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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 26.10.2015

Coworking ToddlerBeruf und Kleinkind klug vereint

Von Sandra Löhr

Die Anwältin Sandra Runge sitzt mit der zweijährigen Ada vor einem Laptop (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Die Anwältin Sandra Runge mit der zweijährigen Ada: Sie gehört zu den Gründerinnen des Projekts "Coworking Toddler". (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Arbeiten oder Kleinkind? "Coworking Toddler" heißt das Gemeinschaftsbüro mit angeschlossener Kita, das beides möglich machen soll und bald in Berlin eröffnet. Das Versprechen: echte Vereinbarkeit - ohne dass Job oder Kinder leiden müssen. Gegründet wurde es von Eltern mithilfe einer Crowdfunding-Aktion.

"Hey, das wird hier nicht so gespielt, wie es muss..."

Ein Sommer-Nachmittag auf dem Helmholtzplatz in Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Ein Dutzend Kleinkinder versucht, mit einem bunten Schwungtuch zusammen ein paar Bälle in die Luft zu werfen. Doch immer wieder kullern die Bälle weg. Daneben steht Juliane Gringer. Die dunkelhaarige Mittdreißigerin hält lachend das Tuch fest, versucht die Bälle in der Mitte zu halten. Mit anderen Eltern hat die zweifache Mutter im letzten Jahr das Projekt "Coworking Toddler" gestartet. Im Internet haben sie mit einer Crowdfunding-Aktion 16.000 Euro gesammelt. Endlich der Startschuss für die Realisierung. Heute Nachmittag wird das mit Schorle, selbstgebackenen Waffeln, Schokoladen-Mousse-Törtchen und Prosecco gefeiert.

"Das alles kam eigentlich aus so einem ganz einfachen Gefühl heraus. Und das hat auch bei uns im Team zu der zündenden Idee geführt, die wir dann auch weiter verfolgt haben: Man hat ja gerade in der Anfangszeit mit dem Kind eine sehr, sehr enge Zeit, und man ist zuhause, es gibt die Elternzeit als Institution und dann kommt plötzlich dieser starke Bruch zur Vollzeitbetreuung an einem ganz anderen Ort. Und wir haben uns gefragt: Muss das eigentlich sein? Und unsere Antwort war, es muss nicht sein, man kann beides zusammenholen und man kann beides verbinden."

Arbeiten oder Kleinkind? Mit dem Konzept der "Coworking Toddlers" soll beides möglich gemacht werden, echte Vereinbarkeit gelebt werden. Ohne dass der Job und ohne, dass die Kinder darunter leiden.

Also heißt die Devise: Arbeiten mit Kleinkind! Was sich für die meisten Eltern wie ein Ding der Unmöglichkeit anhört, soll hier stattfinden. Allerdings sind dafür die Bereiche im geplanten Gemeinschaftsbüro mit angeschlossener Kita strikt räumlich getrennt. Es gibt einen "Coworking Space", also ein Gemeinschaftsbüro für die Eltern, wo in Ruhe gearbeitet werden soll. Und es gibt die Kita-Räume nebenan. Mittag gegessen wird gemeinsam.

Eltern werden von den Erzieherinnen im Büro angepiepst

"Die Eingewöhnung soll nach dem neuesten Stand der Bildungsforschung passieren, weil man ja weiß, dass besonders Kinder in ganz jungem Alter besondere Bedürfnisse haben. Da kann man sehr gut mit gezielter Förderung sehr viel erreichen. Was für die spätere Entwicklung und Bildung im Bezug auf Schule sehr wichtig ist. Und wir arbeiten mit dem Flow-Effekt, der altersgerechtes Lernen ermöglicht durch freies Spiel, durch sehr intensives Versunkensein. Und eine gute Betreuung ist immer nur möglich mit einem guten Betreuungsschlüssel und da werden wir über das Notwendige hinausgehen, um zu sagen, dass dieses bedürfnisorientierte Aufwachsen ermöglicht wird."

Wann immer ein Kind den Trost oder die Nestwärme von den Eltern braucht, werden diese von den Erzieherinnen im Büro angepiepst und können so in den Kitabereich wechseln. Auch flexibles Stillen soll so, besonders in der Eingewöhnungsphase, möglich gemacht werden. Das bindungs- und bedürfnisorientierte Konzept der Coworking Toddlers entspricht so dem aktuellen Stand der Bindungsforschung.

"Die internationalen Studien sagen sehr klar, dass für eine gesunde Entwicklung von kleinen Kindern es notwendig ist, dass der Betreuungsschlüssel stimmt. Der sollte bei Säuglingen eins zu zwei sein. Das heißt eine Erzieherin betreut zwei Säuglinge. Und wenn die Kinder schon etwas größer sind, also Zweijährige oder Dreijährige, dann sollte eine Erzieherin nicht mehr als drei Kinder betreuen. Das wird international heute als Krippenbetreuung mit hoher Qualität betrachtet. Leider ist der Betreuungsschlüssel in Deutschland in den allermeisten Krippen nicht von dieser Qualität. Im Gegenteil. Wir haben ungefähr 12, 14, 16 und sogar mehr Kinder, die von zwei Erzieherinnen betreut werden. Diese Situation bedeutet für das kindliche Gehirn ganz großen Stress."

Gute Bindung als Voraussetzung für gute Bildung

Wissenschaftler wie Karl Heinz Brisch warnen vor den Folgen des Erzieherinnen-Mangels in der Kleinkindbetreuung: Er arbeitet als Kinderpsychiater an der Ludwig-Maximilian-Universität in München und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Bindungsforschung. Was passiert also genau, wenn die Kleinkinder in der Kita auf zu wenige Betreuungspersonen treffen?

"Diese frühen Stresserfahrungen sind für das Gehirn und die kindliche Gehirnentwicklung eine Katastrophe. Dieser Stress bedeutet dann aber auch, dass das Gehirn sich nicht so gesund entwickelt, wie bei einem bindungssicheren Kind. Wir brauchen diese gute, emotionale Versorgung, damit zum Beispiel das neuronale Wachstumshormon gebildet wird. Das ist dafür zuständig, dass die vielen Nervenzellen, mit denen wir geboren werden als Baby, dass die Netzwerke bilden und das passiert nur, wenn dieser Wachstumsfaktor vorhanden ist. Was wir dann Bildung nennen, das funktioniert überhaupt nicht gut. Das Gehirn kann sich im Sinne von Lernen, die Welt erkunden, Bildung, nur dann gut, stabil und intensiv entwickeln, wenn die Bindungssicherheit gegeben ist."

Eine gute Bindung ist also die beste Voraussetzung für die spätere Bildung.

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