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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.01.2012

Das Einmaleins des Finanzsystems

Georg von Wallwitz: "Odysseus und die Wiesel"

Von Florian Felix Weyh

Auch die Broker sind überfordert, meint von Wallwitz (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Auch die Broker sind überfordert, meint von Wallwitz (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Nicht nur die Anleger haben Bildungslücken in Ökonomie, sondern auch die Broker selbst, meint der Philosoph und Fondsmanager Georg von Wallwitz. In seinem Buch erklärt er, wie die Aktienmärkte funktionieren. Das liest sich so spannend wie ein Krimi.

Der Reichtum an der Börse ist verpufft. Die kleine Erbschaft hat sich in einen dünnen Kontoauszug verwandelt, auf dem sich das Wort "Zertifikat" und nur noch ein erschreckend niedriger Geldbetrag finden. So mag es 2011 manchem Anleger ergangen sein. Der schlägt dann die Hände über dem Kopf zusammen und ruft: "Warum hat mich keiner gewarnt!"

"Es ist in der Tat so, dass es vielleicht auch in Deutschland extrem ist, wie wenig sich die Menschen mit der ganzen Finanzwelt auseinandersetzen, und dadurch natürlich auch erst zu Plankton werden. Wenn der durchschnittliche Deutsche sich einen DVD-Spieler kauft, dann wälzt er drei Stiftung Warentest-Hefte und investiert da eine Menge Zeit. Wenn er dann aber ein Finanzprodukt kauft - irgendeinen merkwürdigen Fonds oder ein Zertifikat, dann lässt er sich das von irgendeinem Berater sagen, dass das passt. Und dann ist die Sache nach fünf Minuten gegessen."

Cover: "Odysseus und die Wiesel" von Georg von Wallwitz (Berenberg Verlag)Cover: "Odysseus und die Wiesel" von Georg von Wallwitz (Berenberg Verlag)Gegessen werden sie allerdings selber, die Privat- und Kleinanleger, für die der Insiderjargon eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung bereithält: "Plankton" - Futter für die großen Fische. Ohne Plankton würden die Profihändler der Fonds, Banken und Versicherungen zwar langfristig auf dem Trockenen sitzen, mit ihm haben sie aber ein leichtes Spiel. Denn Georg von Wallwitz spricht die Wahrheit aus: Die Deutschen tun sich schwer mit ihrer finanziellen Bildung.

Sie scheuen den Kontakt mit der kompliziert erscheinenden und moralisch irgendwie anrüchigen Materie Geld. Bislang half die Ausrede, es gäbe auch wenige Bücher, die kultivierten Ansprüchen genügten und nicht bloß oberflächliche Tipps für schnellen Reichtum gäben. Damit ist nun aber Schluss, denn "Odysseus und die Wiesel" nimmt den Faden der abendländischen Kultur schon im Titel auf:

"Den Odysseus hab ich als Anleihe genommen aus Horkheimer und Adorno, der 'Dialektik der Aufklärung', wo Odysseus geschildert wird als der erste moderne Mensch und der erste Unternehmer! Der eben vereinzelt ist, sich losgelöst hat von allen Bindungen, der listenreich ist, der skeptisch ist, keinem traut, aber am Ende eben immer sehr geschmeidig durchkommt und alles bekommt, was er will. Dabei aber auch rücksichtslos ist. Andererseits sieht er gut aus, hat einen irrsinnigen Erfolg bei Frauen. Er ist eben absolut eine Idealgestalt, die eben heute wahrscheinlich Unternehmer würde."

Georg von Wallwitz ist studierter Philosoph und Mathematiker und seit vielen Jahren als Fondsmanager ein Geldmarktinsider. Letzteres merkt man seinem Essay über die Finanzmärkte auf erfrischende Weise an.

Wo er auf der einen Seite anekdotenreich mit eigener Belesenheit aufwartet, stimmt er auf der anderen sarkastische Kommentare über seine Konkurrenten an. Der geistige Horizont gewöhnlicher Geldarbeiter, die Odysseus nur als Bestandteil einiger Firmennamen kennen, endet nämlich schon wenige Zentimeter vor dem eigenen Gesichtsfeld:

"Weder Broker noch Fondsmanager lesen in nennenswertem Umfang, auch keine Analysen. Es zu tun, hieße einen intellektuellen Aufwand zu treiben, den das Ergebnis nicht rechtfertigt. Broker haben in der Regel auch weder die Ausbildung noch die Erfahrung, um ernsthafte Gespräche über Unternehmen zu führen."

Aber natürlich orientiert sich auch der unbelesenste Broker an Theorien, an scheinbar gesicherten wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen. Doch während in der Ökonomie von beherrschbaren und weitgehend vernunftgeleiteten Märkten ausgegangen wird, stellt die Realität diese Theorien immer wieder in Frage. Zwar klappt beim Aktienhandel vieles über Self-Fulfilling Prophecies und erweckt damit den Anschein der Vorhersagbarkeit, doch insgesamt, schreibt Wallwitz, tauge die Finanz- und Wirtschaftswissenschaft wenig als Hinweisgeber für eigene Transaktionen:

"Ohne Intuition, ein Gefühl für den Markt, gesunde Paranoia, Ehrgeiz und Entscheidungsfreude kommt kein guter Fondsmanager oder Händler aus. Diese Eigenschaften sind in der Theorie nicht vorgesehen und in der Praxis sehr selten."

Das ist aber weder an Universitäten lehrbar, noch gibt es genügend intuitive Künstler der Geldanlage, um damit das Rad der Weltfinanz in Bewegung zu halten. Selbst wenn all die Übertreibungen der letzten Jahre - bewusste Regelbrüche, atemraubende Risikobündelungen, mathematisch undurchsichtige Zertifikatkonstruktionen - nicht stattgefunden hätten, wäre mit dem vorhandenen Personal wenig Staat zu machen gewesen. Denn der phantasierte Odysseus, der ideale Ur-Kaufmann, ließ sich kaum je blicken:

"In der Realität sind die Leute aber natürlich keine Odysseuse, sondern sie befinden sich eben meistens im Modus der Überforderung. So wie das Wiesel, welches das kleinste aller Raubtiere ist, eben immer überfordert ist mit dem Beutemachen. Und ähnlich geht's eben dem Fondsmanager, der überfordert ist mit dem, was er tun soll, nämlich die Wirtschaft zu verstehen, was ein irrsinniges komplexes System ist, mit unglaublich vielen beweglichen Teilen. Das zu durchschauen als Analyst, das ist eben praktisch unmöglich."

Wie die Wiesel, diese gierigen, nur im Kollektiv mutigen Kleinräuber die Weltbörsen fest im Griff haben, liest sich bei Georg von Wallwitz wie ein philosophischer Krimi. Fröhlich an seiner Einführung in die Finanzmärkte ist allerdings nur der Stil, nicht die Materie.

Unterm Strich entdeckt der Autor ahistorische Unbelehrbarkeit bei den Akteuren und ein System, das sich weit von seinen realwirtschaftlichen Wurzeln der Amsterdamer Börse des 17. Jahrhunderts entfernt hat. In seiner heutigen abstrakten Ausprägung scheint es Verantwortungslosigkeit und Opportunismus zu prämieren und selbst für die schlausten Händler kaum mehr durchschaubar zu sein.

Doch was tun mit den Ersparnissen, um nicht zum Plankton zu werden? Darauf gibt der Autor natürlich auch keine Antwort, wenngleich so etwas wie der Traum einer Gentleman-Börse mit kenntnisreichen und auf Fairness bedachten Teilnehmern durchschimmert. In diese Richtung agiert Wallwitz denn auch mit einem kostenlosen "Börsenblatt für die gebildeten Stände" im Internet, einer geistigen Investition in die Zukunft.

Möglicherweise aber sehen die "gebildeten Stände" nach der ebenso amüsanten wie lehrreichen Lektüre seines Buches einmal mehr von Geldanlagen in Aktien und Anleihen ab. In diesem Sinne wäre der Essay für den Vermögensberater Wallwitz so geschäftsschädigend, wie er ihm als Finanzaufklärer zum Ruhme gereicht.

Georg von Wallwitz: Odysseus und die Wiesel
Berenberg Verlag, Berlin 2011

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