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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.12.2007

Copyright für christliche Symbole!

Von Astrid von Friesen

Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Je unchristlicher eine Gesellschaft ist, desto heftiger benutzt sie protzig und aufdringlich christliche Symbole, ja schwelgt geradezu in ihnen. Es gäbe garantiert einen Aufstand, einen Aufschrei, wenn man sie verbieten würde!

Die Verbände des Deutschen Einzelhandels ebenso wie der Deutschen Werbeunternehmen würden mit großem Getöse Pressekonferenzen abhalten und wahrscheinlich völlig a-historische, von kultureller Erkenntnis wenig getrübte Statements abgeben. Nach dem Motto: In unserer freien Gesellschaft sollen christliche Symbole auch von Nicht-Christen genutzt werden dürfen, egal ob bewusst oder unbewusst, verschwenderisch, sinnfrei und bar jeglicher kulturellen Dimension. Hauptsache es fördert den Umsatz.

Aber auch Privatleute würden sich böse äußern: Sie würden sich beraubt fühlen, nahezu entblößt. Wie sollten sie den November und Dezember hinter sich bringen, ohne die Flut von christlichen Symbolen, ohne deren Kuscheligkeit, Heimeligkeit, ohne deren Aufforderungscharakter zu Betriebs- und Klassenfesten, auch zu Besäufnissen, sozusagen christlich untermauert, christlich dekoriert, christlich verbrämt.

Besonders in Ostdeutschland, wo nur 18 Prozent der Bevölkerung der Evangelischen Kirche angehören. Nach 56 Jahren Diktatur und antikirchlicher Propaganda wundert sich der Christ, wie ausschweifend hier Advents- und Weihnachtsbräuche genutzt, man möchte sagen missbraucht werden. Und natürlich nehmen alle Nicht-Christen auch gerne die christlichen Feiertage in Anspruch.

Sie wissen zwar zum größten Teil gar nicht mehr, warum der 31. Oktober gefeiert wird und denken, er sei für Halloween und Kürbisköpfe erfunden. Auch würden sich natürlich alle Nicht-Christen wehren, wenn Ostern-, Pfingst- und Weihnachtsfeiertage nur noch den Christen vorbehalten wären. Wo kämen wir hin, wäre die wütende Reaktion der Nicht-Gläubigen, wir haben ein Recht auf christliche Symbole und christliche Festtage!

Ketzerisch möchte ich fragen: Warum feiern Un-Gläubige nicht einfach ihre eigenen Feste? Und stellen bewusst keine Adventskränze ins Büro, lassen nicht Nikoläuse die Hauswände blödsinnig hinauf klettern, missbrauchen Engel nicht für Tassen und Teller, für Dessous-Reklame in den Schaufenstern, missbrauchen nicht jahrhundertealte Weihnachtslieder über die "Heilige Nacht" im unreligiösen Supermarkt. Warum sind sie so wenig kreativ und greifen jedes Jahr neu auf die christlichen Gebräuche zurück? Haben die Ungläubigen sich je überlegt, dass dieser flächendeckende Missbrauch gläubige Menschen schmerzen könnte?

Ein wohlmeinender Pastor würde zu dem bis ins Unerträgliche gesteigerte Weihnachts-Kitsch-Aufkommen, welches einen in den Städten geradezu überflutet und erschlägt, sagen: Die Menschen sind auf der Suche nach Sinn und nach Werten. - Doch daran glaube ich nicht, denn die meisten denken, dass Weihnachten eine Erfindung des Einzelhandels sei; und über Ostern und Pfingsten gibt es fast gar kein Wissen mehr. Nur diesen Anspruch auf die Feiertage! Sinnentleert und damit hohl. Es wird sozusagen geräubert in der Religion, frei nach dem Motto: Was ich gebrauchen kann, nehme ich mir aus dem religiösen Kontext, gleichzeitig jedoch auch die Freiheit, religiöse Menschen zu belächeln und zu verspotten.

Genauso ist es mit dem Sonntag, um dessen Aufweichung sich die evangelischen und katholischen Kirchen zu Recht sorgen und deswegen das Bundesverfassungsgericht angerufen haben. Der Sonntag wurde vor über 3500 Jahren in den Zehn Geboten den Menschen sozusagen von Gott geschenkt. Seitdem strukturiert er unser Leben, unser Denken, unsere gesamte Kultur.

Und wie wäre es, wenn Engel, Weihnachtsbäume und jede Wiederholung von "Stille Nacht, heilige Nacht" mit einem Copyright belegt wäre, die Verwendung also - wie bei jedem Musik-Hit - bezahlt werden müsste: zum Beispiel zugunsten von Bedürftigen, die Jesus im Blick hatte, der Urheber ohne Urheberrechte auf all das, was Weihnachten ausmacht.

Astrid von Friesen (privat)Astrid von Friesen (privat)Astrid von Friesen, Jahrgang 1953, ist Erziehungswissenschaftlerin, Journalistin und Autorin sowie Gestalt- und Trauma-Therapeutin in Dresden und Freiberg. Sie unterrichtet an der TU Bergakademie Freiberg und macht Lehrerfortbildung. Zwei ihrer letzten Bücher: "Der lange Abschied. Psychische Spätfolgen für die 2. Generation deutscher Vertriebener" (Psychosozialverlag 2000) sowie "Von Aggression bis Zärtlichkeit. Das Erziehungslexikon" (Kösel-Verlag 2003. Zuletzt erschien "Schuld sind immer die anderen! Die Nachwehen des Feminismus: frustrierte Frauen und schweigende Männer", Verlag Ellert & Richter.

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