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Religionen / Archiv | Beitrag vom 30.04.2011

"Da sind 28 Pionierinnen, Feministinnen, Revolutionärinnen"

Die Journalistin Mely Kiyak über ihre Erfahrungen in der Abtei Fulda

Moderation: Anne Françoise Weber

Die Journalistin und Schriftstellerin Mely Kiyak
Die Journalistin und Schriftstellerin Mely Kiyak

Seit sechs Jahren ist die Autorin Mely Kiyak regelmäßig bei den Benediktinerinnen in Fulda zu Gast. Im Interview erzählt sie, warum das Leben im Kloster ganz anders ist, als man es sich für gewöhnlich vorstellt.

Anne Françoise Weber: Also was bedeutet das nun eigentlich, leben im Kloster? Wie spielt sich der Alltag unter Nonnen oder Mönchen ab? Welchen Platz haben da Freundschaften, Angehörige, Politik, Kultur und Spaß? Natürlich gibt es große Unterschiede zwischen den Orden – angefangen bei der Trennung zwischen sogenannten kontemplativen, die sich wie die Karmelitinnen vor allem dem Gebet widmen, und sogenannten aktiven Gemeinschaften.

Bei solch einer aktiven Gemeinschaft, den Benediktinerinnen der Abtei Fulda, lebt zurzeit ein etwas ungewöhnlicher Gast: die Journalistin und Buchautorin Mely Kiyak, ansonsten eher für bissige Kolumnen unter anderem in der "Frankfurter Rundschau" bekannt. Schon seit sechs Jahren ist sie regelmäßig in der Abtei in Fulda zu Gast und gibt zusammen mit Schwester Christa Weinrich die Zeitschrift "Winke für den Biogärtner" heraus.

Ich habe vor der Sendung mit Mely Kiyak gesprochen und sie zunächst gefragt, ob sie denn bei den Nonnen einen besonderen Zugang zur Natur als Gottes Schöpfung beobachtet.

Mely Kiyak: Das Verhältnis der Schwestern zu ihrem Garten ist natürlich ein ganz besonderes, aus zwei Gründen: Der erste Grund ist vielleicht gar nicht so sehr ein biblischer Grund oder ein religiöser oder spiritueller Grund, sondern ein ökonomischer Grund. Diese Benediktinerinnen in Fulda leben im Gegensatz zu vielen anderen Klöstern – oder Benediktinerorden – leben wirklich noch von diesem Garten, von dem Ertrag. Das heißt, sie haben diesen Garten, und alles, was in diesem Garten wächst, wird verarbeitet und im Laden verkauft. Das Ganze hat eine ökonomische Variante, und sie haben diesen Garten auch wiederbelebt im Krieg und nach dem Krieg. Dass sie diesen Garten hatten, war eine Folge des Krieges, dass sie eben einfach gar keine Einnahmequellen hatten.

Der zweite ist natürlich, dass diese Schwestern, die in diesem Garten sind, diesen Garten nicht nur schätzen, weil sie ihn brauchen, sondern ich habe wirklich das Gefühl, dass sie ihn lieben und dass alles in diesem Garten auch seinen Platz hat. Das heißt nicht, dass alles kreuz und quer wächst, natürlich nicht – man muss wissen, dass die Schwester Agatha eine über 90-jährige Frau, ich glaube 93 ist sie, noch bis letzten Herbst in diesem Garten arbeitete. Die hat nicht Gartenbau studiert oder irgendwas, sondern die hat auch von anderen Schwestern gelernt, also man gibt Erfahrungen wieder in diesem Kloster. Und die Schwester Agatha hat das jetzt übergeben der 60-jährigen Schwester Christa Weinrich, die die Erste in der Geschichte dieser gärtnernden Nonnen in diesem Kloster, eine Akademikerin ist, die Gartenbau studiert hat.

Und trotzdem war es bis letzten Herbst noch so, dass die nicht studierte alte erfahrene Schwester der jungen studierten Schwester erzählte, wie das in diesem Garten läuft. Man spricht immer über diesen Garten, und man läuft durch diesen Garten, und wenn Bohnen geerntet werden und eine Schwester sieht eben, dass dort eine kleine Akelei sich verirrt hat, dann wird die nicht eben rausgerupft und weggeworfen oder so, dann wird sie evakuiert. Und ich würde sagen, es ist eine Liebe zum Garten. Aber ob diese Liebe aus einer bestimmten Spiritualität heraus kommt oder nicht, ich möchte das nicht übermäßig verromantisieren, ich kann es auch nicht beantworten, aber ich sehe einfach, dieser Garten wird einfach gepflegt. Und wenn man etwas pflegt, dann gibt man ihm schon eine besondere Aufmerksamkeit.

Weber: Was ich mir ja wahnsinnig unpraktisch vorstelle, ist, in Ordenstracht zu gärtnern. Wenn man sich die Bilder der Benediktinerinnen anguckt, lange schwarze Roben, Kopftuch, Halskrause – wird auch damit gegärtnert?

Kiyak: Nein, natürlich nicht. Diese Frage habe ich mir auch gestellt, ich dachte, wie können die in diesen wunderbaren schwarzen gestärkten Stoffen sich auch nur zwei Stunden in der Hitze bewegen? Die Lösung ist ganz einfach: Es gibt Arbeitskleidung, es gibt den feierlichen Habit, der ist im Gottesdienst und so, wenn man sich halt bewegt im Kloster. Aber gearbeitet wird in Arbeitskleidung, in, wie ich finde, äußerst praktischen Kleidern, die lang sind, aus einem sehr leichten Stoff, grau oder blau, es gibt auch blaue Schürzen, und die werden mit einem Gürtelchen zugebunden, die sind etwas weiter geschnitten, der Habit ist nie so lang, dass der auf dem Boden schleifen würde. Im Garten ist es auch so, dass man die ein oder andere Nonne in Gartenkleidung sieht und unten drunter blitzen ein paar Joggingturnschuhe.

Weber: Könnten wir denn das als Bild nehmen für den Eindruck, den Sie jetzt aus dem Kloster haben – nach außen sehen wir diese Tracht, aber darunter gibt es mal Joggingschuhe und mal irgendwie andere Freiheiten –, also ist das vielleicht so, dass unser Bild von außen viel strenger ist, als nachher das Klosterleben wirklich ist?

Kiyak: In diesem Kloster ist es so, dass ich das Gefühl habe, da sind 28 Pionierinnen, Feministinnen, Revolutionärinnen. Sie sind überhaupt nicht so, wie ich dachte, wie Nonnen sind. In diesem Kloster wird gelacht, in diesem Kloster wird gelesen, in diesem Kloster wird gefeiert – es wird eben auch gebetet ganz viel. Und es ist überhaupt nicht so, dass das eben zermürbte, vertrocknete Frauen sind oder so, sondern es ist eine lebendige Atmosphäre. Man darf natürlich auch nie vergessen, es sind 28 Frauen, die miteinander leben, und da wird kommuniziert, Kommunikation spielt eine ganz große Rolle. Es wird auch viel gelacht, und meine persönliche Erfahrung ist auch, es wird irgendwie, also zumindest wenn ich dort bin, es wird auch viel geschmuselt und gewuselt. Man umarmt sich, man ist haptisch, es ist …

Früher dachte ich immer, man wird Nonne, weil man seinem Leben einen Sinn geben will, weil man es anders irgendwie nicht gebracht oder geschafft hat oder so. Ich weiß heute, dass auch nicht jeder in einem Kloster aufgenommen wird. Arbeitslose Frauen werden zum Beispiel nicht aufgenommen oder ungebildete Frauen – sie müssen eine Ausbildung machen oder das Kloster gibt ihnen eine Ausbildung. Psychisch Kranke werden nicht genommen. Weil es ist eine Gemeinschaft, die auch davon lebt, dass Menschen darin arbeiten und sich auch unterordnen können, wie in einer Familie oder wie in einer Wohngemeinschaft.

Also es ist nicht so, dass dort quasi so der durchgefallene Satz der Gesellschaft landet jetzt im Kloster, überhaupt nicht. Das sind sehr qualifizierte Frauen, die Jobs haben, die sie bis weit … Die Hauptlast in diesem Kloster, wo ich bin, liegt auf Nonnenschultern, die sind zwischen 70 und 80 Jahren, und das sind Frauen, die zupacken können, die arbeiten können, die haben viel in ihrem Leben gesehen, die haben hohe soziale Kompetenz, die sind ja immer in Kontakt mit Menschen, die kommen, die immer etwas suchen, Spiritualität brauchen oder Hilfe oder Kummer haben oder Sorgen oder was. Ich denke manchmal, wenn diese Frauen nicht im Kloster gewesen wären, die hätten draußen wahrscheinlich eine riesige Karriere gemacht als, ich weiß nicht, als was sie eben in ihren Berufen sind, was sie halt studiert haben – Juristin, Musikerin oder was auch immer. Die haben ja nicht alle Theologie studiert übrigens.

Weber: Sie sprachen von Unterordnung, welche Rolle spielt denn der Gehorsam, und wenn Sie sprechen von feministischen Pionierinnen, das passt nicht so richtig mit Gehorsam zusammen?

Kiyak: Ich glaube, was Gehorsam genannt wird, kann man auch ausdrücken als, es gibt Spielregeln, denen man sich unterordnen muss. Natürlich war es früher so, da musste man einer Äbtissin den Ring küssen, und wenn man irgendwie Buße tun musste, legte man sich irgendwie lang hin vor der Gemeinschaft. Die Welt hat sich gedreht, und diese Klöster sind in dieser Welt, und diese Klöster drehen sich auch. Heute küsst man einer Äbtissin nicht mehr den Ring, es gibt nicht mehr die Unterscheidung zwischen den studierten oder den gebildeten Chorfrauen und den Laienschwestern. Man duzt sich im Kloster. Also ich habe nicht gesehen, dass dort Gehorsam im Sinne von Unterordnung oder von Devotsein eine Rolle spielt. Ich finde, es ist eher eine besondere Form des Respekts. Ich finde, dass in diesem Kloster sehr kultiviert miteinander umgegangen wird.

Weber: Wir sprachen gerade von der Welt, die sich um die Klöster dreht und die auch in die Klöster reinkommt. Wie sehr kommt denn die Diskussion um sexuellen Missbrauch, um das Zölibat, um die Kirchenkrise, wie sehr kommt das im Kloster an?

Kiyak: Ah, ich bin Ihnen so dankbar für diese Frage. In dieses Kloster kommen viele Zeitungen. Sie haben einen Klosterladen, da ist eine Buchhandlung, sie konsumieren Bücher, sie haben eine Bibliothek, und es wird natürlich gesprochen da drüber. Das geht hin bis zu dem Memorandum, worum es ja neulich ging, das spielt in dem Kloster eine große Rolle.

Weber: Das Memorandum zur Reform der Kirche, was von vielen Theologieprofessoren unterzeichnet wurde.

Kiyak: Genau. Da war es zum Beispiel so, dass wenn ein Priester kam oder Brüder und Mönche, Nonnen selber fragten, was hältst du von dem Memorandum, was sagst du. Als ich sagte, da sind auch Feministinnen, also Frauenrechtlerinnen sozusagen, das sind Frauen, die nicht finden, dass Frauen Männern untergeordnet sind oder ich meine, für die sind Menschen, alle Menschen wirklich gleich und eben auch Frauen und Männer. Und sie sind natürlich schockiert darüber, dass es sexuellen Missbrauch in der Kirche gibt, aber sie sagen eben auch, natürlich, es gibt ihn überall, wieso soll es ihn bei uns nicht geben. Und sie sind auch in ganz hitzigen Debatten und fragen sich, was das bedeutet und wie man damit umgehen kann.

Die Schwestern, mit denen ich spreche, sind auch entsetzt über den Umgang, den das in der Öffentlichkeit hatte zum Teil, also dass die Kirche sich so oft so sträubt und nicht das Einfache einfach sagen kann. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass ich mit einer Schwester zum Beispiel mal gesprochen habe und gesagt habe, ja, was halten Sie denn davon, dass in Afrika eben der Umgang mit Sexualität von der Kirche so geregelt wird. Und da sagte die Schwester, man muss da einen anderen Umgang mit finden, das sind ja Menschen, die dort ungeschützt Verkehr machen sollen und sterben. Und dann habe ich gesagt, ja, aber der Papst hat doch gesagt … Und dann hat die Schwester gesagt, ja, aber es sind doch Menschen dort.

Weber: Die Menschen sind wichtiger als der Papst.

Kiyak: Ja, das ist ganz häufig so, die Schwestern sagen was zu mir, und dann sage ich, ja aber die Kirche sagt doch dies und der Bischof sagt jenes und so. Und da sagen die immer ganz häufig, ja, aber es muss doch erst einmal um den Menschen gehen. Und das eben auch sagen – man muss das menschlich entscheiden, und menschlich handeln heißt eben auch, dass man zuerst guckt, was sind die Bedürfnisse des Menschen, und dass es gar nicht so sehr darum geht, irgendwie eine bestimmte Schrift oder eine bestimmte Regel vorzutragen, zumal das ja sich häufig um Theologinnen handelt, die eben auch wissen, dass viele der Dinge, von denen wir heute sagen, die Kirche sagt dieses oder jenes, gar nicht theologisch begründet sind. Und da sind diese Frauen natürlich Expertinnen. Also wirklich, ich habe nie irgendein Tabu gehabt, egal ob es sich um Sexualität dreht oder Politik oder den Umgang der Kirche mit Kindern oder Missbrauch oder … nie, niemals.

Weber: Was nehmen Sie denn aus Ihrer Zeit im Kloster mit, abgesehen von einem fertigen Buchmanuskript oder vielen Notizen, aber so für sich persönlich?

Kiyak: Ich hatte anfangs Angst, dass ich in dieses Kloster nicht reingelassen werde, ich dachte, ich muss so eine Theologieprüfung machen oder so, dass die sagen, sind sie getauft, sind sie katholisch oder was auch immer. Und die wussten von Anfang an, dass ich nicht Christin bin, dass meine Eltern aus der Türkei kommen, dass ich also aus dem islamischen Kulturkreis komme. Und man mag es mir vielleicht nicht glauben, aber wenn etwas in diesem Kloster zwischen mir und diesen Schwestern nicht Thema war, dann ist das irgendwie Religion. Und das finde ich ganz wichtig, dass man das sagt. Etwas zu leben, heißt auch nicht, dass es sich nur immer darum dreht. Und ich finde eben nicht, dass als Nonne leben irgendwie dogmatisch ist oder gar fundamental oder so. Ich geh wirklich ins Kloster und atme auf, ob dieser großen und vielfältigen Meinungsfreiheit, die es dort gibt.

Weber: Die Journalistin Mely Kiyak über ihr Leben in der Benediktinerinnenabtei Fulda, wo sie zurzeit an einem Buch über deren Gartengeschichte schreibt. Es wird im September bei Hoffmann und Campe erscheinen unter dem Titel "Ein Garten liegt verschwiegen. Von Nonnen und Beeten, Natur und Klausur".

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