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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.11.2015

Craig Thompson: "Weltraumkrümel"Wo Wale Planeten fressen

Von Frank Meyer

Craig Thompson auf der Comic-Messe in Barcelona 2012 (dpa / picture alliance / Marta Perez)
Craig Thompson auf der Comic-Messe in Barcelona 2012 (dpa / picture alliance / Marta Perez)

"Weltraumkrümel" ist eine heitere Dystopie, die Geschichte einer sozial unbarmherzig getrennten Gesellschaft in einem gnadenlos vermüllten Universum. Der amerikanische Zeichner und Autor Craig Thompson zeigt hier wieder seine ganze Klasse.

Craig Thompson ist einer der entscheidenden Comic-Autoren der jüngeren Zeit. Schon mit seinem zweiten Buch, "Blankets" aus dem Jahr 2003, hat er sich an die Spitze der internationalen Comicautoren gesetzt. Thompson wurde für diese Coming-of-Age-Geschichte mit einem Eisner-Award für das "beste Album" und als "bester Künstler" ausgezeichnet, mehr geht kaum in der Comicszene. Acht Jahre später hat Craig Thompson sein nächstes großes Comic-Buch vorgelegt, "Habibi", eine 700 Seiten starke Zusammenführung von islamischen und christlichen Zeichenwelten.

Thompson scheint sich mit jedem seiner Bücher ein neues Genre vorzunehmen. Mit seinem vierten Werk ist er nun bei der Science Fiction angekommen. "Space Dumplins", in der deutschen Übersetzung "Weltraumkrümel", ist ein Buch für jüngere und ältere Leser, das einen mit seinem visuellen Reichtum einfach umhaut.

Die Hauptfigur, das Mädchen Violetta, bewohnt mit ihren Eltern ein klappriges Familienraumschiff in einem galaktischen Trailerpark. Dort leben die Underdogs, Violettas Vater arbeitet als interstellarer Müllsammler, ihre Mutter aber könnte als vielversprechende junge Modedesignerin in die Higher Society dieser Weltraumgesellschaft aufsteigen. Sie wird nach Shell-Tarr eingeladen, in eine glanzlackierte Raumstation für die oberen Zehntausend, in die jeden Tag tausende Tagelöhner aus umliegenden Umlaufbahnen eingeflogen werden.

Ein Hühnchen mit Visionen

Die bizarrsten Wesen wimmeln auf Shell-Tarr durcheinander, krakenartige, saurierähnliche, amöbenhafte, der Mensch ist hier nur eine unter vielen intelligenten Spezies. Alle diese Wesen werden allerdings gemeinsam bedroht von einer surrealen Krise ihres Systems. Gigantische Wale bewegen sich durch diesen Teil des Universums, sie fressen den in ungeheuren Mengen herumfliegenden Weltraumschrott, aber auch Raumstationen und ganze Planeten.

Nebenbei verschlingt einer dieser Wale die kleine Arbeitsstation von Violettas Vater, der nun als neuer Jonas im Bauch des Megawals sitzt. Das setzt die Geschichte dieses Buches in Gang: Violetta bricht auf, um ihren Vater zu retten, zusammen mit höchst merkwürdigen Gefährten. Zu denen gehört unter anderem ein hochintelligentes Hühnchen, das von eschatologischen Visionen befallen wird.

Craig Thompson hatte offensichtlich großen Spaß daran, alle möglichen spacigen Visionen zu zitieren, Elemente aus "Star Wars"-Filmen, "Raumschiff Enterprise" und "Blade Runner". Thompson überbietet alle diese Welterfindungen noch mit seinen aus Tierknochen, alten Dampfmaschinen und futuristischem Design zusammengeschraubten Fahrzeuge, die er in kräftigen Farben und auf sehr abwechslungsreich gestalteten Seiten gezeichnet hat.

Aus all dem entsteht eine Art heitere Dystopie, eine sozial unbarmherzig getrennte Gesellschaft in einem gnadenlos vermüllten Weltraum. Das Buch erzählt eine eher schlichte Geschichte vom Zusammenhalt unter Freunden und in einer Familie, aber die sensationelle Vielfalt der Gestalten und Szenerien in Craig Thompsons Weltraum zeigt erneut seine ganze Klasse.

Craig Thompson: Weltraumkrümel
Aus dem Englischen von Matthias Wieland
Reprodukt Verlag, Berlin 2015
320 Seiten, 29 Euro

Mehr zum Thema:

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