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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 30.11.2005

Cool down, bitte

Zum emotionalen Streit ums Klima

Von Dirk Maxeiner

Klimaveränderungen hat es in der Erdgeschichte immer wieder gegeben (AP)
Klimaveränderungen hat es in der Erdgeschichte immer wieder gegeben (AP)

Klimaforscher warnen seit Jahren vor einer weiteren Erwärmung der Erdatmosphäre und vor allem die europäischen Staaten drängen auf eine Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen. Unberücksichtigt bleibt dabei jedoch, dass es in der Erdgeschichte dauernd Klimaveränderungen gegeben hat und dass Armutsbekämpfung auf Dauer wohl der beste Klimaschutz ist.

Die Natur schlägt zurück und der Mensch muss für sein frevelhaftes Tun büßen. Das Nachrichtenmagazin "Spiegel" sieht ein "ökologisches Hiroshima" voraus. Und dessen Ausmaß, da sind sich die Kollegen von "Die Zeit" sicher, "könnte allenfalls ein pathologischer Ignorant bezweifeln". Die beiden Zitate stammen nicht von heute, sondern aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Damals waren sich Wissenschaft und Zeitgeist so gut wie einig, dass das letzte Stündlein des deutschen Waldes geschlagen habe. Heute wissen wir, dass die Wälder damals sogar in der Fläche zunahmen. Außerdem wissen wir, dass die beobachteten Schäden auf lokale Luftverschmutzung durch Kraftwerke und natürliche Ursachen zurückgingen. Ein flächendeckendes Waldsterben hat es in Deutschland nie gegeben.

Es ist schon frappierend: Wer die damaligen Debatte zum Waldsterben mit der gegenwärtigen Debatte zur Klimakatastrophe vergleicht, braucht eigentlich nur die Begriffe auszutauschen. Auch heute ist die Wissenschaft sich angeblich vollkommen einig – und wer vorsichtige Zweifel äußert ist ein pathologischer Leugner, ein Irrer oder wurde von finsteren Mächten gekauft. Heute wie damals ist die Debatte von drei Dingen gekennzeichnet: ständige Wiederholung, vereinfachte Schuldzuweisung und emotionale Aufladung. Dies sind Erfolgsmuster klassischer Propaganda. Und deshalb sollte eine gewisse Skepsis erlaubt sein.

Halten wir deshalb einmal kurz fest: Was ist unter Klimaforschern wirklich Konsens und was nicht:

Erstens: Die globale Durchschnittstemperatur ist in den vergangnen 100 Jahren um etwa 0,6 Grad gestiegen.
Zweitens: 6,2 Milliarden Menschen mit ihren 20 Milliarden Haustieren, ihren Feuerstellen, Autos, Fabriken und Kraftwerken sind zweifellos ein Klimafaktor.
Drittens: Der Kohlendioxidanteil in der Atmosphäre steigt aufgrund der Verbrennung fossiler Rohstoffe an. Das führt tendenziell zu einer Erwärmung – es sei denn, andere Einflüsse würden diesen Effekt kompensieren.

Alles andere ist heftig umstritten. Besonders die Frage: Wie gewichtig ist der Einfluss des Menschen verglichen mit natürlichen Faktoren? Wir dürfen ja nicht vergessen: Etwa die Hälfte der Erwärmung der letzten 100 Jahre fand vor 1940 statt, als die Kohlendioxid-Emissionen noch keine große Rolle gespielt haben können. Auch gab es etwa im mittelalterlichen Klimaoptimum schon ähnlich hohe Temperaturen wie heute. Zu den wissenschaftlichen Streitfragen kommt dann noch die politische Auseinandersetzung. Also die Frage: Wie geht man mit dem Problem um?

Bei der aktuellen Klimakonferenz in Montreal stehen sich im Grunde zwei Denkschulen gegenüber. Die einen sind auf die Rationierung der Kohlendioxid-Emissionen nach Art des Kyoto-Protokolls fixiert – je drastischer, desto besser und egal wie hoch die Kosten sind. Dahinter steht im Grunde die Vorstellung, man müsse nur das Kohlendioxid stabilisieren und schon bleibe das Klima wie es ist. Davon kann aber keine Rede sein. Wenn in der Erdgeschichte etwas beständig war, dann der Klimawandel. Und daran wird sich auch nichts ändern - ganz unabhängig vom Menschen.

Und hier kommt die zweite Denkschule ins Spiel: Sie setzt zunächst einmal auf Anpassungsmaßnahmen - weil die in jedem Fall wirksam sind, egal ob ein Sturm oder eine Flut nun vom Menschen gemacht oder natürlichen Ursprungs ist. Dem Kyoto-Protokoll werfen sie seine vollkommene Unwirksamkeit vor: Selbst dessen Unterzeichner räumen ja ein, dass die Vereinbarung bis zum Jahr 2050 bestenfalls eine Temperaturverminderung von wenigen Hundertstel Grad bringen wird – was noch nicht einmal messbar ist. Und das kostet Schätzungen zu Folge jährlich ein Mehrfaches der gesamten globalen Entwicklungshilfe.

Geld kann man aber nur einmal ausgeben, und so ergeben sich einige unangenehme Fragen. Beispielsweise diese: Sollen wir Unsummen ausgeben, damit der Wasserstand in Bangladesh in 100 Jahren um zehn Zentimeter weniger ansteigt? Oder helfen wir den Menschen dort wirkungsvoller, indem wir ihnen heute Schutzbauten finanzieren?

Der deutsche Klimaforscher Hans von Storch, der vom menschengemachten Einfluss auf das Klima überzeugt ist, sagt: "Bislang wird jede Forderung, sich an den Klimawandel anzupassen, verteufelt oder als unmoralisch dargestellt. Unterschwellig wird unterstellt, dass man das Böse einfach hinnimmt oder den Klimawandel sogar gut findet. Doch mir geht es um den rationalen Umgang mit etwas Unausweichlichem. Wir müssen den Menschen die Angst vor der Klimaveränderung nehmen. Wir werden das wuppen."

Angstkampagnen und moralische Schuldzuweisungen bringen überhaupt nichts. Anstatt pragmatische und ökonomische Argumente zu verteufeln, ist es höchste Zeit einmal zuzuhören. Auch den USA! Und die Amerikaner sagen: Nur wachsende Volkswirtschaften werden in der Lage sein, die für Emissionssenkungen notwendigen Technologien zu entwickeln. Nur wohlhabende Nationen werden sich an natürliche oder vom Menschen gemachte Klimaveränderungen anpassen können. Armutsbekämpfung ist auf Dauer der beste Klimaschutz.

Das ist wohl auch der Grund, warum sich China und Indien einer freiwilligen Klimainitiative der USA angeschlossen haben – und nicht dem Kyoto-Protokoll.


Dirk Maxeiner, geboren 1953, volontierte bei der "Motorpresse" in Stuttgart und war Redakteur bei "Hobby" (das Magazin der Technik) und beim "Stern". Er entwickelte in den achtziger Jahren in Paris das Stadtmagazin "Pariser Luft" und war dort Chefredakteur und Herausgeber. Danach Idee und Entwicklung des Umweltmagazins "Chancen", dort Chefredakteur bis 1988. Anschließend bis 1993 Chefredakteur der Zeitschrift "natur" — der zu dieser Zeit größten europäischen Umweltzeitschrift. Seit 1993 arbeitet Maxeiner als Publizist. Er verfasst Sachbücher, schreibt für Magazine und Zeitschriften. Darüber hinaus hält er Vorträge zu den Themenbereichen seiner Publikationen. Dirk Maxeiner ist Mitglied im Future Board des Zukunftsinstituts.

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