Kritik / Archiv /

Das Alphabet der Tiere

Christian Kassung / Jasmin Mersmann / Olaf Rader (Hg.): "Zoologicon - Ein kulturhistorisches Wörterbuch der Tiere", Wilhelm Fink Verlag, München, 2012. 491 Seiten

Neugierige Besucher in Wiens erstem Katzen-Café, 2012
Neugierige Besucher in Wiens erstem Katzen-Café, 2012 (picture alliance / dpa / Georg Hochmuth)

Wer den Menschen als solchen erklären soll, kommt schnell auf Tiere zu sprechen. Weil Tiere etwas haben, was wir nicht haben. Kulturwissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität haben nun ein Wörterbuch der Tiere zusammengestellt, das zeigt, wie wichtig Elefant, Tiger oder Katze für unser Selbstbild sind.

Der Wolf ist eine Wölfin. Denn in diesem Buch geht es nicht um Alpha-Tiere oder darum, wie sie mit gespitzten Ohren und erhobenem Schwanz ihren Rang anzeigen. Es geht nicht um schnöde Biologie, sondern um die Überzeugung, dass der Mensch auch als Kulturwesen "an den Brüsten der Natur" liegt. Wie käme das besser zum Ausdruck als in Gestalt der Wölfin, die Romulus und Remus säugte?

Die Seiten, die das "Zoologicon" dem Wolf widmet, zeigen, wie dieses Wörterbuch alle Register des Wissens zieht, um die animalische Seite der Kultur zu deuten. Der Eintrag beginnt mit den Stichworten "Monitoring", "Schadensprävention" und "Öffentlichkeitsarbeit", die unser Zusammenleben mit Wölfen bestimmen, seit sie wieder in Deutschland heimisch wurden; vergleicht Varianten des Märchens vom "Rotkäppchen", behandelt den Wolf im Aberglauben und kommt schließlich auf echte "Wolfskinder" zu sprechen.

Die wenigen Fälle, in denen Menschenkinder angeblich von Wölfen aufgezogen wurden, haben gezeigt, dass die Tiere ihren Schützlingen Wärme und Nahrung geben konnten – aber keine Kultur. Menschen brauchen Menschen, um sich emotional und sozial zu entwickeln, so der Schweizer Anthropologe Adolf Portmann.

Aber Menschen brauchen auch Tiere. Eine Kultur, die nicht von Tieren erzählen würde, ist undenkbar, das belegt "Zoologicon" facettenreich. Sechsundsechzig Essays haben der Germanist Christian Kassung, die Kunsthistorikerin Jasmin Mersmann und der Historiker Olaf Rader zusammengetragen. Die Autorinnen und Autoren skizzieren die Rolle der Tiere in Literatur und Legenden fachkundig und dabei oft kurzweilig und persönlich – wie Claus Leggewie, der aus eigener Erfahrung als Katzenhalter schreibt. Das macht das akademisch anspruchsvolle Buch lebendig und gut lesbar.

Die Tierporträts gelten symbolischen Schwergewichten wie dem Bär, der als Meister der Täuschung gilt, oder der Biene, die als Staaten bildendes Insekt seit Aristoteles zum Vergleich mit der menschlichen Gesellschaft herausforderte: Als man um 1600 die wahren Geschlechterverhältnisse im Bienenstock erkannte, brachte es manche Philosophen in Verlegenheit, dass dort eine Königin über ein Volk von fleißigen Arbeiterinnen herrschte, während Männer sich in der Rolle fauler Drohnen wieder finden.

Das Wörterbuch der Tiere enthält auch Kreaturen aus antiken und modernen Mythen wie Godzilla und Dagobert Duck, den Greif und die Chimäre. Wie man als Kind im Lexikon von Band zu Band gesprungen ist, kann man sich hier fest lesen. Sogar der Mensch selbst hat einen eigenen Eintrag. Wir sind nicht zwangsläufig "des Menschen Wolf", wird der Philosoph Thomas Hobbes zurechtgerückt. Als "politisches Tier" haben wir die Chance, uns selbst zu zivilisieren.

Rezensiert von Frank Kaspar

Christian Kassung / Jasmin Mersmann / Olaf Rader (Hg.): Zoologicon - Ein kulturhistorisches Wörterbuch der Tiere
Wilhelm Fink Verlag, München 2012
491 Seiten, 49,90 Euro

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kritik

Politisches SachbuchDas Phänomen Gezi

Demonstranten bei Protesten gegen die türkische Regierung auf dem Taksim-Platz in Istanbul, aufgenommen am 8.7.2013

In "Taksim ist überall" rollt Deniz Yücel die Proteste in der türkischen Metropole Istanbul ab dem Sommer 2013 auf. Seine dichten Reportagen vermitteln die vielfältige Bewegung in all ihren Widersprüchen.

Irak-RomanChronist der Kriegsverbrechen

Ein US-Soldat auf Patrouille in Bagdad

"Die Welt ist ein Saustall, der Irak ihr Zentrum", befindet der Ich-Erzähler in diesem Roman. Najem Wali gibt darin auf poetische Weise Zeugnis von den gewaltigen Umbrüchen in seinem Heimatland Irak - und würdigt nebenbei den Wikileaks-Informanten Bradley Manning.

RuandaDie Stimme des Völkermords

Fotos zeigen in Ruandas Hauptstadt Kigali Opfer des Genozids.

In seinem Buch zeigt der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau, wie der Radiosender RTLM den Völkermord in Ruanda in einer monatelangen Hetzkampagne vorbereitete - und wirft wichtige Fragen an die internationale Gemeinschaft auf.

 

Literatur

PoesiePapusza

Auf dem Bild sind Hochhäuser im Zentrum der polnischen Hauptstadt Warschau zu sehen, aufgenommen am 13.10.2010. 

Vom Aufstieg einer Analphabetin zur gefeierten Dichterin