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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 20.08.2013

Das Ende des Prager Frühlings

Vor 45 Jahren marschierten Truppen des Warschauer Pakts in die CSSR ein

Von Otto Langels

Die Niederschlagung des "Prager Frühlings" forderte mehr als 100 Tote und 500 Verletzte.  (AP Archiv)
Die Niederschlagung des "Prager Frühlings" forderte mehr als 100 Tote und 500 Verletzte. (AP Archiv)

In den Abendstunden des 20. August 1968 landeten die ersten sowjetischen Militärmaschinen auf dem Prager Flughafen. Die Truppen des Warschauer Paktes beendeten gewaltsam den sogenannten Prager Frühling - den Versuch der Kommunistischen Partei der CSSR, einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" aufzubauen.

"In der Nacht haben wir schon die Flugzeuge gehört, eine ungewöhnliche Anzahl von offenbar schweren Maschinen, die tief über die Stadt flogen."

Der Schriftsteller Heinrich Böll war - auf Einladung tschechoslowakischer Autoren - am Abend des 20. August 1968 gerade erst in Prag angekommen, als er den Beginn der "Operation Donau" erlebte, die Besetzung der Tschechoslowakei durch sowjetische, polnische, bulgarische und ungarische Truppen.

Der Grund für die Invasion waren die Reformbemühungen der Kommunistischen Partei der CSSR. Der Slowake Alexander Dubcek stand seit Januar 1968 an der Spitze der KPC. Die wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung angesichts der repressiven Verhältnisse und der wirtschaftlichen Stagnation versuchte er durch personelle und politische Veränderungen aufzufangen. Ludvig Svoboda wurde neuer Staatspräsident, Oldrich Cernik Ministerpräsident. Im April verabschiedete die Kommunistische Partei ein Aktionsprogramm, das Rede-, Reise-, Presse- und Versammlungsfreiheit vorsah und die Privatisierung von Wirtschaftsbetrieben zuließ. Zudem erlaubte die KPC die Gründung von politischen Vereinigungen und stellte damit ihr Machtmonopol zur Disposition, ein Sündenfall für alle orthodoxen Kräfte im Ostblock.

Der Reformprozess, von dem Idealisten Alexander Dubcek als "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" apostrophiert, stieß bei den Bruderstaaten, insbesondere in Polen und der DDR, auf massive Ablehnung. SED-Parteichef Walter Ulbricht erklärte nach einem Treffen mit Dubcek:

"Sie haben Recht, also dass unsere Bürger manches nicht so einfach verstehen, was bei Ihnen vor sich geht. Ich würde sagen, dort, wo man den Kampf vernachlässigt, immer dort sitzt der Gegner."

Der Gegner saß nach Ansicht Ulbrichts nicht nur im kapitalistischen Westen, sondern auch in Prag und beschritt den Weg der "Konterrevolution".

Nach mehreren vergeblichen Versuchen, Alexander Dubcek von seinem Reformkurs abzubringen, forderten die Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn, Polen und die DDR die tschechoslowakische Führung Mitte Juli ultimativ zu einer Kurskorrektur auf. Als die entsprechende Reaktion ausblieb, beschlossen die Parteiführer der fünf Staaten die Invasion.

"TASS ist bevollmächtigt zu erklären: Partei- und Staatsfunktionäre der CSSR haben sich an die Sowjetunion und andere Bündnisstaaten mit der Bitte gewandt, dem tschechoslowakischen Brudervolk dringend Hilfe zu erweisen, einschließlich der Hilfe mit Streitkräften."

Die Meldung, die in der Nacht zum 21. August von der sowjetischen Nachrichtenagentur verbreitet wurde, bezog sich auf einen Brief, in dem einige moskautreue Funktionäre der KPC die sozialistischen Bruderstaaten um eine "kollektive Hilfsaktion" gebeten hatten. Dieses Schreiben diente den Invasionsmächten als Vorwand für ihr militärisches Eingreifen. Die DDR allerdings verzichtete in letzter Minute darauf, an der Grenze bereitstehende Divisionen in das Nachbarland zu schicken. Die Parallelen zum Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1938/39 in Prag wären zu augenfällig gewesen.

Die tschechoslowakische Partei- und Staatsführung verurteilte die Invasion.

"Hier spricht Prag: Der Vorsitz der Nationalversammlung der CSSR stimmt grundsätzlich nicht mit dem Vorgehen der verbündeten Armeen überein, die heute ohne Grund unser Land besetzen. Und dies ist durchaus in unseren gegenseitigen Beziehungen unzulässig."

Eine halbe Million ausländischer Soldaten mit über 6000 Panzern und 800 Flugzeugen besetzten innerhalb kurzer Zeit die strategisch wichtigen Punkte im Land. Die KPC rief nicht zum Widerstand auf, dennoch versuchten Prager Bürger verzweifelt, die Invasoren aufzuhalten.

"Die Demonstranten protestierten, indem sie auf die sowjetischen Panzer springen und tschechoslowakische Fahnen anbringen, die von den Russen wieder beseitigt werden. Man hört allerorts böse, gegen die Sowjets gerichtete Rufe wie ‚Faschisten, Faschisten‘",

berichtete der ARD-Korrespondent aus der Hauptstadt.

Die Niederschlagung des "Prager Frühlings" forderte mehr als 100 Tote und 500 Verletzte. Die Führung der KPC wurde in die Sowjetunion verschleppt und gezwungen, die eingeleiteten Reformen zurückzunehmen. Sie durfte danach in die CSSR zurückkehren, verlor aber Macht und Einfluss. Die Reformer um Alexander Dubcek wurden durch eine moskautreue Regierung unter Gustav Husak ersetzt.

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