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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 29.03.2010

Das Einheitsdenkmal – Und wo bleibt der Westen?

Von Gregor Sander

Blick auf ein Areal am Schlossplatz in Berlin, das als Standort für ein geplantes nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal vorgesehen ist. (AP)
Blick auf ein Areal am Schlossplatz in Berlin, das als Standort für ein geplantes nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal vorgesehen ist. (AP)

Ich bin gegen Denkmäler. Meine erste Reaktion ist: "Wozu brauchen wir das?" Ich kann mich nicht daran erinnern, in Deutschland oder auf Reisen bewusst ein Denkmal besucht zu haben. Der Gedanke: "Ich möchte gern mal das Völkerschlachtdenkmal sehen" oder ein anderes Denkmal kam mir bisher nicht in den Sinn. Was macht man denn dort? Selten sind diese Orte auch künstlerisch so interessant, dass ein Besuch sich lohnt.

Aber man kann mich überzeugen. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin habe ich mir auch nicht gewünscht, weil ich befürchtete, dass es nur zum Kränzeablegen gebaut werden würde, als eine Art in Beton gegossene Scham und Schande. Inzwischen finde ich es ästhetisch und funktional sehr gelungen.

Was ich bei der Diskussion um das Einheitsdenkmal vermisse? Den Westen! Einheit heißt immer Osten. Seit 1989. Zu den Jubelfeiern und Jubiläen werden Geschichten aus der DDR erzählt und Filme vom Fall der Mauer gezeigt. Das ist richtig und verständlich, denn der Westen war bei diesem Ereignis eine Art Zaungast, der wirklich spannende Teil fand im Osten statt. Aber bei der Einheit war die alte Bundesrepublik federführend. Wirtschaftlich, kulturell und juristisch wäre es in Ostdeutschland anders gelaufen, wenn es den Westen nicht gegeben hätte.

Es haben sich zwei Teile vereinigt, auch wenn das in Düsseldorf und Stuttgart niemand bemerkt hat. Es gab in der Ära Kohl keine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem, was passierte. Es wurde nicht darüber nachgedacht, wie wir dieses Land - das neue, größere - gemeinsam bewohnen wollen. Fünf neue Bundesländer traten bei und sonst, so schien es vielen im Westen, bleibt alles beim Alten. Aber dem ist ja nicht so, denn inzwischen ist das Land kulturell und wirtschaftlich miteinander verwoben.

Grob betrachtet, und Geschichte wird aus der Entfernung immer grob betrachtet und nur selten im Detail, ist die Wiedervereinigung ein Erfolg gewesen. Ein glücklicher Moment in der deutschen Geschichte. Also warum soll dafür nicht ein Denkmal gebaut werden? Nur, wenn dieses in Berlin steht und in Leipzig, was werden dann die Hamburger und Münchner denken, wenn sie das Einheitsdenkmal sehen? Osten – werden sie denken. Das steht da, weil die DDR sich aufgelöst hat und beigetreten ist.

Dass ein Teil des Monuments in Leipzig stehen soll, ist ein verständlicher Gedanke. Die Stadt hat bei der unblutigen Feierabend-Revolution eine herausragende Rolle gespielt. Auch Berlin ist mit seiner Teilungsgeschichte und seiner neuen Aufgabe als Hauptstadt ein logischer Ort. Aber warum gibt es nicht einen dritten Teil im Westen des Landes? Wie wäre es mit Bonn, dieser kleinen Stadt am Rhein, in der 40 Jahre lang Weltpolitik stattfand? Wo heute Stille herrscht und die Telekom. Oder Gießen, das lange Zeit ein Synonym für die Auffanglager war. Oder Lübeck, dessen Stadtgrenze 40 Jahre auch die Landesgrenze war.

Beigetreten sind die fünf Bundesländer nach dem alten Artikel 23 des Grundgesetzes. Der war für das Saarland geschaffen worden, das sich erst 1957 der Bundesrepublik anschloss. Die alte BRD war kein Monolith. Somit wäre auch Saarbrücken ein geeigneter Ort für einen dritten Teil des Einheitsdenkmals. Das hätte noch den schönen Nebeneffekt, dass es am weitesten entfernt vom Osten liegt.

Ich mache mir diese Gedanken, weil ich in Schwerin geboren wurde. Wäre ich 60 Kilometer weiter westlich zur Welt gekommen, würde hier ein anderer reden. Einheit heißt Osten. Wolf Biermann ist zum Einheitsdenkmal befragt worden, Friedrich Schorlemmer und sogar der ostdeutsche Schlagerstar Frank Schöbel. Aber was denken Petra Roth, die Oberbürgermeisterin von Frankfurt am Main oder Herbert Grönemeyer darüber? Und wie sehen Deutsche mit türkischen Vorfahren das Thema? Fatih Akin zum Beispiel.

Wir sollten die Diskussion über das Denkmal öffnen und uns nicht nur auf den Osten fokussieren. Zur Einheit gehören zwei Seiten. Der Westen sollte selbstbewusst seinen Teil vom Denkmal fordern. Das ganze Land ist ein anderes geworden. Auch wenn viele das immer noch nicht gemerkt haben.


Der Schriftsteller Gregor Sander (Sintje Sander/www.gregorsander.com)Der Schriftsteller und Journalist Gregor Sander (Sintje Sander/www.gregorsander.com)Gregor Sander, Schriftsteller und Journalist, geboren 1968 in Schwerin, hat Medizin und Germanistik studiert. Anschließend Besuch der Berliner Journalistenschule. 2002 erschien sein Debüt "Ich bin aber hier geboren", für das er den Förderpreis zum Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg bekam. 2007 folgte sein Roman "Abwesend" und wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2009 3sat-Preis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

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