein sehr langes Thema, und ich habe es sehr lange Zeit in der Stille gemacht. Nun ist diese Stille aufgeplatzt und sie ist sehr, sehr öffentlich geworden. Und ich arbeite ja doch auch im Sinne oder fast als Anwältin von vielen Menschen, die sehr gelitten haben. Und insofern sehe ich eben auch in diesem Preis eine Art von Wiedergutmachung denen, denen keine Wiedergutmachung geschehen ist.

Andrea Gerk: Sie sind ja nun schon mit sehr vielen Preisen ausgezeichnet worden - gerade 2009, als Ihr erster Roman erschien, unter anderem mit dem renommierten Joseph-Breitbach-Preis, mit dem Düsseldorfer Literaturpreis. Ist so ein Preis noch mal eine andere Anerkennung als eine euphorische Kritik oder nur gute Verkaufszahlen?

Krechel: Ja, es ist ein Preis, der doch eine Empfehlung an Leser ist, und insofern macht er doch sehr viel Öffentlichkeit. Und die Inszenierung, die der Börsenverein darum veranstaltet, ist ja auch sehr groß und sehr aufmerksamkeitsheischend vor dem ersten Buchmessentag. Das ist schon viel Aufregung, ja.

Gerk: Und beschert wahrscheinlich eine Weile ökonomische Freiheit.

Krechel: Das auch, ja.

Gerk: Das ist ja sicher auch für so einen eher kleinen Verlag, wie Sie ihn sich ausgesucht haben, Jung und Jung, der da so mehr oder weniger als Zweimannbetrieb in Salzburg die Gegenwartsliteratur pflegt, sicher inzwischen auch überlebensnotwendig, oder?

Krechel: Nein, der Verlag hat ja vor zwei, drei Jahren schon mal eine Preisträgerin des Buchpreises gehabt. Das fiel sehr auf, dass dieser kleine, kreative Verlag mit seinen Autoren sehr gut nachdenkt, sehr gut sie begleitet und eben da nicht das Geschiebe ist, was machen wir der Konjunktur gemäß, sondern der wirklich interessiert darin ist, die besten Bücher zu machen, und das hat sich bewährt. Jochen Jung hat mir auf meinen ersten Gedichtband 1977 einen Brief geschrieben und hat mich zu einer Anthologie eingeladen. Wenn ich überlege, wie wenig Menschen diesen ersten Gedichtband wahrgenommen haben und danach auch weitergelesen haben, so ist das auch ein Glück, so lange Beziehungen und ästhetische Freundschaften zu pflegen und zu wissen einfach - unsere Fragen stellen sich manchmal: Was hast du gelesen, und was habe ich gelesen? Und damit beschäftigst du dich. Und das, wenn man das über 30 Jahre tut, geschieht da auch sehr viel im Kopf, und es ist sehr schön zu planen eben auch.

Gerk: Kommen wir mal auf Ihren ausgezeichneten Roman, der greift ja auch, wie schon ihr erster Roman "Shanghai fern von wo" ein Stück deutscher Geschichte auf. Es geht um Menschen im Exil oder nun eben jemanden, der aus dem Exil zurückkehrt, Ihr Romanheld Richard Kornitzer. Was fasziniert sie an dieser Thematik, am Zustand des Exils so?

Krechel: Das Exil ist ein Menschheitsthema, von der Austreibung aus dem Paradies, vom Propheten des Exils Ezechiel, von Ovid, der ins Exil gejagt worden ist. Ich neige dazu, gerne Dinge, die vielleicht banal oder gewöhnlich sind, mir vorzustellen mit fremden Augen, sie zu sehen, weil diese fremden Augen besser sehen, genauer sind oder eine Irritation bringen, die ein Blick, der immer dasselbe sieht, gar nicht hat. Und die Härte des Ausgestoßenseins, die Härte, sich neu definieren zu können, auch das Glück zum Teil, sich neu definieren zu können, interessiert mich sehr, und ich habe mir einfach vorgestellt, dass ein Mensch, der zehn Jahre Deutschland verlassen musste, in eine Situation hineinkommt, in eine relativ kleine Stadt, wie ich sie erlebt habe, und ich habe mir sozusagen Richard Kornitzer, meinen Helden, wie einen Nachbarn, wie jemanden, der implantiert ist in eine kleinbürgerliche Situation, vorgestellt, und das ist offenbar sehr fruchtbar gewesen.

Gerk: Ist dieser Blick des anderen, wie Sie das nennen, diese Empathie, auch das, wo dann so ein dokumentarisches Material zur Literatur wird? Wenn Sie mit dem ...

Krechel: Ja, es wird natürlich nicht jedes dokumentarische Material zur Literatur. Manches bleibt todtrocken, man muss es schneiden, man muss es bearbeiten, man muss auch sparsam selbstverständlich damit umgehen. Aber ich arbeite sehr gerne mit verschiedenen Sprachstufen, und das tue ich in Gedichten auch, es ist nicht so, als würde jedes Gedicht, das man schreibt, gleich einem so aus dem Kopf kommen, sondern da sind auch Fundstücke drin, die sind anders vernäht, anders strukturiert. Aber der Kopf eines Autors ist nicht so etwas wie ein autonomes Gebilde, in dem man nur so in die Schublanden greift, sondern der wird auch angereichert durch sehr, sehr vieles, was er in den Kopf hineintut, wenn er klug ist.

Gerk: Aber die Hauptfigur hat ja ein reales Vorbild. Wie ist das wenn Sie jetzt so eine Figur finden? Ich nehme an, das haben Sie schon bei den Recherchen für den Shanghai-Roman gefunden, diese Figur. Ist da gleich klar, dass das ein Roman wird, oder wie verwandelt sich der Stoff?

Krechel: Das ist ein langsamer Prozess. Ich denke an eine solche Figur und überlege. Natürlich habe ich in dieser Figur sofort an Michael Kohlhaas gedacht, der auf andere Weise gegen Schranken, gegen Gesetzmäßigkeiten rennt und sein eigenes Gesetz (…) finden möchte, und dann entwickelt sich ein Ton, entwickelt sich aus den Fundstücken eine Struktur, und ich habe ein ganzes Jahr lang eigentlich nur nachgedacht über diese Figur und überhaupt keine Notizen eigentlich auch gemacht, und dann irgendwann zu schreiben begonnen, und dann ging es sehr schnell.

Also ich habe den dicken Roman von 500 Seiten in 26 Monaten geschrieben, was wirklich sehr, sehr schnell ist. Aber ich bin jemand, der vorher gut strukturiert und mir lange überlegt, was willst du eigentlich, was willst du damit, wie willst du diese Situation lösen, und nicht Fassungen für Fassungen macht, um nachher eben zu sagen, ich muss das aus der dritten, das aus der siebten, das aus der achten machen. Das ist für mich eine Arbeitsweise, die mir nicht liegt, und dann ... ich schreibe eigentlich erst weiter, wenn ich das Gefühl habe, so sitzt es, und so, genau so möchte ich das, und ändere am Ende nur noch Kleinigkeiten.

Gerk: Trifft das auch für den Umgang mit der Form zu? Denn Sie haben sich ja eine sehr lange Anlaufzeit gegönnt, bis Sie Ihren ersten Roman veröffentlicht haben.

Krechel: Na ja, das ist nicht ganz so. Ich habe 1981 schon ein Buch, "Szenen eines Romans", geschrieben, das hat sich jetzt so herumgesprochen. Das ist eigentlich gar nicht so. Ich habe eine sehr lange Erzählung, '90 bei Suhrkamp, eine Erzählung von 200 Seiten, die jeder sonst einen "Roman" genannt hätte, "Erzählung" genannt aus bestimmten Gründen. Also es hat sich irgendwie der Mythos, ich wäre sozusagen ab ovo eine Romanautorin jetzt gewesen. Es liegt daran vielleicht, dass dieses Thema, und dieses Thema, das ja doch auch breite und episches Gestalten braucht, sehr auffällig geworden ist.

Gerk: Ja, hängen denn überhaupt lyrisches Schreiben und Prosa für Sie zusammen? Wo spielt denn da das eine in das andere hinein?

Krechel: Es spielt eigentlich gar nicht ineinander hinein. Es spielt insofern hinein, dass sich der Fokus meiner Aufmerksamkeit immer auf Sprachmelodie, auf Sprachrhythmik konzentriert, aber ich brauche beim Roman eben sehr, sehr viel Planung, hervorragende Planung, ich navigiere ein großes Schiff mit vielen Passagieren über ein unbekanntes Gewässer. Meine Personen dürfen mir nicht zuschanden gehen und ich muss genügend Treibstoff haben für den Roman, während ich für Gedichte doch eine große, leere Fläche, eine unbeschriebene Fläche des Unbewussten brauche, mit der Vorstellung, ich weiß noch gar nicht richtig, was passiert. Und das sind ganz verschiedene Zugehensweisen, die also nach Jahren, oder - wenn ich zu viel Prosa geschrieben habe, wie jetzt, habe ich Sehnsucht nach Gedichten, wenn ich Gedichte schreibe, denke ich schon, und wann ... irgendwann sind die Strukturen wieder so eng, dass du einen Roman schreibst.

Gerk: Aber Ihr Roman ist ja auf so eine angenehm beiläufige Art sehr fein sprachlich gearbeitet. Kommt diese Sensibilität für die Sprache nicht vielleicht doch über die Lyrik?

Krechel: Ja sicher, natürlich, also die Vorstellung an Klängen, die Vorstellung von Rhythmen, das kommt ganz natürlich von meinem Sprachbewusstsein. Jedes Wort in der Lyrik kann stören, und diese Art von Präzisionsarbeit, mikroskopischer Arbeit am Text habe ich natürlich in die Lyrik hineingenommen.

Gerk: Ist denn die Arbeit am Text für Sie auch so was wie Heimat, wenn Sie das Exil so fasziniert?

Krechel: Das kann ich nicht sagen, dass es Heimat ist, es ist eine intensive Struktur der Versenkung, eine intensive Struktur, sich auch in andere Menschen zu versenken, die ich mir einerseits ausgedacht habe, aber die doch durch die Realität ein paar (…) und ein paar Realismen haben, aber die Intensität, die Empathie auch mit diesen Menschen ist für mich sehr wichtig.

Gerk: Und haben Sie schon den nächsten Begleiter, den wir dann auch in zwei oder drei Jahren kennenlernen können?

Krechel: Ich arbeite daran, ja, ich arbeite daran, aber ich kann noch nichts dazu sagen.

Timm: Ursula Krechel, die frisch gekürte Deutsche Buchpreisträgerin und ihr Roman "Landgericht", ist bei Jung und Jung erschienen, hat knapp 500 Seiten und kostet 29,90 Euro.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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