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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.01.2010

"Das Augenmaß verloren"

Herausgeber eines Arzneimittel-Fachblatts kritisiert Umgang mit Schweinegrippe

Wolfgang Becker-Brüser im Gespräch mit Katrin Heise

Wolfgang Becker-Brüser: Es gibt auch unabhängige Berater.  (AP)
Wolfgang Becker-Brüser: Es gibt auch unabhängige Berater. (AP)

Die Schweinegrippe verlaufe deutlich milder als erwartet, sagt Wolfgang Becker-Brüser. Die Horrorszenarien hätten seinen Glauben an Institutionen wie die WHO "stark beeinträchtigt", so der Herausgeber des unabhängigen "arznei-telegramms".

Katrin Heise: Anfang April vergangenen Jahres gab es den ersten Fall. Bei einem fünfjährigen Jungen in Mexiko wurde ein unbekanntes Virus festgestellt. Der Junge war bald wieder gesund, aber die Welt fiel ins Fieber. Die sogenannte Schweinegrippe verbreitete sich, Mitte Juni rief die Weltgesundheitsorganisation, die WHO, eine Pandemie aus. Ende September lässt die europäische Zulassungsbehörde den Impfstoff Pandemrix zu. Und den haben wir jetzt im Überfluss. Denn bisher ist es nicht so gekommen, wie befürchtet, aber die Impfdosen sind bestellt und werden geliefert, auch wenn sich eigentlich kaum mehr jemand impfen lässt. Unter dem Titel "Gesundheitsgefahr durch gefälschte Pandemien – Faked Pandemics" wird es eine Dringlichkeitsdebatte in der parlamentarischen Versammlung des Europarates geben. Am Telefon begrüße ich jetzt Wolfgang Becker-Brüser. Er gibt das "arznei-telegramm" heraus, das ist ein Informationsdienst für Ärzte, Apotheker und andere Heilberufe, finanziert nur über Abos, also unabhängig, wie Sie selbst betonen. Schönen guten Tag, Herr Becker-Brüser!

Wolfgang Becker-Brüser: Guten Tag, Frau Heise!

Heise: Würden Sie der Bezeichnung des Gesundheitsausschusses des Europarates folgen oder zustimmen, die Pandemie sei eine reine Erfindung gewesen, gefakt?

Becker-Brüser: Na ja, ein Körnchen Wahrheit ist da bestimmt dran. Also wir haben schon gestaunt, wie rasch das damals ging und wie problemlos diese Pandemiestufen hoch geschaltet worden sind und auch wie letztendlich im Vorfeld die Begrifflichkeit der Pandemie verändert worden ist. Eine Pandemie darf man ja nicht nur definieren, dass besonders viele Menschen weltweit betroffen sind, es spielt ja auch eine Rolle, wie bedrohlich und wie schwer eine Erkrankung ist. Und ich denke, da ist einiges den Bach runtergegangen an Genauigkeit.

Heise: Denn die Verbreitung war ja doch relativ rasant. Also es gab dann ja schon Ende April, wenn ich mich richtig erinnere, eine Schule, die in Deutschland beispielsweise geschlossen werden musste. Also von daher, Pandemie ist da für Sie aber der falsche Ausdruck?

Becker-Brüser: Also die Schule wurde geschlossen, ob sie geschlossen werden musste, bleibt fraglich. Ja, relevant ist ja natürlich auch, wie schwer die Erkrankung ist. Bei der Vogelgrippe, das war ja die Vorerfahrung gewesen, hatte man eine andere Situation gehabt, dort war es eine schwere und bedrohliche und auch häufiger tödliche Infektion, die allerdings nicht so die Verbreitung gefunden hat wie die Schweinegrippe.

Heise: Warum ist das so passiert, wie Sie sagen, dass man also viel zu wenig auf die Stärke und Ausprägung der Krankheit als vielmehr auf die Zahlen geguckt hat und deswegen dann Pandemie so schnell, dieses Wort im Munde geführt hat beziehungsweise die Stufen eben auch tatsächlich so angehoben hat. Was werfen Sie den unterschiedlichen Akteuren vor?

Becker-Brüser: Na ja, man hat so ein bisschen das Augenmaß verloren. Ich denke, man hat immer das Gespenst dieser Vogelgrippe oder ähnlich bedrohlicher Infektionen im Hinterkopf gehabt und hat so dieses Worst-Szenario, also die schlechteste Folgesituation im Hinterkopf gehabt. Und hat dann vergessen zu berücksichtigen, dass eine andere virale Infektion, eine andere Virusgrippe eben andere Eigenschaften haben kann, und das führte dann zu manchen Fehlentscheidungen.

Heise: Wenn man jetzt aber den Wissensstand von April oder Mai letzten Jahres, vergangenen Jahres nimmt, hat man das da schon sehen können, hat die Politik da, hätte die Politik oder die Gesundheitsinstitution wie WHO oder Robert Koch-Institut oder die Ständige Impfkommission, hätten die anders reagieren müssen?

Becker-Brüser: Na ja, man wusste natürlich im April/Mai noch nicht, wo der Zug hingeht, das ist vollkommen klar ...

Heise: Aber da musste man dann ja schon tätig werden.

Becker-Brüser: Man musste tätig werden. Aber es war auch klar, dass mit der Hochstufung der Pandemie auf die höchste Stufe der Startschuss gegeben worden ist für die Impfstoffproduktion. Denn man hatte in Deutschland beispielsweise auch schon im Vorfeld und auch angesichts der Vogelvirusgrippe Verträge mit Firmen abgeschlossen zur Lieferung entsprechender Impfstoffe.

Heise: Das klingt jetzt wieder so, dass da also im Vorfeld etwas abgeschlossen wurde, was man dann im Nachhinein quasi erst mal erfüllen wollte, mit Leben füllen wollte sozusagen.

Becker-Brüser: Man kann das vermuten. Man fühlte sich vorbereitet und man wollte jetzt auch demonstrieren, wie gut man vorbereitet ist und wie schnell man handeln kann. Und man hat dann auch Verträge geschlossen, die in meinen Augen unangemessen waren oder auch unprofessionell waren, weil die Unabwägbarkeiten einer solchen Situation gar nicht berücksichtigt worden sind. Man hat sich beispielsweise schon auf die Zahl der Dosierungen, die erforderlich würden, festgelegt, obwohl man den Virus noch gar nicht genügend kannte. Man hat sich also lediglich an dem Vogelgrippevirus orientiert, und man hat auch die Verträge so abgeschlossen, dass man nicht gesagt hat, okay, wir schließen einen Vertrag ab für die Impfung von soundso viel Millionen Menschen, und der Impfstoff muss dafür angemessen sein. Aber man hat gleich gesagt, nein, es muss ein Impfstoff mit Wirkverstärker sein, der soll soundso viel kosten und man soll auch zweimal impfen. Und das sind alles Prämissen gewesen, die konnte man noch gar nicht absehen, und deswegen hätte man auch viel vorsichtiger solche Verträge abschließen müssen.

Heise: Der Umgang mit der befürchteten Pandemie Schweinegrippe ist unser Thema im "Radiofeuilleton" mit dem Herausgeber des "arznei-telegramms" Wolfgang Becker-Brüser. Andererseits, Sie sagen jetzt gerade, man hatte, also das klingt ja immer so, als ob das irgendjemand gewesen wäre, das waren ja durchaus Experten, Experten von der Weltgesundheitsorganisation, der Impfkommission, der Robert Koch-Institutes. Der Chef des Gesundheitsausschusses des Europarates,Wolfgang Wodarg, der sagte hier im Deutschlandradio Kultur, er habe den Glauben an diese Institutionen verloren. Wie sehen Sie deren Unabhängigkeit und damit Glaubwürdigkeit?

Becker-Brüser: Also den Glauben an solche Institutionen in dem Sinne habe ich auch verloren oder er ist zumindest stark beeinträchtigt worden, weil permanent eigentlich ein Worst-Szenario, der schlechteste Fall hoch gehalten worden ist, und man hat letztendlich die Bevölkerung auch dadurch verrückt gemacht. Man hat ein Horrorszenario aufgebaut, unterstützt durch Presseschlagzeilen, in denen dann die Tausenden Erkrankten weltweit gezählt worden sind, und später sind dann aus den Schlagzeilen die ersten Toten genauso gezählt worden. Und hier ist eigentlich versäumt worden, auch eine Mäßigung letztendlich zu erzeugen und auch Vergleiche zu erzeugen, wie letztlich die normale Wintergrippe abläuft. In der Wintergrippe ist es, in Anführungsstrichen, "normal", dass zwischen 5000 und 12.000 Menschen sterben in Verbindung mit dieser Wintergrippe, und da sind wir auch heute noch weit von weg, von solchen Zahlen, sodass man eigentlich sagen muss, heute weiß man mit Sicherheit, dass die Schweinegrippe deutlich milder verläuft als die übliche Wintergrippe. Auch das ist letztendlich in der Vorausschau so nicht absehbar gewesen, aber man hat immer nur vom Schlimmsten geredet.

Heise: Warum hat man das getan? Würden Sie da sagen, also diese Institutionen, die genannten, weisen eine gewisse Abhängigkeit beispielsweise von der Pharmaindustrie auf?

Becker-Brüser: Na ja, es ist nicht von der Hand zu weisen, dass dort einige Interessenverbindungen existieren, auch bei der Ständigen Impfkommission sind die dortigen Berater zum großen Teil mit den Impfstoffherstellern in irgendeiner Form finanziell verbandelt. Man sagt auf der einen Seite, okay, ist ja klar, das sind Leute, die sich auskennen, die arbeiten natürlich auch für die Pharmaindustrie, sie machen auch Forschung für die Pharmaindustrie, andererseits sind das auch Menschen oder Experten, die dann auch irgendwie vorbelastet sind in ihren Entscheidungen, die auf jeden Fall Pro-Impfstoff eingestellt sind und keine echte Nutzen- und Schadenabwägung mehr machen können.

Heise: Geht das ganz praktisch tatsächlich unabhängiger?

Becker-Brüser: Ja, das ist schwierig, aber es gibt auch unabhängige Berater, die man auch heranziehen muss. Und ein Problem haben wir auch gehabt mit den Verträgen beispielsweise, die die Bundesregierung, die Landesregierungen mit der Firma geschlossen hat. Das waren Geheimverträge. Das sind Verträge, die wurden nicht öffentlich ausgehandelt und auch gar nicht veröffentlicht. Das ist eine Situation, wo man auch bewusst auf externen Rat dann verzichtet, und das ist fehlerträchtig.

Heise: Das heißt, gerade diese Geheimhaltung spricht dafür, dass da nicht alles ganz koscher war, dass es jedenfalls nicht transparent gemacht werden konnte?

Becker-Brüser: Es ist intransparent und weckt den Verdacht, dass hier Beeinflussungen abgelaufen sein könnten oder sind, die der Sache nicht zuträglich sind. Es geht ja um die Gesundheit der Bürger, es geht nicht um die Aktivitätsbeschreibung eines Politikers.

Heise: Haben Sie den Eindruck, dass daraus gelernt wurde jetzt?

Becker-Brüser: Ich befürchte, so richtig gelernt worden ist nicht daraus. Die Indizien sehe ich nicht. Es wird nach wie vor die nächste Welle beispielsweise jetzt an die Wand gemalt. Es kann niemand voraussehen, wie sich die Grippe weiterentwickelt, die Schweinegrippe, aber man weiß zum Beispiel aus Neuseeland und aus Australien, dass dort insgesamt die Schweinegrippe deutlich milder abgelaufen ist und mit weniger Toten abgelaufen ist als vorherige Wintergrippen. Und insofern besteht keine Notwendigkeit, jetzt permanent auf solche drohenden neuen Wellen hinzuweisen, es sei denn, man will die Impferei befürworten.

Heise: Sagt Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des "arznei-telegramms", über den Umgang mit der angenommenen Pandemie Schweinegrippe. Vielen Dank, Herr Becker-Brüser!

Becker-Brüser: Gern geschehen!

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