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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 12.08.2009

"Coraline"

Hans-Ulrich Pönack über ein animiertes Märchen

In dem neuen Film des Animationsspezialisten Henry Selick entdeckt ein kleines Mädchen eine wundersame Welt, in der alles besser ist. Doch sie hat auch ihre Schattenseiten.

USA 2008, Regie: Henry Selick, Darsteller: (Stimmen) Luisa Wietzorek, Marion von Stengel, 101 Minuten, ab sechs Jahren

Der heute 56-jährige Selick hat Zeichnen, Malerei, Bildhauerei und Kunstdruck studiert, arbeitete als Animations-Spezialist bei Disney und hat sich gleich mit seinem "ganz speziellen" Debütfilm "The Nightmare Before Christmas" großen Ruhm erworben. Dieser Inzwischen-Klassiker um trickreiches Puppenspiel war 1993 der erste Animations-Spielfilm im so genannten "Stop-Motion-Verfahren". Dabei handelt es sich um eine Filmtechnik, bei der eine Animation mit unbeweglichen Gegenständen durchgeführt wird: Motive werden animiert, indem sie für jedes einzelne Bild des Films immer nur geringfügig verändert werden. Selicks folgendes Real-Trickfilm-Projekt war "James und der Riesenpfirsisch" (1995), nach dem gleichnamigen Buch von Roald Dahl. 2001 folgte "Monkeybone" – ebenfalls eine Kombination aus Live-Action und Animation.

Mit seinem neuen Film "Coraline" adaptiert Selick die gleichnamige, 2002 veröffentlichte Fantasy- und Gruselgeschichte des britischen Autors Neil Gaiman. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die 11-jährige Coraline Jones. Die hat es von Michigan und damit weit weg von ihren bisherigen Freunden in die ländliche Einöde von Oregon verschlagen. Denn ihre Eltern arbeiten für einen Garten-Katalog und haben kaum Zeit für ihre wissbegierige Tochter oder für die Zubereitung leckerer Mahlzeiten. So macht sich Coraline auf Entdeckungstour im neuen alten Haus und in dessen Umgebung. Sie trifft auf den gleichaltrigen Jungen Wybie, der sie mit seinem Gequatsche fürchterlich nervt, besucht zwei ältere Nachbarsdamen, die sich als ehemalige Erotikdarstellerinnen entpuppen und stößt auf einen "merkwürdigen" russischen Akrobaten.

Doch dann entdeckt sie eine "geheime kleine Tür" im Haus. Hinter dieser Tür verbirgt sich ein gespenstisch anmutender Tunnel, an dessen Ende sich eine "viel schönere" Parallelwelt auftut – eine Art Spiegelbild ihrer eigenen: mit farbenfrohen Zimmern, tollem Essen und viel fürsorglicheren "Zweiteltern", die sich viel Zeit für sie nehmen. Hier ist Coraline stets im Mittelpunkt und hier vermag sogar die schwarze Katze "von nebenan" zu sprechen. Nur dass ihre "besseren Eltern" hier Knöpfe anstatt Augen tragen, irritiert Coraline ein wenig. Dafür aber ist sie beeindruckt von so viel Schönheit, Nettigkeit und Zuneigung und saust jeden Tag gerne hierher.

Sie könne für immer hier bleiben, wird dem aufgeweckten Kind signalisiert, allerdings müsse es dann ebenfalls Knöpfe anstatt Augen akzeptieren. Doch als Coraline dies nicht will, entpuppt sich "Mama 2" plötzlich als wahre Alptraum-Hexe. Sie bedroht nicht nur Coraline, sondern auch die Eltern aus der realen Welt, so dass das pfiffige kleine Mädchen plötzlich "voll gefordert" ist, um mit List und noch mehr Mut das erste große Lebens-Abenteuer zu bestehen.

Was für ein Märchen! Was für eine Magie! Was für ein seltsamer Zauber! Was für eine aufregende Poesie! Was für eine einzigartige visuelle Fantasie! Was für eine herrlich-urige, originelle Animationsumsetzung! Was für ein wunder-wunderschöner Einfallsreichtum! Was für unglaublich tolle Gedanken! Was für eine faszinierende, spannende neue Animationswelt! Was für ein grandioses Film-Erlebnis!

In "Coraline" bedeutet Kindsein zunächst keineswegs "Freude" – ganz im Gegenteil: Coraline muss umziehen, die fremde Umgebung, ohne die bisherigen "dicken" Freunde und die "nervenden" neuen Leute in der Nachbarschaft ertragen. Ihre Eltern sind gestresst und haben weder Zeit noch Lust, sich "richtig" um die Belange ihrer cleveren Tochter zu kümmern. Also schafft sich diese eine vermeintlich viel, viel schönere und bessere "neue Welt". Eine scheinbar ganz und gar heile Welt. Wo sich alles nur um sie und ihre Bedürfnisse dreht. Doch natürlich besitzt gerade "dieser private Kosmos" schlimme blendende Haken. Weil, wie bei "Alice im Wunderland", Schönes und Schreckliches so nah beieinander liegen.

In diesem "Film für mutige Mädchen", wie der Verleih seinen Schatz nennt, darf sich die Fantasie um das schmerzhafte Erwachsen-Werden eines "flotten Kindes" grenzenlos-üppig austoben. Nochmal: Die animierte Visualität und die Einfälle sind hier unglaublich, und der Spannungsspaß ist ausufernd wie enorm. Ein faszinierendes neues Spektakel von Henry Selick; mit herrlich-skurrilen Geschöpfen und einer stimmigen und stimmungsvollen Sound-Kulisse von Bruno Coulais, dessen Soundtrack zum französischen Meisterwerk "Die Kinder des Monsieur Mathieu" (2005) unvergessen ist.

Die FSK hat den Film ab sechs Jahren freigegeben und die Bewertungsstelle hat ihn mit dem Prädikat "Besonders Wertvoll" versehen. "Coraline" ist ein faszinierendes modernes "Grimm"-Märchen – aufregend balancierend zwischen Schauer und Schönem, zwischen Grusel und Happy, als unsentimentales Plädoyer für eine lieber "unfertige" als "täuschende" eigene Realwelt. Keine Frage: "Coraline" wird unweigerlich ein Animations-Klassiker.

Filmhomepage "Coraline"

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