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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.09.2012

Das Alphabet der Tiere

Christian Kassung / Jasmin Mersmann / Olaf Rader (Hg.): "Zoologicon - Ein kulturhistorisches Wörterbuch der Tiere", Wilhelm Fink Verlag, München, 2012. 491 Seiten

Neugierige Besucher in Wiens erstem Katzen-Café, 2012
Neugierige Besucher in Wiens erstem Katzen-Café, 2012 (picture alliance / dpa / Georg Hochmuth)

Wer den Menschen als solchen erklären soll, kommt schnell auf Tiere zu sprechen. Weil Tiere etwas haben, was wir nicht haben. Kulturwissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität haben nun ein Wörterbuch der Tiere zusammengestellt, das zeigt, wie wichtig Elefant, Tiger oder Katze für unser Selbstbild sind.

Der Wolf ist eine Wölfin. Denn in diesem Buch geht es nicht um Alpha-Tiere oder darum, wie sie mit gespitzten Ohren und erhobenem Schwanz ihren Rang anzeigen. Es geht nicht um schnöde Biologie, sondern um die Überzeugung, dass der Mensch auch als Kulturwesen "an den Brüsten der Natur" liegt. Wie käme das besser zum Ausdruck als in Gestalt der Wölfin, die Romulus und Remus säugte?

Die Seiten, die das "Zoologicon" dem Wolf widmet, zeigen, wie dieses Wörterbuch alle Register des Wissens zieht, um die animalische Seite der Kultur zu deuten. Der Eintrag beginnt mit den Stichworten "Monitoring", "Schadensprävention" und "Öffentlichkeitsarbeit", die unser Zusammenleben mit Wölfen bestimmen, seit sie wieder in Deutschland heimisch wurden; vergleicht Varianten des Märchens vom "Rotkäppchen", behandelt den Wolf im Aberglauben und kommt schließlich auf echte "Wolfskinder" zu sprechen.

Die wenigen Fälle, in denen Menschenkinder angeblich von Wölfen aufgezogen wurden, haben gezeigt, dass die Tiere ihren Schützlingen Wärme und Nahrung geben konnten – aber keine Kultur. Menschen brauchen Menschen, um sich emotional und sozial zu entwickeln, so der Schweizer Anthropologe Adolf Portmann.

Aber Menschen brauchen auch Tiere. Eine Kultur, die nicht von Tieren erzählen würde, ist undenkbar, das belegt "Zoologicon" facettenreich. Sechsundsechzig Essays haben der Germanist Christian Kassung, die Kunsthistorikerin Jasmin Mersmann und der Historiker Olaf Rader zusammengetragen. Die Autorinnen und Autoren skizzieren die Rolle der Tiere in Literatur und Legenden fachkundig und dabei oft kurzweilig und persönlich – wie Claus Leggewie, der aus eigener Erfahrung als Katzenhalter schreibt. Das macht das akademisch anspruchsvolle Buch lebendig und gut lesbar.

Die Tierporträts gelten symbolischen Schwergewichten wie dem Bär, der als Meister der Täuschung gilt, oder der Biene, die als Staaten bildendes Insekt seit Aristoteles zum Vergleich mit der menschlichen Gesellschaft herausforderte: Als man um 1600 die wahren Geschlechterverhältnisse im Bienenstock erkannte, brachte es manche Philosophen in Verlegenheit, dass dort eine Königin über ein Volk von fleißigen Arbeiterinnen herrschte, während Männer sich in der Rolle fauler Drohnen wieder finden.

Das Wörterbuch der Tiere enthält auch Kreaturen aus antiken und modernen Mythen wie Godzilla und Dagobert Duck, den Greif und die Chimäre. Wie man als Kind im Lexikon von Band zu Band gesprungen ist, kann man sich hier fest lesen. Sogar der Mensch selbst hat einen eigenen Eintrag. Wir sind nicht zwangsläufig "des Menschen Wolf", wird der Philosoph Thomas Hobbes zurechtgerückt. Als "politisches Tier" haben wir die Chance, uns selbst zu zivilisieren.

Rezensiert von Frank Kaspar

Christian Kassung / Jasmin Mersmann / Olaf Rader (Hg.): Zoologicon - Ein kulturhistorisches Wörterbuch der Tiere
Wilhelm Fink Verlag, München 2012
491 Seiten, 49,90 Euro