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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.05.2014

D-Day"Vorher nie einen schwarzen Menschen gesehen"

Erinnerungen des Zeitzeugen Paul Golz

Moderation: Korbinian Frenzel

Undatiertes Archivbild von 1944: Invasion an der Normandieküste. (picture alliance / dpa / United Press International)
Undatiertes Archivbild von 1944: Invasion an der Normandieküste. (picture alliance / dpa / United Press International)

In der nächsten Woche jährt sich zum 70. Mal die Landung der Alliierten 1944 in der Normandie. Paul Golz kam als junger deutscher Soldat dort in Gefangenschaft. Seine Erinnerungen an das Ereignis sind bis heute lebendig.

Korbinian Frenzel: Ein Jahrestag wirft seine Schatten voraus: der D-Day, der Landungstag der Alliierten 1944 in der Normandie in Frankreich. In der nächsten Woche jährt sie sich zum 70. Mal, und 70 Jahre – eines wird bei dieser Zahl klar: Die, die uns davon aus eigenem Erfahren erzählen können, werden weniger und weniger. Ich freue mich deshalb sehr, dass wir mit einem Mann sprechen konnten, der dort war an dieser entscheidenden Frontlinie, Paul Golz, damals 18 Jahre jung, Soldat der Wehrmacht. In der Nacht, als die Alliierten landeten, hatte er die Pflicht, den Himmel zu beobachten. Meine erste Frage an ihn war, wie gut, wie nah, wie lebendig die Erinnerungen bei ihm sind.

Paul Golz: Ja, das ist mir noch alles gut in Erinnerung, da staune ich selber, die ganze Geschichte kenne ich noch.

Frenzel: Dann fangen wir mal an vielleicht in der Nacht.

Golz: Ja, wir sind ... als die Division Rommel ... und verlegt mit unseren ... da vermuteten sie, die Alliierten würden dort landen, weil sie ja einen Hafen brauchen für ihre Schiffe alle. Nach etwa 14 Tagen, Mitte Mai, kamen wahrscheinlich andere Nachrichten, dann hörten sie, dass sie dort nicht landen würden, also verlegten wir in die Normandie, und zwar haben wir die Höhen belegt, und wir waren ... und haben uns dort dann eingegraben, einen Meter tief, um das nicht zu kalt zu haben. Wir waren wenigstens etwa acht Leute, und irgendwann ... das Zelt gestellt. Und in dem Zelt war ein Zeltofen, so. Und ich stand gerade an dem D-Day-Tag um zwei Uhr nachts auf Posten und sah, wie die Christbäume runterkamen, also so ein Bild hatte ich ja vorher noch nie gesehen, also die Christbäume, das wissen Sie, das glitzerte so und wurde erleuchtet, damit die Fallschirmjäger, die dort landen sollten, sehen konnten, wo sie landen würden. So.

Frenzel: Herr Golz, was ging Ihnen da durch den Kopf, als Sie das gesehen haben? War das, Sie sagten gerade Faszination, aber war da auch Angst? Wussten Sie, jetzt gehen wirklich die Kämpfe los?

Golz: Ja, jetzt wusste ich, aha, als die anderen belegt wurden mit Bomben – ich bin in Ruhe runtergegangen, als meine Postenzeit zu Ende war, und wir hatten ja nun schlechtes Brot und haben unten im Dorf einen Liter Milch geholt.

Und da sagten die Leute, die Franzosen – die haben uns nicht gehasst oder so: Jetzt macht, dass ihr wegkommt, haut ab! Und dann bin ich wieder los, habe ich aber nicht mehr hingehauen, denn unsere Einheit musste sich fertig machen gegen Morgen und haben dann ... uns in Marsch gesetzt auf der Straße.

"Auf sein Gewehr hat er den weißen Socken gesteckt"

Frenzel: Haben Sie denn damals versucht, ernsthaft noch versucht, militärisch gegen diese Invasion anzukämpfen, oder ging Ihnen auch das durch den Kopf, was die Franzosen Ihnen geraten haben: Rettet eure Haut?

Golz: Ja, ... also die haben gesagt, haut ab, und wir sind dann los mit der Einheit, haben wir dann verlegt Richtung Sainte-Mère-Église, was ich später nachgelesen habe. Wir hatten ja wenig Kontakt. Wir waren ja auch noch nicht so lange aufgestellt. Zwar sind wir nach Saint-Mère-Église ... Da war unser erster Aufenthalt so.

Ich suchte was zum Essen, und plötzlich sehe ich, in der dunklen Ecke da bewegt sich etwas Weißes. Ja, denke ich, was ist denn das? Ich bin darauf zugegangen, ja, und dann sah ich plötzlich, den konnte ich ja vorher nicht erkennen, dass das ein schwarzer Fallschirmjäger war. Ich hatte vorher noch nie einen schwarzen Menschen gesehen, das war mein erster. Und auf sein Gewehr hat er den weißen Socken gesteckt. Ich sage, Mensch, ich konnte ja damals noch kein Englisch, ich sage, ich tue dir doch nichts.

Und dann merkt er wahrscheinlich auch, ach, der spricht so ganz ruhig mit mir, mir passiert nichts, denn sie hatten ihnen damals wohl gesagt, die Deutschen machen keine Gefangenen. Also ich habe das nicht erlebt und auch nicht gesehen. Wenn einer sich ergibt, dann ist er kein Feind mehr, wenn ich ihm die Waffen abgenommen habe, ist er kein Feind mehr für mich, dann ist er ein Mensch wie du und ich. So hat mein Vater mir das eigentlich, bevor ich zur Wehrmacht ging, gesagt. Und er war ja im Ersten Weltkrieg, hat da wahrscheinlich Schlimmes erlebt, so, denn wir waren ja christlich erzogen, meine Familie. So, und das dauerte nicht lange, da kamen die Tanks, die ich, die wir vorher gesehen hatten, die kamen dann bis zu unserer Weide. So, und dann stellte der Tank sich, der Panzer sich vor unsere Einfahrt – so, wir konnten nicht raus, zack, wie in der Mausefalle gefangen. Und die begleitenden Posten, die Soldaten kamen da rein, guckten, dann sahen sie uns und dann sagen sie, hey, good boy, come on, hands up und so weiter. Und, ja, da war für mich, da war für uns der Krieg zu Ende, da marschierten wir in Gefangenschaft.

"Wir sollten Frieden schließen"

Frenzel: Herr Golz, Sie haben gesagt, dass der Krieg mit der Gefangenschaft für Sie zu Ende war. Waren Sie da erleichtert, war das ein Gefühl der Erleichterung?

Golz: Ja, da habe ich ... Gott sei Dank, Mensch, als ich die vielen Schiffe gesehen habe, sage ich: Wir sollten mit den Amerikanern und Engländern Frieden schließen. Das habe ich als junger Mensch, damals mit 18 Jahren gedacht. Ja, und dann sind wir nach Schottland abtransportiert.

Frenzel: Sie sind in Gefangenschaft nach Amerika gekommen, ...

Golz: Ja, genau.

Frenzel: ... und dann auch nach Schottland. Und wie haben Sie diese Welt dort erlebt, die ja eine ganz andere Welt war? Haben Sie die mit Bewunderung gesehen?

Golz: Ja. Also wir sind mit der "Queen America I" rübergeschippert und die fuhr ja ... war ein Truppentransporter, und die war ziemlich schnell, in fünfeinhalb Tagen waren wir in Amerika. Die wurde dann von der Luft aus gesichert, und da gaben sie vorher bekannt, dass sie nicht von den deutschen U-Booten beschossen wurden, wir nehmen jeweils 2000 deutsche Kriegsgefangene mit, und kamen in New York an und so weiter, und dann kamen wir in den Pullmann-Zug und wurden wir von amerikanischen Soldaten bewacht und die haben uns dann ... Restessen bekamen wir dann, und dann sind wir nach West Virginia mit dem Zug gefahren, zwei Tage. Kamen wir an Washington vorbei.

Du liebe Zeit, da habe ich diese vielen Autos gesehen, die lebten ja im tiefsten Frieden, und so viel Autos habe ich vorher noch nie gesehen. Da kamen wir nach West Virginia in ein Militärlager, und in diesem Kriegsgefangenenlager waren schon etwa 100 Leute vom Afrikakorps. Und die haben uns dann empfangen da, die Betten weiß bezogen und auf jedem Bett lag eine Stange Zigaretten und dann haben sie auch das Essen vorbereitet und kriegen wir dann das erste Essen. Und da habe ich auch meine erste Coca Cola getrunken. Die Leute hier, die leben, alles erleuchtet, die leben im tiefsten Frieden. Warum führen wir eigentlich gegen die einen Krieg, habe ich gedacht? Wieso hat Amerika noch wieder das zweite Mal in Europa ...

Die konnten ja auch so zurückbleiben und behaupten, lasst die Europäer doch alleine, was sollen wir uns denn wieder reinhängen. Aber das war wohl nicht so. Und Hitler – gerade meine Jahrgänge, die wurden alle noch verheizt. Warum hat man das ... Ja, der Hitler hat gedacht, ich gehe sowieso kaputt oder was, dann sollen die Deutschen mit kaputt gehen.

"Das konnte ich mir da noch nicht vorstellen"

Frenzel: Hätten, Herr Golz, hätten Sie sich jemals vorstellen können, wenn Sie zurückblicken auf diese Tage im Jahr 1944, dass die, die da gegeneinander gekämpft haben, so eng und freundschaflich jemals wieder miteinander umgehen können, oder war das damals gar nicht vorstellbar, dass überhaupt wieder irgendeine Freundschaft, Verbindung, Kooperation von Deutschen zu anderen möglich wäre?

Golz: Das konnte ich mir da noch nicht vorstellen, aber es war halt eine neue Situation für mich, wie ich ja noch nie erlebt hatte.

Frenzel: Haben Sie eine Botschaft für eine junge Generation aus Ihrer Erfahrung heraus, wo Sie sagen, achtet drauf, seid aufmerksam, seid achtsam?

Golz: Ja, also die Botschaft an die jüngere Generation möchte ich schon weitergeben, die wollen ja auch was wissen, ist erstaunlich, in den Schulen hören sie nicht sehr viel darüber, und jetzt gerade ist die 70-jährige Wiederkehr, und da kommt die Sache hoch. Genügt das, Herr Frenzel?

Frenzel: Ja, ich glaube, das ist ein gutes Ende. Herr Golz, ich danke Ihnen ganz herzlich für das Gespräch!

Golz: Nichts zu danken!

Frenzel: Paul Golz, im Sommer 1944 Wehrmachtssoldat. Wir haben dieses Gespräch aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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