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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 05.09.2010

Containergas - mit dem Traumschiff ins Jenseits?

Von Udo Pollmer

Schiffscontainer (AP)
Schiffscontainer (AP)

Die Globalisierung hat die Warenströme anschwellen lassen, die rund um den Erdball transportiert werden. Leider nutzen dies auch Schädlinge. Damit sie nicht per Schiffscontainer quietschfidel über die Weltmeere reisen, werden auf der ganzen Welt in den Häfen die Container begast. Bisher wusste niemand Genaueres darüber. Nun liegen erste Ergebnisse vor.

Im März letzten Jahres hatte das Bundesinstitut für Risikobewertung zum Expertengespräch nach Berlin eingeladen. Thema: die gesundheitlichen Risiken durch begaste Schiffscontainer. Es herrschte überwiegend Ratlosigkeit. Ja, auf der ganzen Welt würden Container vor der Abfahrt mit Giftgas befüllt – Probleme seien nicht auszuschließen, aber Genaueres wusste niemand. Alles halb so wild, das Risiko sei, so wörtlich, "relativ gering". Mit der Begasung der Container im Ausland werden schließlich unsere Vorschriften erfüllt. Denn die EU besteht wie alle anderen Staaten darauf, dass die Lieferungen frei von lebenden Schädlingen sind, die beispielsweise in den Holzpaletten stecken können.

Aufmerksam war man durch Klagen von Hafenarbeitern geworden, die die Container zum Entladen öffnen. Auch kannte man einige Begasungsmittel, aber was da wirklich irgendwo in den Häfen Süd-amerikas oder Ostindiens zum Einsatz kam, und in welcher Dosis, und ob sich da irgendjemand Ge-danken um die Sicherheit macht, das verlor sich alles in Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Nun wurde gemessen – endlich! Federführend war Professor Xaver Baur vom Zentralinstitut für Ar-beitsmedizin und Maritime Medizin in Hamburg, ein Pionier des klaren Denkens. Am Hamburger Hafen analysierte er und seine Mitarbeiter über 2.000 Container. Das ist in Hinblick auf die 400 Millionen Container, die jährlich per Schiff transportiert werden, zwar nicht viel, aber durchaus aussagekräftig. Das Ergebnis ist heftig: 70 Prozent der Waren überschritten die Höchstmengen. Spitzenreiter war eine Überschreitung um das 120.000fache. Betroffen war das Giftgas Phosphorwasserstoff. Dagegen sind die medienwirksamen Befunde von Greenpeace, wenn die wieder mal Spuren von Pestiziden in sibirischen Waldpreiselbeeren entdecken, aber so was von belanglos!

Die Liste der Mittel, die hier zum Einsatz kommen, ist ziemlich lang. Dazu gehören Blausäure, Brom-methan oder Tetrachlorkohlenstoff. Das erklärt mir endlich einiges an Rückstands-Befunden, die bisher eher merkwürdig waren. Beispielsweise woher die manchmal erheblichen Gehalte an Formaldehyd kommen. Der Hersteller hat keine Ahnung, er setzt das Mittel nicht ein – aber der Kunde bekommt Probleme. Formaldehyd war das am häufigsten angetroffene Begasungsmittel.

Die meisten Rückstände enthielten Container aus China, gefolgt vom Nahen Osten und Südamerika. Am stärksten versifft waren Schuhe, gefolgt von Einrichtungsgegenständen wie Möbel, Matratzen oder Plüschtiere und an dritter Stelle kamen – unsere Lebensmittel. Die Waren saugen die Giftmischungen teilweise wie ein Schwamm auf – und geben sie dann sukzessive wieder an die Umwelt ab.

Professor Baur suchte daraufhin in der Poliklinik in Hamburg-Eppendorf unter den Patienten nach Betroffenen, insbesondere unter den Mitarbeitern aus dem Transportgewerbe oder von Warenhäusern, dort wo die Gebinde entpackt werden. Wo vor einem Jahr das Bundesinstitut für Risikobewertung noch eine "leichte Gesundheitsbeeinträchtigung" für möglich hielt, fand Baur mittlerweile nicht nur annährend zwei Dutzend Vergiftete sondern auch Todesfälle. Die Dunkelziffer sei zudem sehr hoch. Es kommt vor allem zu Atemwegserkrankungen und zu neurologischen Störungen. Baur betont, dass durch die Behandlung der Container auch Endverbraucher gesundheitlich bedenklichen Konzentrationen ausgesetzt sein können.

Meine Damen und Herren, hier gibt es eine ganz reale Gefahr. Die Untersuchungen von Baur zwingen zum Handeln. Und zwar weltweit. Es ist zweifelsohne notwendig, die Verschleppung von Schädlingen per Container zu unterbinden. Aber da müssen intelligentere Lösungen her – möglichst bald. Wertes Bundesinstitut für Risikobewertung, wie wär‘s, wenn Sie hier genauso konsequent wären, wie kürzlich, als Sie mit Verve Höchstmengen für frischem Mohn durchpaukten, um endlich Opiumvergiftungen durch Gebäck vorzubeugen? Mahlzeit!


Literatur:
BfR: Gesundheitliche Risiken durch begaste Schiffscontainer. Pressemeldung vom 13. März 2009
Low A et al: Regulations and control of in-transit fumigated containers as well as of fumigated cargo ships. International Maritime Health 2003; 54: 77-85
Baur X et al: Gesundheitsrisiken durch Begasungsmittelrest in Importcontainern. Deutsche Mediz-inische Wochenschrift 2010; 135: 516-521
Baur X et al: High frequency of fumigants and other toxic gases in imported freight containers – an underestimated occupational and community health risk. Occupational and Environmenta Medicine 2010; 67: 207-212
Budnik LT et al: Halogenated hydrocarbon pesticides and other volatile organic contaminants provide analytical challenges in global trading. Journal of Environmental Monitoring 2010; 12: 936-942
Rajendran S, Kumar VL: Sulforyl fluoride and phosphine as methyl bromide alternatives for fumigation
of solid wood packaging. International Pest Control 2008; 50: 317-320
BfR: BfR empfiehlt vorläufige maximale tägliche Aufnahmemenge und einen Richtwert für Morphin in Mohnsamen. Gesundheitliche Bewertung Nr. 012/2006 des BfR vom 27. Dezember 2005

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