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Religionen / Archiv | Beitrag vom 07.01.2012

"Crossing Over"

Was deutsche Katholiken in den USA lernen können

Von Michael Hollenbach

Eine Madonna mit Jesuskind. In der katholischen Gemeinde St. Sabina wird Jesus vor allem als Friedensfürst begriffen. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Eine Madonna mit Jesuskind. In der katholischen Gemeinde St. Sabina wird Jesus vor allem als Friedensfürst begriffen. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Seit sechs Jahren besuchen deutsche Priester und Pastoralreferenten das katholische Bistum Chicago. Möglich macht es das Projekt "Crossing Over" der Universität Bochum. In Chicago sehen die Deutschen, wie sich eine Gemeinde auch ohne Kirchensteuer finanzieren kann.

Die katholische Gemeinde St. Sabina im Süden Chicagos. Eine schwarze Gemeinde mit dem weißen Priester Michael Pfleger. Ein charismatischer Mann, dessen Predigten oft länger als eine Stunde dauern.

"Wir haben einen Gottesdienst von drei Stunden gefeiert, der hat uns weggefegt, nicht nur von der Musik, sondern von der Begeisterungsfähigkeit der Leute, von der Art und Weise der Leute, wie sie ihren Glauben bekannt haben und von der Art und Weise, wie sie uns in ihre Gemeinschaft eingebunden haben."

Der Essener Pastoralreferent Norbert Lepping hat sechs Wochen lang verschiedene Gemeinden im Bistum Chicago kennengelernt. Am meisten hat ihn - wie auch den Bochumer Professor für Pastoraltheologie Matthias Sellmann, der das Projekt Crossing Over betreut - St. Sabina beeindruckt.

"Das gehörte auf jeden Fall zu den schönsten und intensivsten kirchlichen Erlebnissen, die ich überhaupt in meinem Leben bisher hatte. (..) Allein zu sehen, wie extrovertiert man katholisch sein kann, wie stark die Botschaft der Bibel ausgelegt werden kann für das Leben von heute, wie stark sich Liturgie und der Einsatz für politische Gerechtigkeit verbinden können, da habe ich da sozusagen einen Maßstab dafür bekommen."

Vieles wirkt hier in St. Sabina anders als in einer traditionellen katholischen Messe: die Länge des Gottesdienstes, die Predigt, die Interaktion mit der Gemeinde, die Zwischenrufe und Kommentare der Gottesdienstbesucher, die Gospel-Musik oder ein in die Predigt eingestreutes Klaviersolo des Priesters.

Der ehemalige Kardinal von Chicago, Joseph Bernhardin, sagte nach einem Besuch in St. Sabina, die Messe sei die spirituellste Erfahrung seines Lebens gewesen; aber ob sie auch katholisch gewesen sei, wisse er nicht so genau. Kritiker halten Michael Pfleger vor, seine Gottesdienste würden eher an die der Baptisten oder gar die der Pfingstkirchen erinnern. Doch für den Priester von St. Sabina steht außer Frage, dass er eine katholische Messe zelebriert:

"Alle Elemente eines katholischen Gottesdienstes sind vorhanden. Der Ausdruck, die Umsetzung ist etwas anders. Wir sagen nicht: das ist der Weg, Gottesdienst zu feiern, sondern es ist unsere Art. Was macht denn einen Gottesdienst in einem spanischen Umfeld oder einem deutschen besser als einen anderen? Es geht darum, Gott zu ehren, aber wir würden niemals sagen, dass unsere Art die einzig richtig ist."

Dass Michael Pfleger ein Verehrer von Martin Luther King ist, das erkennt man nicht nur an den vielen Bildern des Baptistenpredigers, die in dem Büro des Priesters hängen. Auch sein Verständnis des Priesteramts, sich nicht nur seelsorgerlich, sondern auch politisch für die schwarze Bevölkerung einzusetzen, erinnert an den 1968 ermordeten Bürgerrechtler. So hat Michael Pfleger in seiner Gemeinde so genannte "gun days" eingeführt, an denen vor allem jungen Leuten Geld erhalten, wenn sie ihre Waffen abgeben. Denn Schießereien gehören im Süden Chicagos zum Alltag. Ein Pflegesohn des Priesters wurde bei einem Schusswechsel von einer Gang getötet.

"Es gibt eine Kultur hier, die die Gewalt als way of life in einer sehr aggressiven Gesellschaft akzeptiert. Wir wehren uns gegen diese Gewalt. Jesus ist ein Friedensfürst, und wir sind deshalb Instrumente des Friedens, Friedensstifter. Was mich am meisten stört, das sind Gewalt und Armut, und ich setze mich für die ein, die sich ausgestoßen fühlen. Jesus hat uns aufgerufen, uns um diese Menschen zu kümmern. Die Kirche muss die Lobby der Armen sein."

Wie alle amerikanischen Gemeinden finanziert sich die Pfarrei St. Sabina nicht über eine Kirchensteuer, sondern direkt durch die Kollekten und Spenden aus der Gemeinde. Für eine schwarze Gemeinde im armen Süden Chicagos ist das oft sehr schwierig.
Jede Gemeinde muss über die Kollekte, über Fundraising und Spenden genügend Geld aufbringen, um das Personal, die Kirchengebäude und meist auch kirchliche Schulen finanzieren zu können. "Stewardship" heißt das Zauberwort, mit dem die Gemeindemitglieder motiviert werden sollen, ihre Zeit, ihre Talente und ihr Geld in die Gemeinde einzubringen. Robert Heinz, Priester einer wohlhabenden Gemeinde im Norden von Chicago:

"Für mich bedeutet Stewardship, dass wir alle ein Teil dieser Kirche sind und wir alle verantwortlich sind, diese Kirche zu unterstützen. Manche verfügen über viel Geld, und wir fragen sie, ob sie etwas davon spenden können. Andere haben besondere Fähigkeiten, andere haben Zeit, die sie einsetzen. Es ist unsere Kirche, es ist nicht meine Kirche."

Das bedeutet: eine Gemeinde kann nur überleben, wenn sich vom Pfarrer über die hauptamtlichen Mitarbeiter, zu denen immer auch ein Business-Manager gehört, bis zu den zahlreichen Ehrenamtlichen alle engagieren. Holger Bräuer, Theologe aus dem Bistum Essen, ist von dem Engagement, das er in Chicago erlebt hat, beeindruckt:

"Ich weiß gar nicht, ob es manche Gemeinde in Deutschland noch geben würde, wenn wir das amerikanische System hätten. Weil wenn eine Gemeinde nicht aus sich heraus aktiv ist, dann wird sie über kurz oder lang auch geschlossen werden müssen. Das gibt den Gemeinden auch ein gewisses Selbstbewusstsein."

Auch ein Selbstbewusstsein innerhalb der Kirchenhierarchie, ergänzt der Pastoraltheologe Matthias Sellmann, der das Crossing-Over-Projekt koordiniert. In Deutschland könne der Bischof auch über das Geld Einfluss auf Priester und Gemeinden nehmen:

"Das ist hier eher umgekehrt: ( ... ) natürlich muss der Bischof hier werbend auf die Pfarreien zugehen für seine Pläne, (..) und kann nicht mit dem Medium Geld, das er ausschüttet oder einbehält, steuern. (..) es ist eine sehr starke andere Positionierung des Bischofsamtes."

Allerdings - so Matthias Sellmann - habe die Verantwortung der Pfarrer für die Finanzierung ihrer Gemeinde auch ihren Preis:

"Man kann in den sehr reichen Gemeinden zu dem Eindruck kommen, dass man religiöse Manager vor sich hat, große Unternehmensleiter. Das führt auch zu einer Aushöhlung der Priesterberufung, (..) so dass sie das Geistliche und das Managementhafte des Priesterseins nur schwer miteinander vereinbaren können."

Die deutschen Teilnehmer des Crossing Over-Projektes, die im Großraum Chicago amerikanische Gemeinden besucht haben, betonen die Vorteile des amerikanischen Systems einer direkten Finanzierung durch die Gemeindemitglieder. Doch das deutsche Kirchensteuersystem abschaffen, das wollen sie auch nicht. Matthias Sellmann plädiert für einen Kompromiss:

"Dass es einen festen Sockel gibt, den man an das Bistum zahlt, und aber eben einen frei wählbaren Betrag, den man an einen kulturellen Anbieter bezahlt, wie das meines Wissens in Italien so ist."

In Italien und Spanien kann der Steuerzahler selbst entscheiden, ob das Geld den Kirchen oder sozialen oder kulturellen Organisationen zugute kommt.

Michael Pfleger, Priester im armen Süden von Chicago, muss jedenfalls mit bescheidenen Mitteln auskommen. Dafür gibt es in seiner schwarzen Gemeinde aber auch keine Großspender, die ihm in die Predigt oder seine politische Theologie hineinreden wollen. Michael Pfleger hat immer wieder mit Aktionen auf sich aufmerksam gemacht: So forderte er seine Gemeindemitglieder auf, von Prostituierten und Dealern in der Nachbarschaft nicht Sex und Drogen zu kaufen, sondern sie für ihre Zeit zu bezahlen, um mit ihnen über Ausstiegsmöglichkeiten zu reden.

Oder er plädiert für die Ordination von Priesterinnen und Bischöfinnen. Das sorgt zwangsläufig für Konflikte mit seinem Vorgesetzten, dem konservativen Kardinal Francis George. Der hat ihn schon mehrfach für einige Wochen oder Monate suspendiert - aber bis heute weigert sich Michael Pfleger, seine Gemeinde, in der er seit 30 Jahren als Priester tätig ist, zu verlassen.

"Ich bin wahrscheinlich zu radikal für den Bischof und für die Institution Kirche. Die Kirche hat sich verändert, nicht ich. Die Kirche ist sehr traditionell geworden, sehr konservativ, die Kirche ist eine Art christliche Tea Party geworden. Und ich denke, dass Jesus die radikalste Person war, die je gelebt hat. Er hat am Sabbat geheilt, er hat die Händler aus dem Tempel geworfen, und er wurde nicht nur von den Römern getötet, sondern von den Pharisäern, von der Religion."

Religionen

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