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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.12.2015

Markus Gabriel: "Ich ist nicht Gehirn"Der Mensch ist mehr als sein Gehirn

Von Thorsten Jantschek

Der verbesserte Hirnschrittmacher, mit dem das rheinische Forschungszentrum Jülich am Wettbewerb um den Deutschen Zukunftspreis 2006 teilnimmt (undatiertes Handout). Anders als herkömmliche Geräte sprechen die eingepflanzten Elektroden im Gehirn Nervenzellenverbände nicht mit einem konstanten Dauerreiz an. Sie traktieren das Gewebe vielmehr im unregelmäßigen Rhythmus an mehreren Punkten. Dadurch soll nicht nur das Zucken der Parkinson-Patienten wirksamer unterdrückt werden, langfristig erhoffen sich die Forscher auch, dass die Nervenzellen durch die neue Technik "lernen", wieder normal zu funktionieren. (picture alliance / dpa / Db Ansgar Pudenz)
Für Markus Gabriel lässt sich der Mensch nicht auf die Vorgänge im Gehirn reduzieren. (picture alliance / dpa / Db Ansgar Pudenz)

Der Philosoph Markus Gabriel legt sich in seinem neuen Buch mit den Neurowissenschaften an. Er verteidigt die Freiheit und die Würde des Menschen vor dem Zugriff des wissenschaftlich-technischen Weltbildes.

Nicht nur blühende Landschaften wurden 1990 prophezeit – Landschaften, die so blühend dann doch nicht ausgefallen sind –, sondern es sollten auch blühende Forschungslandschaften entstehen, als der amerikanische Präsident George H. W. Bush die "Dekade des Gehirns" ausrief. Und all die hochfliegenden Forschungsträume der damals gerade erst entstandenen Neurowissenschaften wollten wahr oder zumindest eingelöst werden. Die Erforschung des Gehirns sollte das Denken und Fühlen, das Wollen und Handeln erklären, es sollte das Menschenbild revolutionieren und die alten, wolkigen Fragen der Philosophie nach Bewusstsein und dem Ich in einem Tröpfchen Hirnforschung kondensieren lassen.

Jetzt, 25 Jahre später, reibt man sich verdutzt die Augen, denn die Hirnforscher forschen am Hirn – was sollen sie auch tun –, aber die großen Fragen sind längst noch nicht gelöst. Und das, obwohl erhebliche Teile der so genannten "Philosophie des Geistes" einem Forschungsprogramm, oder vielmehr einer Forschungsideologie erlegen sind, die der Bonner Philosoph Markus Gabriel "Neurozentrismus" nennt. Neurozentrismus wird für Gabriel als Leitdisziplin menschlicher Selbsterforschung von der Grundidee angetrieben, dass "ein geistiges Lebewesen zu sein" in nichts anderem bestehe, als dem "Vorhandensein eines geeigneten Gehirns".

Der Mensch lässt sich nicht auf die Funktionen im Gehirn reduzieren

Das Ich wird mit den Vorgängen im Gehirn gleichgesetzt. Und im härtesten Fall wird das, was wir über das Innenleben des Menschen, über seine geistige Welt wissen, zur Folk-Psychology – zur Alltagsseelenkunde erklärt, zu einem Rauschen, das – würde es präzise und wissenschaftlich zugehen – von der exakten Sprache der empirischen Wissenschaften getilgt wird. Für Markus Gabriel indes lässt sich das geistige Lebewesen Mensch nicht auf die Funktionen und Vorgänge im Gehirn reduzieren. Nicht etwa weil die Forschung noch nicht weit genug, die Funktionsweise dieses Organs noch nicht bis in alle seine Tiefen erforscht sei, sondern grundsätzlich.

Zwar sind die neurophysiologischen Prozesse die notwendige Bedingung für alle bewussten geistigen Vorgänge und zeigen sich in faszinierend genauen bildgebenden Verfahren, auch sind mentale Leistungen ziemlich genau im Gehirn lokalisierbar. Aber physiologische Vorgänge sind für Gabriel dennoch nicht hinreichend, um wirklich zu verstehen, dass die Wahrnehmung oder das Denken einen Inhalt hat, dass sie von "etwas" handeln, dass das Geistige in die Sphäre des Materiellen tritt. Und erst recht nicht lässt sich mit den Mitteln der Hirnforschung die Erlebnisseite mentaler Vorgänge erklären, das Erlebnis, wie es ist, eine Farbe wahrzunehmen oder einen Klang, oder einen brennenden Wunsch zu verspüren.

Es geht um Rettung einer humanen Lebenswelt

Mit einer Vielzahl von Argumenten, Beispielen und Unterscheidungen treibt Gabriel den Neurozentristen wie einen Sparringspartner durch den Ring. Nicht um zu zeigen, wie geschickt er argumentieren kann, nicht um eine kluge Einführung in die Philosophie des Geistes vorzulegen – das ist ihm dabei auch gelungen, sondern um ein Menschenbild, in dem Freiheit und Würde, Bewusstsein und Selbstbewusstsein identitäts- und weltstiftend sind, vor dem Zugriff des wissenschaftlich-technischen Weltbildes zu verteidigen. Und das heißt, dass wir über uns selbst als geistige Wesen, immer schon mehr wissen (können) als das, was die Hirnforschung herausfindet, über unsere Motive und Wünsche, Handlungsgründe und Überzeugungen. Und so geht es Gabriel um nicht mehr und nicht weniger als um die Rettung einer humanen Lebenswelt, um die Rettung existentieller Freiheit, die in einer rein kausal geordneten Welt kaum mehr einen Platz zu haben scheint.

Markus Gabriel: "Ich ist nicht Gehirn"
Ullstein Verlag, Berlin, 2015
256 Seiten, 18,00 Euro

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