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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 01.03.2016

CrowdfundingVom Idealismus zum Millionengeschäft

Von Maximilian Klein

Menschen werfen Geldscheine in eine Schale. (Deutschlandradio / Caroline Schwarz)
Beim Crowdfunding wird der einfache Spender zum Investor. (Deutschlandradio / Caroline Schwarz)

Anfangs stand Crowdfunding für einen idealistischen Gedanken: Geld für jeden, der welches benötigt. Neben Künstlern und Leuten mit mutigen, teils schrägen Projekten haben nun auch Banken das Schwarmgeld für sich entdeckt. Wie zukunftsträchtig ist das alternative Finanzierungsmodell?

Sie wollen Geld. Dein Geld. Und deins. Und deins und auch deins.

Du und Du und Du und ich. Wir. Das ist die Crowd. Der Schwarm der Internetuser. In Formation fliegen wir durch soziale Netzwerke, über Nachrichtenseiten, drehen gleich wieder ab und schießen im Windschatten des Vordermannes auf Blogs, posten Memes und sind dann einen Klick weiter dabei, die Miete zu überweisen. Unsere schöne neue Welt.

Mit der Online-Überweisung hat man im digitalen Zeitalter gleichzeitig auch den Höhepunkt des Kontaktes mit seiner Bank erreicht. Es gibt keinen Grund mehr Zeit und Energie im Alltag auf dieses Thema zu verschwenden. Klick, fertig, weiter gesurft.

In Hochglanzvideos stehen junge Menschen vor der Kamera. Etwas hölzern erklären sie ihr Vorhaben und warum sie Geld brauchen. Das Geld der Crowd.

Zitatorin: Was hinter "Shipsheip" steckt, ist simpel: Wir tun, was wir lieben. Und das bedeutet für uns, Ethik und Ästhetik zu verbinden. Wir machen Mode aus Leidenschaft...

Ein Fußball-Magazin von Fußballern für Fußballer. "Football Magazin" ist das erste Fachmagazin, das sich an aktive, stylebewusste Fußballer richtet, die sich über Equipment, Produktinnovationen, Training und Lifestyle informieren wollen ...

Wir arbeiten seit einem Jahr an dem Traum von einer eigenen Brauerei in Hamburg. Bisher haben wir 23 unterschiedliche Biere gebraut und davon vier in Flaschen auf den Markt gebracht. Wir entwickeln alle Biere mit unserer Community in Tastings.

Der Traum vom eigenen Unternehmen. Das nächste große Ding aufziehen. Die Gründer sind jung, träumen vom Erfolg. Erfolg, der finanziert werden will. Welche Bank gibt einem unerfahrenen Mittzwanziger Geld, damit er sein Business aufbauen kann? Die Alternative: Crowdfunding.  

"Sie müssen mich übrigens nicht mit Titeln ansprechen. Es sei denn sie wollen Kompetenz irgendwie ..."

Leonhard Dobusch. Professor an der Universität Innsbruck, vorher war er an der Freien Universität-Berlin. Die Crowd und das Geld. Es ist Teil seines Lehrplans.

"Ich beschäftige mich eigentlich seit Jahren mit digitalen Gemeinschaften und Communitys. Und deren Bedeutung auch für Unternehmen und andere Organisationen und da spielt natürlich etwas wie Crowdfunding eine Rolle. Überhaupt alle möglichen Phänomene die unter dem Label Crowd, also Schwarm zusammengefasst werden."

Crowdfunding ist ein junges Thema. Angefangen hat alles mit einem idealistischen Gedanken: Geld für jeden, der welches benötigt. Crowdfunding, das war ein neues Wort für Chancen. Chancen für Ideen. Viele Leute geben was sie können für ein Projekt, das sie für unterstützenswert halten. Künstler, Musiker, Filmemacher haben den Anfang gemacht. Sehen die Möglichkeit, so an eine Finanzierung zu kommen. Ein neuer Markt entsteht.

"Die Umsätze wurden immer größer und ich muss sagen, ich fand das auch aus einem speziellen Grund interessant weil mit dieser Art von Finanzierung bestimmte, neue Geschäftsmodelle möglich waren. Also gerade im Bereich von Kunst- und Kulturproduktionen ist es durch Crowdfunding möglich, eigentlich Dinge herzustellen, vorzufinanzieren, die man nachher gar nicht so verkaufen muss, weil ja die Produktionskosten quasi schon vorab eingespielt wurden."

"Auch eine Antwort auf Probleme wie Filesharing oder Piraterie"

Das Internet ist Heilsbringer und Hölle in Einem. Gerade Kreative mussten schmerzlich feststellen: Die Kostenloskultur im Netz- ein Horror für das Erschaffen von Filmen, Musik und Texten. Plötzlich gibt es neue Möglichkeiten.

"Und das war bis zu einem gewissen Grad auch eine Antwort auf Probleme wie Filesharing oder Piraterie. Weil wenn das vorab finanziert ist, muss ich nachher die Rechte nicht so stark durchsetzen."

Crowdfunding als die Möglichkeit, endlich einen Film zu drehen, das eigene Album zu produzieren, die Business-Idee zu verwirklichen, an die die Bank nicht glaubt. Doch Crowdfunding ist auch eine Chance für soziale Projekte.

Video-Ausschnitt: "Das ist Hahnöfersand, das Frauengefängnis von Hamburg. Hier haben wir zum ersten Mal Hunde und Strafgefangene zusammengebracht. Vier Frauen haben ihre Zellen mit Hunden geteilt und sich mit Liebe um deren Entwicklung und Ausbildung gekümmert."

"2009 habe ich mit aller Konsequenz gekündigt. Bin damals aus einem Angestelltenverhältnis, auch aus einem gut dotierten Verhältnis, also ich habe gut verdient."

Hamburg. Ein Büro in einem ehemaligen Bahnhofshäuschen in der Nähe des Bahnhofes Sternschanze. Hier sitzt Manuela Maurer mit Ihrer Hundebande. Sie hat sich selbstständig gemacht mit ihrem Projekt. Sie brauchte zwei Anläufe dafür. Beim ersten Mal scheiterte das Ganze an der Finanzierung.

"Aber ich wollte mich verwirklichen. Und bin dann mit vollem Optimismus und Überzeugung reingegangen in die Gründung. Und habe dann aber, das muss ich ehrlicherweise sagen drei Jahre nur von Erspartem gelebt."

Manuela Maurer redet schnell, stets mit einem Lächeln auf den Lippen. In ihrem kleinen Büro gibt es zwei Tische, einen Schrank aus Eisen und Käthe, ihren Hund. Sie ist eine Entrepreneurin, also eine Unternehmerin. Hat ein Start-Up gegründet: Die Hundebande. Straftäter bilden in der Haft Hunde zu Blindenhunden aus. Die Verantwortung für den Hund soll resozialisierend wirken und zugleich gibt es die dringend benötigten Blindenhunde. Manuela Maurer ist studierte Sozialpädagogin.

"Ich möchte da ja gesellschaftlich was bewegen für dieses Thema. Und ich möchte dem auch eine Lobby verschaffen."

Eine Lobby für Strafgefangene. Ihnen einen Weg zurück in die Gesellschaft bieten. Das ist ihr Anliegen, dafür kämpft Manuela Maurer mit Ihrem Verein: Hundebande. Dafür startet sie auch ihre Crowdfunding-Kampagne.

"Naja du musst ja, bevor das erstmal freigeschaltet wird, dass du überhaupt in der Lage bist das Geld einzusammeln, eine Crowd anzusprechen, ihr könnt jetzt bei uns investieren, musst du im ersten Schritt erstmal diese Fanbase zusammenkriegen. Ich weiß nicht bei uns war damals die Fundingsumme 20.000 Euro das Ziel. Und ich meine wir brauchten 150 Fans."

Ohne Facebook läuft nichts mehr im sozialen Netz. Likes sind die Währung. Ganz real.

"Also da geht der Schneeball ja erstmal los. Dann musst du Akquise machen damit Du 150 Leute findest die sagen, jawohl, wir finden das gut und unterstützenswert, das ist auch toll dargestellt von der Idee. Wir sind dafür, dass man euch freischaltet auf dieser Plattform damit ihr in der Lage seid, Geld einzusammeln."

Crowdfunding wird an diesem Punkt zur harten Arbeit. Kern einer jeden Kampagne ist das Bewerbungsvideo.

"Und wenn das Pitchvideo steht und du eine Kommunikationsidee hast, einen Plan hast für die ganze Zeit der Gestaltung dieser Kommunikation, also der Laufzeit der Kampagne, dann ist eigentlich der Moment gekommen, jetzt geht man rein. Das ganze Backend das man ja befüllen muss, jetzt schaltet man es frei. Sammelt sich diese ersten 100 bis 150 Fans damit man freigeschaltet werden kann und dann  geht’s los."

Hoher Energieaufwand für Aufbau einer Community

Ist der Crowdfunder mit seinem Projekt an diesem Punkt angekommen ...

"… dann hat man aber eigentlich energetisch schon einen Punkt erreicht wo man denkt: Ich kann nicht mehr."

"Also Crowdfunding ist bei mir ein fester Bestandteil in einem Kurs zum Thema Management und Marketing im Kontext digitaler Gemeinschaften bzw. Communities. Und was wir da diskutieren ist, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit von Crowdfunding umso höher ist, je stärker man auf eine bereits bestehende Community aufbauen kann."

Professor Dobusch lehrt wie es funktioniert, das Geschäft mit der Aufmerksamkeit. Es ist Teil einer Marketingvorlesung die er hält.

"Es stimmt schon das am Ende gar nicht so viel Geld da ist oder überbleibt. Weil wenn man dann die ganzen Produkte und Gegenleistungen erstellt hat dann auch noch abzieht was man braucht, was die Kampagne selbst gekostet hat. Videos erstellen, Werbemaßnahmen, dann bleibt am Ende gar nicht so viel über. Aber man hat dann eben häufig ein neues Level erreicht an Bekanntheit, an Vertrauen und man kann dann oft in dem man bewiesen hat, das es einen Markt gibt zusätzliche Investoren gewinnen."

Stromberg – der Film, Protonet – der sichere Server für zu Hause oder die Talentschmiede für Menschen mit Autismus. Erfolgreich wurden diese Projekte mit dem Geld des Schwarmes finanziert. Videos, Bilder- die ganzen Kampagnen, werden immer professioneller. Zwangsläufig.

"Ich glaub was man jetzt schon beobachten kann ist, dass der Neuigkeitswert: 'Oh ich mach mal ein Crowdfunding' nicht mehr reicht, um Aufmerksamkeit zu generieren. Am Anfang war es vielleicht noch so, 'oh ich mache einen Film und weil ich ihn über ein Crowdfundingplattform finanzieren will, ist das schon eine Neuigkeit wert und kommt man damit schon in die Medien'."

Heute sehen die Auftritte professionell aus. Gestochen scharfe Bilder, gute Schnitte, dramatische Musik. Es wird gekämpft auf dem Marktplatz der Aufmerksamkeit. Inzwischen gibt es so viele Crowdfundingportale und -projekte, die um Geld buhlen, dass man schnell den Überblick verliert.

"Es haben schon zu viele Leute Filme und CD´s und sonstige Produkte über Crowdfunding finanziert. Das heißt, heute ist es schon soweit, dass man sagen muss: Wenn das Produkt oder die Idee, die ich über Crowdfunding finanzieren möchte, wenn die nicht interessant, spannend oder kreativ oder neu ist, dann werde ich es kaum schaffen damit wirklich in den Medien zu landen. Und dann muss ich erst recht wieder mehr Geld in die Hand nehmen für Marketing, um dafür zu sorgen, dass dieses Crowdfunding auch erfolgreich ist."

Zitatorin: Social Impact Finance. Mit kleinen Geldbeträgen soziale Projekte im Internet initiieren und große gesellschaftliche Veränderungen ermöglichen, ist das Ziel der neuen Crowdfunding-Plattform "Social Impact Finance".

Die Deutsche Bank hat ihre eigene Plattform gegründet, um den Crowdfundingmarkt kennenzulernen. Mit dem Label des sozialen Engagements versehen. Finanziert und koordiniert von der Deutschen Bank Stiftung.

Zitatorin: Die Crowdfunding-Webseite verbindet erstmals zwei aktuelle Trends, die in den letzten drei Jahren massives Wachstum zeigen: Neue Projekte über das Internet starten und sich für die Lösung eines gesellschaftlichen Problems engagieren.

Crowdfunding ist ein noch sehr junges Phänomen, andererseits ist es rasant zu einem Millionengeschäft herangewachsen.

"Ich meine, sie müssen sich das mal so anschauen. Wenn Sie zehn Siemensaktien kaufen möchten und Sie gehen zu einer Bank, dann muss der Bankmitarbeiter, die Bankmitarbeiterin mit Ihnen einen Wertpapierhandelsbogen ausfüllen. Er muss Sie aufklären über Risiken, über Chancen die sie haben."

Frank Dapp ist Volkswirt bei der Deutschen Bank Research. Eine interne Unternehmensberatung. Nicht nur er wundert sich: Die Deutschen, sonst so angstbesetzt beim Geld, noch immer eine Nation der Aktienmuffel, gehen beim Crowdfunding aufs Risiko. Und schon kommen neue Akteure ins Spiel. Noch zögerlich, aber investitionshungrig. Bisher fungieren sie als Mittler, Bereitsteller ihrer Infrastruktur aber ohne nennenswerte Umsätze an dem neuen Geschäft. Banken.

"Und wenn man sich diese Zahlen mal anschaut, da sind wir halt echt im Billionen-Bereich. Also alleine was die deutschen Banken an Unternehmen und an Selbstständige rausgeben ungefähr, ich glaube der letzte Stand war über 1,2 Billionen Euro. Wenn man sich mal den Crowdfunding-Markt anschaut, nur in Deutschland, da sind wir vielleicht im mittleren, zweistelligen Millionenbereich. Ich weiß es nicht genau, lassen sie es 70-80 Millionen sein."

70-80 Millionen Euro. Peanuts wenn das eigene Haus gerade sechs Milliarden Verlust schreibt. Doch das Interesse der Bankhäuser an Investitionen in Crowdfunding-Projekte scheint zu wachsen. Dabei sind diese Geschäfte auch für die Banken mit höherem Risiko behaftet.

"Also im Prinzip geht’s gar nicht mal darum ob die Deutsche Bank als Geschäftsbank an dieser Thematik interessiert ist. Es ist jedenfalls aus volkswirtschaftlicher Sicht ein sehr spannendes Thema. Warum ist es ein spannendes Thema: Weil seit ein paar Jahren oder wenn man so die letzten zwei Dekaden anschaut ist die Beschäftigung in Deutschland sehr stark gestiegen und darunter natürlich auch der Anteil der Selbstständigen."

Banken sind bei sozialen Projekten zurückhaltend

Große Geldhäuser sehen in Jungunternehmern, häufig ohne nennenswerte Rücklagen und Erfahrungen eher das Risiko und die geringe Chance auf einen Ertrag. Gerade bei sozialen Projekten sind Banken nicht die richtigen Ansprechpartner. In einer rasanten Welt werden sie somit zu einer Innovationsbremse. In Zeiten von Minuszins, Vertrauensverlust und dem Aufkommen von sogenannten fintech start ups – Unternehmen, die online Finanzgeschäfte betreiben, schaut sich die Branche nach neuen Geschäftsfeldern um. Noch ist dieser Blick von oben herab gerichtet.

"Also ich glaube man muss da so ein bisschen differenzieren. Crowdfunding ist nicht gleich Crowdfunding. Es gibt einfach unterschiedliche Ausformungen des Crowdfundings. Was Sie ansprechen, was mehr so den Spaß-Charakter hat, da geht es tatsächlich darum Spenden einzusammeln über das Internet. Was natürlich von der Idee her überhaupt nicht neu ist."

Aber es gibt Hoffnung auf dem Geldmarkt von Morgen. Auch für klassische Banken. Mit reinem Spaß am Profit.

"Und dann gibt’s halt natürlich auch das Crowdinvesting, das aktienbasierte. Da sind die Investoren sehr viel professioneller, da geht’s dann halt auch darum, tatsächlich eine Rendite zu erzielen. Also die gehen da nicht aus Spaß rein in so ein Projekt, sondern die wollen da mit ihrem Kapital reingehen, ganz klar mit dem Ziel: ich möchte an den Cashflows dieses Projektes beteiligt werden, ich möchte da eine Rendite sehen. Und da haben sie natürlich sehr viel mehr Risiken wie wenn sie sich mit einem Betrag von 25 Euro an einem Filmprojekt beteiligen und dann am Ende eine Kinokarte für die Premiere bekommen oder dergleichen."

Und wird im Internet Geld verliehen spricht man von...

"… Crowdlending, man spricht auch teilweise von Peer to Peer Krediten, bezeichnet dann eher eine Kreditvergabe unmittelbar zwischen Privatpersonen, also den Peers und ohne Bank quasi. Das heißt, die Crowdlending-Plattform stellt nur den Kontakt her zwischen einem Kreditnehmer und verschiedenen individuellen Kreditgebern die jeweils unterschiedlich viel Geld verleihen."

Viele Milliarden Euro haben Banken in den letzten Jahren an Geld verbrannt. Geld, das hätte für frische Ideen und neue Unternehmen ausgegeben werden können. Diese Lücke soll das Crowdfunding füllen, findet Thomas Dapp.

"Aber im Prinzip geht es ja darum, wie finanzieren sich Jung-Entrepreneure. Und normalerweise haben sie klassische Kanäle wie Banken Venture-Capital-Unternehmen, auch mal ein öffentliches Förderungsinstitut. Und da die aber sehr risikoavers sind zum Teil, also bei Banken die auch regulierungsindiziert gewisse Risiken gar nicht mehr auf ihre Bücher nehmen dürfen zum Teil, Venture-Capital-Unternehmen insbesondere in der Frühphasenfinanzierung relativ wenig, oder zu wenig Kapital rausgeben, haben sich eben diese Plattformen etabliert."

Crowdfunding-Plattformen und ihr Erfolg sind auch ein Ergebnis der Bankenkrise. Jungunternehmen gelten für Banken als Hochrisikokapital und unrentabel. Die Start-Up-Szene – das ist schwarzes und rotes Tuch in einem.

"Aber ich glaube seit dem Beginn der Finanzkrise ist auch schon die Regulierung stärker geworden. Das heißt, mal abgesehen das es neben den regulatorischen  Anforderungen an die Bank vielleicht nicht nennenswert rentabel ist Kleinstunternehmen zu finanzieren. Das hängt vom Volumen ab."

Paläste aus Glas und Beton mit Unternehmenslogo auf dem Dach  auf der einen Seite, engagierte Jungunternehmer auf einer Internetplattform auf der anderen Seite. Von Augenhöhe kann noch keine Rede sein. Aber die Bankenwelt greift nach dem Geschäft. Wenn auch zögerlich.

Manuela Maurer konnte ihre Crowdfunding-Kampagne erfolgreich abschließen. In drei Monaten 20.000 Euro einsammeln, es gelang ihr.

"Die Nachbereitung kommt ja noch hinzu. Dann ist der letzte Tag der Kampagne da, im Idealfall ist das Funding-Ziel erreicht. Aber dann geht es ja in die Produktion der ganzen Dankeschöns, in den Versand der ganzen Dankeschöns. Es kommen Rückläufe, weil eben eine Adresse nicht richtig gelesen wurde oder geschrieben wurde, was auch immer."

Eine Crowdfunding-Kampagne ist harte Arbeit. Jeden Tag.

"Drei Monate. Ich würde aber sagen, dass ich in Summe mit der Vorbereitung und der ganzen Nachbereitung, fast ein Jahr zu tun hatte, in einem Teilzeitjob."

Ein Jahr Arbeit, um an 20.000 Euro Spenden zu kommen. Es hätte auch andere Wege gegeben, leichtere, weniger erschöpfende. Aber Crowdfunding hatte für sie ein noch wichtigeres Ziel. Die Bekanntmachung ihres Projektes.   

"Ok, man nutzt jetzt ein Jahr jeden Tag vier Stunden. Um mal ein Beispiel zu nennen, man nimmt sich das ganze Stiftungsverzeichnis vor, macht da mal ne Akquise, schaut sich mal die Stiftungen an und geht mal ins Gespräch. Ich gebe dir vollkommen Recht, am Ende des Jahres hätte ich auch zwei Stiftungen sicher akquirieren können, die mit jeweils 10.000 Euro in die Unterstützung gegangen wären, absolut, gar keine Frage."

Die Kampagne muss über die Laufzeit betreut werden. Jeden Tag müssen die Social-Media-Kanäle bespielt werden, es wird geknipst, gefilmt, gerepostet. Klassische Aufgaben eine Marketingabteilung. Und es muss permanent um Vertrauen geworben werden.

"Sie investieren vielleicht nur ein paar hundert Euro aber die Banken sind regulierungsinduziert verpflichtet, über diese Risiken aufzuklären. Wenn sie bei der Crowdfunding oder einer Crowdinvesting-Plattform 500 Euro oder 250 Euro investieren, dann klärt Sie da eigentlich niemand auf über irgendwelche Risiken. Weil die Plattform die das anbietet, die ist ja nicht beteiligt an dem Unternehmen. Das heißt, das Interesse einer Plattform hier für eine Bewertung oder für Risiken aufzuklären, das hält sich in Grenzen."

Anleger sollen zukünftig besser geschützt werden

Keine Warnhinweise, keine Erklärungen zu Chancen und Risiken auf den Plattformen des Schwarmgeldes. Jeder Lottospieler wurde in Deutschland besser aufgeklärt. Ein Graubereich im Finanzmarkt. Mal wieder. Das neue Gesetz zum Schutz von Anlegern soll Abhilfe schaffen. Es verlangt unter anderem einen von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Bafin geprüften Prospekt. Ausgenommen sind Projekte deren Volumen 2,5 Millionen Euro nicht übersteigt.

"Banken sind dazu verpflichtet und bisher war eben der Crowdfunding Markt war nicht in diesem Bereich, deswegen hat die Regierung jetzt gesagt Stopp, das ist so der graue Kapitalmarktbereich, den wollen wir auch regulieren. Und deswegen gibt es jetzt seit Juli 2015 wurde verabschiedet das Kleinanleger Schutzgesetz. Und da steht jetzt drin das man zum Beispiel, dass man die bewerben darf, diese einzelnen Projekte aber man muss auch mit einem ganz klaren Warnhinweis versehen, dass diese Investitionen auch zum Totalausfall führen können."

Totalausfall. Pleite, insolvent, die Idee hat nicht geklappt, das Geld des Schwarmes ist weg.

Zitatorin: Vibewrite. Vibewrite schlitterte Ende 2014 in die Insolvenz. Für den neuartigen digitalen Stift wurden 560.000 Euro wurden eingesammelt.

foodieSquare. foodieSquare, lieferte mit der Tastybox Lebensmittel nach Hause, ging ebenfalls pleite. Über das Portal Seedmatch sammelte foodieSquare mehr als 530.000 Euro ein.

Sommelier Privé. Sommelier Privé scheiterte im Sommer 2014. Das Unternehmen wollte "die Bequemlichkeit des Online-Einkaufs mit der Beratung vom Spitzen-Sommelier" verbinden. 300.000 Euro gingen verloren.

Betandsleep. betandsleep, vermittelte zwischen reiselustigen Personen und Hotels der gehobenen Klasse. 100.000 Euro weg.

Seit Juli 2015 sind auch die Betreiber von Crowdfunding- Plattformen gezwungen, genauer zu informieren. Nach kurzem Suchen findet man Hinweise wie diesen: "Der Erwerb dieser Vermögensanlage ist mit erheblichem Risiko verbunden und es kann zum vollständigen Verlust des eingesetzten Vermögens kommen."

Wer hingegen in ein Sozialbusiness investiert, erwartet Erfolg, aber keinen finanziellen Gewinn. Höchstens Punkte für das Nirwana.   

"Diese Dankeschöns die man dann dafür auswählt, das sind ja im sozialen Bereich, ich nenne es mal diese Karmageschenke. Ich hab ja nicht wirklich einen Pfund gehabt, was ich da zurückgeben konnte im Tauschgeschäft. Das ist schon eine harte Nuss die da zu knacken ist."

Buttons, Sticker, Fotos, ein Hund wird nach einem Spender benannt. Das ist die Gegenwährung von Sozialunternehmern. Das gab es in Prä-Internetzeiten auch. Spende wurde es genannt.

"Spenden ist auch ein Wort, das darf man in dem Zusammenhang schon gar nicht benutzen."

In der Welt des Internet-Business will sich jeder vorkommen wie im Silicon Valley. So wird der einfache Spender zum Investor. Das hat klingt nach Bill Gates, Apple und Mark Zuckerberg nicht nach Sparbüchse in der Einkaufsmeile. Crowdfunding, Crowdinvesting, Crowdlending. Sind sie die Zukunft des Geldmarktes?

"Ich glaube, das Crowdlending und Crowdinvesting etwas ist, was Banken anbieten werden. Die Banken werden in diesen Bereich reingehen, einfach weil sie Erfahrung haben in diesem ganzen Geschäftsfeld von Finanzierung. Und deshalb sehe ich da keine große Gefahr für die Bank als Akteur."

Banken und das Geldgeschäft im Internet. Es ist eine Gefahr für sie. Sie verlieren an Einfluss, Geschäftsfelder brechen weg. Leonhard Dobusch, der BWL Professor, sieht es noch drastischer.

"Ich sehe eher die größere Gefahr, wenn Banken zu stark da reindrängen und dann Druck ausgeübt wird auch hier eben diese Regulierungen abzuschwächen, dann wird man als fortschrittfeindlich hingestellt."

Was als Liberalisierung und Abnabelung von den Geldhäusern begonnen hat, hat das Potenzial Blasen zu bilden und das System ins Wanken zu bringen. Ein Einfallstor, um Regulationen zu umgehen. 

"Ich glaube aber, man darf nicht unterschätzen, dass dann hier wirklich systemische Risiken entstehen könnten. Wenn man es schafft, mit solchen Crowdlending-, Crowd-investment-Plattformen bestehende Kapitalmarktvorschriften einfach zu umgehen."

Crowdfunding: Harte Arbeit und mit Risiken verbunden

Es ist ein Markt, der in den Kinderschuhen steckt. Noch kann keiner sagen, was genau passieren wird. Wohin die Entwicklung geht. Für Manuela Maurer und die Hundebande hat sich das Experiment Crowdfunding gelohnt.

"Also jeder Freund ist da geblieben. Das kann ich schon mit ziemlicher Sicherheit sagen. Es ist keiner abgesprungen oder schickt uns plötzlich E-Mails die 'was macht ihr da für Blödsinn'. Es geht ja auch weiter. Wir haben dann im letzten Jahr neue Hunde einziehen lassen, erstmals an unserem anderen Standort in unserem Frauengefängnis Hahnöfersand, haben erstmals beide Standorte parallel bespielt."

Es hat geklappt mit dem selbständig sein. Das Projekt hat dank Crowdfunding einen Anfang genommen, Manuela Maurer kann von ihrem Engagement und ihrer Idee leben. Das Land Hessen hat sie gebeten, das Projekt dort ebenfalls aufzubauen, gegen Geld. Auch ein Ergebnis ihrer Crowdfunding-Kampagne. Bei der Frage, ob sie es noch mal versuchen würde, wird sie nachdenklich.

"Ich könnte es mir derzeit überhaupt nicht leisten, ressourcenmäßig überhaupt nicht. Ich möchte es aber nicht völlig ausschlagen, dass wir es noch mal tun."

Aber nur auf die Crowd zu setzen, wäre auch ein Fehler, findet sie. Und so hat sie einen Antrag auf Mittel aus dem Haushalt der Stadt Hamburg gestellt. Steuermittel also.

"Denn auf Dauer 100 Prozent Projektmittel über Spenden zu akquirieren, das schaffen wir nicht. Und ich find‘s auch falsch. Natürlich finde ich es wichtig ein Thema aufzubauen, mit so einer hohen gesellschaftlicher Relevanz. Auch die Möglichkeit zu geben der Gesellschaft und Community etwas zu bewirken. Sei es monetärer Art oder sei es mit dem Engagement im Ehrenamt. Gar keine Frage. Aber ich finde der Kuchen sollte schon aufgeteilt werden. Ich sehe da ganz stark ein hybrides Modell in der Finanzierung."

Vielleicht wird auch ein großes Unternehmen wie Siemens eines Tages eine neue Waschmaschine, die noch schonender wäscht, über das Online-Geldgeschäft finanzieren? Das könnte zu Lasten der Kreativwirtschaft gehen.

"Also ich würde mir natürlich wünschen, dass dem nicht so ist. Weil und ich glaube auch zahlenmäßig ist das nicht unbedingt so, weil wenn man sich die Kreativwirtschaft anschaut, und da sind ja auch unterschiedliche Designbereiche darin. Da ist Gaming mit drin, Softwareprogrammierung. Ich glaube das ist ein Wachstumsmarkt."

Die Vorstellung: Ich brauche Geld, ich starte mal eine Crowdfunding-Kampagne, ist irreführend. Es ist harte Arbeit, mit Risiken verbunden und man benötigt  Wissen und Erfahrung.

"Ich glaube Crowdfunding ist nicht für jeden. Aber für alle, die ein Interesse haben, längerfristig in einem bestimmten Bereich tätig zu sein, und die dafür auch glauben, eine Community aufbauen zu wollen, mit der in den Austausch zu treten, ist Crowdfunding immer noch eine sehr interessante Möglichkeit, um Aufmerksamkeit zu generieren."

"Deshalb wäre auch meine Empfehlung für jeden, der sich diesem Thema widmen möchte, rein nur um sozusagen, Geld einzuwerben, finde ich ist es wirklich sehr mühsam erarbeitet. Wenn man damit noch eine andere Idee verfolgt, nämlich die Bekanntmachung eines Themas. Dann würde ich sagen, hat es Potenzial."

Kampagne: Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit und hmja.

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(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 17.02.2016)

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