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"Das ägyptische Volk wird diese Krise überwinden"

Shahinda Maklad glaubt fest, dass die Zeit der Unterdrückung am Nil vorbei ist

Shahinda Maklad im Gespräch mit Susanne Führer

Tahrir-Platz in Kairo
Tahrir-Platz in Kairo (Berit Hempel)

Die Freiheitskämpferin Shahinda Maklad ist überzeugt: Kein Mensch wird im post-revolutionären Ägypten mit Terror und Gewalt gegen den Willen des Volkes regieren können. Insofern sei es nicht so wichtig, wie die Stichwahl für das Präsidentenamt im Juni ausgehe.

Susanne Führer: Die Ägypterin Shahinda Maklad kämpft seit über 50 Jahren für Gerechtigkeit und Freiheit in ihrem Land. Sie hat sich vor allem für die Rechte der Armen, der Bauern und Landarbeiter eingesetzt. Ihr Mann wurde aus politischen Gründen ermordet, da war Shahinda Maklad dreifache Mutter und 27 Jahre alt. Sie selbst hat mehrmals aus politischen Gründen im Gefängnis gesessen. Es folgten Zeiten der vollkommenen politischen Stagnation und Depression. Dann kam die Revolution auf dem Tahrir-Platz und Shahinda Maklad, inzwischen über 70, war wieder dabei. Aus Anlass der Vorstellung ihrer Autobiografie "Ich werde nicht zerbrechen" ist sie für einige Tage in Deutschland, und ich habe sie gefragt, was sie eigentlich antreibt, woher sie diese Kraft nimmt.

Shahinda Maklad: Mein Kampf ist seit 53 Jahren. Ich kämpfe für die Rechte des ägyptischen Volkes, für die Rechte der Armen, die Rechte der Landarbeiter. Ich kämpfe für die Rechte aller Ägypter, und die Kraft dazu beziehe ich aus der Geschichte Ägyptens, aus seiner Kultur und Tradition. Wie die Ägypter in der Pharaonenzeit schon ihre Rechte eingefordert hatten, schon auf Papyrus.

Und da steht hier: "Ich bin Ägypten, ich bin deine Mutter. Steh auf und hör zu. Mein Herz ist wütend auf dich und meine Wut wird dein Herz auffressen, wenn du nicht das Notwendige tust. Frieden verbreitet sich, wenn meine Kinder finden, was sie am Leben erhält. Du darfst vom Armen nicht verlangen, sich zu gedulden, wenn in seinem Hause das Brot fehlt. Du darfst nicht den geplagten Vater auffordern, still zu sein, wenn sein Kind vor Schmerzen sich krümmt."

Führer: Das hat also Shahinda Maklad gerade eben auf kleinen Karteikärtchen aus ihrer Tasche geholt, um uns zu beweisen, wie alt der Kampf der Ägypter schon für Gerechtigkeit ist. Wie, Frau Maklad, haben Sie die Tahrir-Revolution vom vergangenen Jahr eigentlich erlebt? Sie muss ja wirklich ein großes Glück für Sie gewesen sein.

Maklad: In der Tat war ich äußerst glücklich darüber, denn hier fand ich mein Leben wieder vor mir, mein Leben, in dem ich große Opfer gebracht habe, meine große Liebe ist da geopfert worden, und da sehe ich die Früchte vor mir in einer Revolution, die in dieser Form noch nie dagewesen ist. Meine Tränen vermischten sich mit meiner Freude. Ich wünschte mir, den ganzen Platz zu umarmen.

Führer: Shahinda Maklad, Sie haben den Demonstranten auf dem Tahrir, das waren ja vor allem junge Aktivisten aus der Mittelschicht, früh schon gesagt, dass sie an das Volk denken sollen, an die vielen Armen, die sie einbeziehen müssen. Sie haben ja jahrzehntelang für die Rechte der Armen gekämpft – denken Sie, dass die Tahrir-Revolution auch von ihnen getragen wurde?

Maklad: Das Ganze hatte begonnen mit der Forderung nach Freiheit, nach menschlicher Würde und sozialer Gerechtigkeit. Am 25. Januar entzündete sich die Flamme des Verlangens nach diesen Prinzipien. Die Revolution des 25. Januar war die Frucht langjähriger Kämpfe des ägyptischen Volkes, die schon seit den 50er-Jahren begonnen haben.

In den letzten 40 Jahren waren alle ägyptischen Kräfte wütend über den Verlust der ersten Früchte ihrer Widerstandsbewegung, nämlich mit der wirtschaftlichen Öffnung, die im Jahre 74 von Sadat eingeleitet wurde, sind ihnen alle ihre Errungenschaften, die zuvor erreicht worden waren, weggenommen worden. Tausende von den Kämpfen und von den Widerstandshandlungen, die sie geleistet haben, haben ihr Leben begleitet.

Führer: Ich habe bei der Lektüre Ihres Buches den Eindruck gewonnen, dass es bei Ihrem politischen Engagement der vergangenen Jahrzehnte gar nicht so sehr um verschiedene politische Ideen ging, also jetzt Kommunismus oder Sozialismus, sondern vor allem um einen Kampf gegen Korruption, gegen Machtmissbrauch, gegen die Anmaßungen der Mächtigen und Reichen gegenüber den anderen. Also ein Kampf für Gerechtigkeit. Hat sich Ägypten eigentlich in dieser Hinsicht sehr verändert oder ist die Korruption und der Machtmissbrauch genauso groß geblieben?

Maklad: In der Phase vor dem 25. Januar, da hatte die Korruption Ägypten fest im Griff gehabt. Und wir sind jetzt aufgestanden, um diese Korruption endlich zu beenden. Und ein starkes Ägypten aufzubauen, das ihre Großartigkeit und ihre Macht wiedererlangt, in Freiheit.

Führer: Die ägyptische Freiheitskämpferin Shahinda Maklad ist zu Gast im Deutschlandradio Kultur. Frau Maklad, in Ihrem Buch schreiben Sie, die Revolution des früheren ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser sei verraten worden. Erleben Sie jetzt wieder dasselbe? Ist die Tahrir-Revolution auch verraten worden?

Maklad: Ich glaube wohl, dass die Revolution Gefahr läuft, angegriffen zu werden und bekämpft zu werden. Aber ich glaube auch, dass die Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren gesammelt haben, und das wache Bewusstsein der Menschen in Ägypten dem entgegenstehen werden und das verhindern werden. Die Intrigen haben nicht aufgehört bis zum jetzigen Augenblick.

Führer: Mitte Juni findet ja die Stichwahl für das Präsidentenamt statt. Da steht dann ein Angehöriger der Muslimbruderschaft gegen den früheren Luftfahrtminister und Ministerpräsidenten Ahmed Shafik. Also ein Islamist gegen einen Vertreter des alten Regimes. Viele Ägypter sind enttäuscht, es gab schon Demonstrationen in Kairo. Sind Sie auch enttäuscht über dieses Ergebnis?

Maklad: Ich habe nicht das Gefühl, dass die Menschen in Ägypten enttäuscht sind. Ägypten ist in einer Krise. Es ist egal, wer jetzt kommt, das ägyptische Volk wird diese Krise trotzdem überwinden. Ich möchte nur etwas hier sagen: Ich bin dagegen, dass man von Islamisten spricht und von Islambruderschaft allein. Hier haben wir Islambruderschaft und wir haben die Partei der Gerechtigkeit und Freiheit. In Ägypten das Volk mehrheitlich ist Moslem, und keiner soll die Religion für sich monopolisieren. Das Volk in Ägypten begreift wohl die momentane Lage, wie sie ist, und kein Mensch wird Ägypten mit Terror gegen seinen Willen oder mit Gewalt in irgendeine Richtung regieren können.

Führer: Warum haben sich eigentlich so wenige Ägypter, also nicht einmal die Hälfte, an dem ersten Wahlgang beteiligt? Also an dieser seit langem ja ersten freien Präsidentschaftswahl.

Maklad: Es gab eine Enttäuschung in Ägypten bei den ersten Wahlen, die Parlamentswahlen. Und als man gesehen hatte, dass bei diesen Wahlen die Muslimbrüder und die Nur-Partei gewonnen hatten, weil man gedacht hatte, dass diese Personen nicht korrupt sind, wie das bisherige Regime. Da hat man schon bei der Bekanntmachung, wer in das Parlament einzieht, schon eine große Enttäuschung Platz genommen. Und diese Enttäuschung hat dazu geführt, dass viele Leute zu den zweiten Wahlen für den Präsidenten hingegangen sind.

Führer: In Ihrem Buch, Frau Maklad, heißt es: Die Revolution ist immer nur der Beginn für etwas Neues und nicht dessen Ende. Wie wird denn Ihrer Ansicht nach das neue Ägypten aussehen?

Maklad: Die Revolution ist immer eine Neugeburt, ist ein neugeborenes Kind. Jeden Tag und jede Stunde bekommt die Revolution einen neuen Schwung und eine neue Erfahrung. Es bilden sich neue Führungskräfte, neue revolutionäre Kräfte. Und ich glaube, dass diese neuen Führungskräfte, denen wir beratend zur Seite stehen, mit dieser Revolution vorankommen werden und die Revolution noch zu einem guten Ende führen.

Führer: Das sagt Shahinda Maklad. Ihr Buch "Ich werde nicht zerbrechen" ist soeben bei Bastei Lübbe erschienen, der Dolmetscher war Muhiddin El-Khadra. Ich danke Ihnen beiden sehr herzlich.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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