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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.08.2013

"Das Beispiel lehrt uns Demut …"

Ronald Reng: "Spieltage: Die andere Geschichte der Bundesliga", Piper, München , 2013, 448 Seiten

Lothar Emmerich und Timo Konietzka freuen sich am 24.8.1963 über das erste Tor der Fußball-Bundesliga. (picture alliance / dpa / Tell)
Lothar Emmerich und Timo Konietzka freuen sich am 24.8.1963 über das erste Tor der Fußball-Bundesliga. (picture alliance / dpa / Tell)

Um ein geplantes Bundesligaspiel zu verhindern, soll der ehemalige Trainer Heinz Höher auch schon mal mit Wassereimern den Platz vereist haben. Eine von vielen Geschichten, die eine erfrischend andere Perspektive auf die 50-jährige Geschichte der Bundesliga werfen. Aufgeschrieben hat sie der Sportreporter und Schriftsteller Ronald Reng.

50 Jahre Bundesliga. Das lässt sich natürlich mit Toren und Tabellen bequem und lückenlospräzise abbilden. Ronald Reng wählt eine andere Methode. Er hat die Geschichte eines Mannes aufgeschrieben, der von Anfang an dabei war, und so entsteht eine lebendige, fesselnde Erzählung, die auf fast 500 Seiten zwischen Abenteuerroman und Dokumentation, zwischen Tragik und Komik hin- und herpendelt.

Heinz Höher: Ein Name wie aus einem Groschenroman. Mit 25 stürmt er in der ersten Bundesligasaison mit dem Meidericher SV sensationell auf Platz zwei. Nach einer durchschnittlichen Spielerkarriere folgen mäßig erfolgreiche Stationen als Trainer und Manager im In- und Ausland. Höhenflüge und Abstürze. Heute, mit 75, ist Heinz Höher zwar nur noch ein "Ex", aber mit dem Herzen ist er immer noch dabei. Vor zwei Jahren musste der eigentlich wortkarge Eigenbrötler alles, was sich über fünf Jahrzehnte in ihm angesammelt hatte, endlich loswerden und verabredete sich mit dem Reporter Ronald Reng.

"Er ist 73. Auf dem Rücken trägt er einen neongelben Adidas-Rucksack aus den Achtzigern. Darin hat er einen Stapel Unterlagen mitgebracht, fünfzig Jahre alte Zeitungsartikel über seine Zeit beim MSV Duisburg, Notizen über Juri Judt, den er ganz alleine vom Kind zum Bundesligaprofi formte, Briefe von Banken, in denen es um Millionenschulden geht, Interneteinträge über Alkoholismus: Sein Leben als Mann des Fußballs in einem Rucksack." Der alte Rucksack ist eine Schatztruhe.

Reng zimmert aus ihrem Inhalt - den wahnwitzigen Zeugnissen eines fußballverrückten Sonderlings, der schon mal eigenhändig mit Wassereimern den Platz vereiste, um ein Spiel ausfallen zu lassen - nicht nur das Portrait Heinz Höhers, sondern auch die anschauliche Entwicklungsgeschichte der Fußballbundesliga. Manches aus Heinz Höhers Leben, wie der auch dem unmenschlichen Erfolgsdruck geschuldete Alkoholismus, lässt sich auf Trends im Fußball hochrechnen. Entwicklungen des modernen Fußballs werden durch Höhers persönlichen Stillstand noch deutlicher.

Ohne Heinz Höhers Drang zu so großer Offenheit wäre das Buch nicht möglich gewesen. Lakonisch berichtet Ronald Reng über zum Teil sehr verstörende Details aus Heinz Höhers Privatleben. Reng schlachtet das aber nicht aus, wird nicht auf Kosten eines billig einsetzbaren Effekts verletzend.

Durch seine Begegnung mit Heinz Höher und dessen eigenartige Geschichte hat Ronald Reng, wie er schreibt, zum ersten Mal wirklich begriffen, wie sich die Bundesliga in den verschiedenen Epochen seit ihrer Gründung anfühlte, wie sich der Fußball veränderte und wie der Fußball einen Menschen verändern kann. Das neue, magische Spiel ohne Mittelstürmer wird dem FC Barcelona zugeschrieben. Ronald Reng sieht das jetzt anders: "Es war irritierend schön zu lernen, dass Heinz Höher diese taktische Finesse schon 1977 in Bochum erprobt hatte. Das Beispiel lehrt uns Demut…"


Besprochen von Thomas Jaedicke

Ronald Reng: Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga
Piper, München , 2013
448 Seiten, 19,99 EUR

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