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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.03.2010

Das Europa-Gen

Fehlt den deutschen Eliten die Distanz zu Brüssel?

Von Peter Robejšek

Noch mehr Europa.
Noch mehr Europa. (AP)

Vor 60 Jahren formulierte der Sozialpsychologe Leon Festinger seine Theorie der Kognitiven Dissonanz. Sie beschreibt die Neigung der Menschen, solche Tatsachen zu missachten, die gegen ihre Überzeugungen sprechen. Der wider besseres Wissen selbst verordnete Glaube von Helmut Kohl an die Wirksamkeit der Maastrichter Kriterien ist für die Neigung der deutschen Eliten beispielhaft, all die Tatsachen auszublenden, die ihre Einstellung zu Europa in Frage stellen.

In Zusammenhang mit der Griechenland-Krise wurde bekannt, dass die deutsche Regierung eine Durchleuchtung von nationalen Haushalten der Eurozone durch die EU verhinderte. Man wusste wohl, was ans Tageslicht gekommen wäre, wollte aber eine Desavouierung des europäischen Integrationsprojektes unbedingt vermeiden.

Erstaunlich ist vor allem, mit welchem Gleichmut die Enttäuschungen und Fehlschläge bei der europäischen Integration hingenommen und verarbeitet werden. Die einzige Antwort auf die Probleme Europas, die man in Deutschland zu kennen scheint, ist "noch mehr Europa". Offenbar stellt die EU für die Mehrheit der deutschen Eliten weniger ein Instrument dar, dessen Zweckdienlichkeit durchgehend überprüft wird, sondern eher eine unantastbare Ikone. Warum diese Zwanghaftigkeit?

Seit dem Ende des Zweiten. Weltkriegs haben die Deutschen versucht, eine europäische Ersatzidentität anzunehmen. Nirgendwo wollte man ein vereintes Europa ehrlicher aufbauen und dafür auch große Opfer bringen. Es scheint fast, dass die deutschen Eliten in ihrem intellektuellen Genpool eine Art Europa-Gen tragen. Bewusst oder unbewusst führt es wohl dazu, dass die europäische Integration als eine zum Prozess geronnene Kette von politischen Reparationen für die Schuld ihres Landes im Zweiten Weltkrieg wahrgenommen wird.

Gleichermaßen ist der Gedanke blockiert, dass die zwanghafte Festlegung auf die Fortsetzung der Integration unter allen Umständen und um jeden Preis für das Vereinigungsprojekt selbst schädliche Folgen haben könnte. So deutet vieles darauf hin, dass die Geburtsfehler des Euros, die schon Helmut Kohl erkannt und ausgeblendet hat, auch in Zukunft ständige Stabilisierungsmaßnahmen erfordern werden. Der Euro könnte für Deutschland zur permanenten finanziellen "Reparationsleistung" werden.

Die deutschen Eliten aber scheinen zu weiteren Opfern im Namen Europas bereit zu sein. Diese Haltung ist bewundernswert, zumal sie in dieser Ausprägung nirgendwo in Europa anzutreffen ist. Doch es wird schwer sein, sie auch weiterhin umzusetzen. Dass die bisherigen Kosten der europäischen Integration von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung als eine historisch begründete Bringschuld an Europa mitgetragen wurden, könnte sich ändern. Dies gilt umso mehr, als sich in letzter Zeit die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch für Deutschland massiv verschlechtert haben.

Was passiert also, wenn die schweigende Mehrheit der Deutschen nicht mehr hinnehmen will, wie teuer sie die Unterstützung Griechenlands und das Festhalten am europäischen Integrationsweg kommt? In Berlin verlässt man sich offenbar darauf, dass die disziplinierten Deutschen nicht massiv protestieren werden. Aber vielleicht redet man sich auch das nur ein.



Peter RobejsekPeter Robejsek (privat) Peter Robejsek, Strategieberater und Dozent, geboren 1948, studierte in Prag und Hamburg Soziologie und Volkswirtschaft. Er beschäftigt sich mit fächerübergreifenden Analysen und Prognosen wirtschaftlicher sowie politischer Entwicklungen. Bücher: "Abschied von der Utopie" 1989, "Plädoyer für eine 'sanfte' NATO-Osterweiterung" 1999. Zahlreiche Zeitungs- und Zeitschriftenveröffentlichungen zu wirtschaftlichen, politischen und sicherheitspolitischen Fragen.