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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 10.10.2007

Commandante présente!

Ché Guevara als Lifestyle-Ikone

Von Regina Kusch und Andreas Beckmann

Ernesto "Che" Guevara am Flughafen Havanna 12.6.1962 (AP Archiv)
Ernesto "Che" Guevara am Flughafen Havanna 12.6.1962 (AP Archiv)

Entschlossener Blick, Bart, lange Haare und das Barett mit dem roten Stern des Comandante: Millionenfach wurde sein Gesicht auf Poster gedruckt und auf nahezu jeder Studentendemo seit 1968 geschwenkt. Jean-Paul Sartre nannte ihn "den vollkommensten Menschen unserer Zeit", Wolf Biermann besang ihn als "Jesus Christus mit der Knarre".

Gefallen im Guerillakrieg wurde er stilisiert zum Märtyrer im Kampf für eine vermeintlich bessere Welt. Dass er auf Kuba politische Gegner hatte einsperren und umbringen lassen, tat seinem Ruhm keinen Abbruch. Ernesto "Ché" Guevara wurde zur Projektionsfläche für revolutionäre Träume und zur Gallionsfigur der politischen Linken.

Deren Utopien sind inzwischen aus der Mode gekommen, nicht aber Ché. Längst haben ihn die Kapitalisten und Werbestrategen entdeckt. Politische Inhalte spielen kaum noch eine Rolle. Vor 40 Jahren wurde Ché Guevara ermordet.


Wolfgang Kraushaar: "Che Guevara schien einfach der attraktive romantische Held zu sein."

Joachim Schöpfer: "Das hat noch nicht mal etwas mit der realen Person zu tun, weil das war ja ein ziemlich brutaler fanatischer Mensch, wenn man sich mal wirklich mit ihm beschäftigt."

Ulli Jentsch: "Che Guevara ist deswegen interessant, weil es ein Bild, eine Ikone ist, die immer und überall funktioniert."

Christian Raschke: "Ist Kult. Es ist revolutionärer Kult. Das ist einfach so."

Che Guevara: "Revolutionäre sind keine normalen Menschen. Darauf kann man sich verlassen. Worauf es bei ihnen ankommt, ist zum einen Kreativität und zum anderen die Bereitschaft, Opfer zu bringen."

Ernesto Guevara, genannt "Che", in einer Aufnahme aus dem Jahre 1965. Da ist er noch Minister und "Comandante" in Fidel Castros Regierung auf Kuba.

Zwei Jahre später, im Oktober 1967, hat er seine Opferbereitschaft vor aller Welt bewiesen. Er hat alle Posten aufgegeben und Kuba verlassen. Er ist nach Bolivien gegangen, um eine neue Revolution anzuzetteln. Er ist gefangen genommen und erschossen worden von bolivianischen Soldaten im Auftrag der amerikanischen CIA. Jetzt liegt seine Leiche aufgebahrt in einer Hütte in den Anden. Der britische Fotograf Brian Moser ist einer der ersten Journalisten vor Ort.

"Er war schon vier oder fünf Stunden tot. Mein erster Eindruck war, dass er aussah wie ein Heiliger. Nicht Christus, eher Johannes der Täufer. Er hatte etwas biblisches und sah sehr gut aus, selbst so, voller Blut und in diesem Zustand. Er strahlte etwas aus, dass mich wirklich tief berührte. Ich war wie versteinert. Für mich war er ein Held."

"Comandante Che Guevara" von Wolf Biermann

Sie fürchten Dich, und wir lieben
Dich vorn im Kampf, wo der Tod lacht
Wo das Volk Schluss mit der Not macht
- Nun bist du weg - und doch geblieben
Uns bleibt, was gut war und klar war:
Dass man bei Dir immer durchsah
Und Liebe, Hass, doch nie Furcht sah
Comandante Che Guevara


Wolfgang Kraushaar: "Er ist wirklich prominent geworden erst durch seinen Tod. Die Tatsache, dass Che Guevara tot war, dass er ermordet worden war, denn er war ja gefasst worden und dann umgebracht worden, das hat damals bedeutet, dass das ein Unschuldiger gewesen sei. Man hat ein völlig unkritisches Verhältnis gegenüber Guevara gehabt."

Wolfgang Kraushaar hatte 1967 gerade sein Abitur gemacht. In den folgenden Jahren engagierte er sich in der Studentenbewegung in Frankfurt am Main. Heute beschäftigt er sich am Hamburger Institut für Sozialforschung mit der Geschichte von Protest und Widerstand in Deutschland.

Wolfgang Kraushaar: "Es hat am Ende der 60er Jahre eine ganze Reihe von Ikonen gegeben, mit denen sich die damalige Studenten- und außerparlamentarische Bewegung identifiziert hat, Personen wie Ho Chi-Minh, Rosa Luxemburg, Lenin und andere, aber ich glaube, niemand hatte den Stellenwert, den Che Guevara besaß für die Demonstranten. Ich erinnere mich daran, dass es Demonstrationen gab, auf denen immer wieder skandiert worden ist, Che lebt, Che lebt, Che lebt!"

Die Nachricht von seinem Tod erreichte die Bundesrepublik zu einer Zeit, als die Studentenbewegung gerade ihrem Höhepunkt zusteuerte. Wenige Monate zuvor war in West-Berlin ein Student erschossen worden, Benno Ohnesorg. Er hatte gegen den Potentaten eines fernen Landes demonstriert, gegen den Schah von Persien, der unterstützt wurde von den Regierungen des Westens, allen voran von den USA.

Der Mann, der Benno Ohnesorg erschossen hatte, war ein Polizist und er wurde nie dafür belangt. Viele Studenten sahen ihre Bewegung plötzlich als Teil eines weltweiten Kampfes der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker. So auch Horst Mahler, der damals als Rechtsanwalt viele Studenten vertrat und später mit der RAF in den Untergrund ging.

Horst Mahler: "Wir waren ja nicht materiell verelendet, wir waren mehr psychisch verelendet in dem Sinne, dass wir also fürchterlich litten unter dem, was um uns herum vorging, dass wir gezwungen waren, passive Zeugen der Geschehnisse in Vietnam, aber auch anderswo zu sein und das kam zusammen mit einem Entschluss, den wir wohl irgendwo jeder für sich getroffen hatten, dass wir uns angesichts dieser Entwicklungen nicht passiv verhalten wollten, wie wir das ja unseren Eltern angesichts des Faschismus vorgeworfen hatten. Wir hatten aus dieser Erfahrung für uns persönlich wohl die Handlungsmaxime gemacht, unter allen Umständen Widerstand zu leisten, wenn wir der Auffassung sind, dass Widerstand notwendig ist."

Dass Widerstand möglich sei, hatte Ernesto Guevara vorgelebt. Das und sein Werdegang machten ihn für viele zum Vorbild. Denn er selbst gehörte - wie die Studenten und Intellektuellen in Europa - keineswegs zu den Entrechteten dieser Welt. Geboren war er 1928 in Argentinien, als Sohn einer gut bürgerlichen Familie. Er hatte Medizin studiert, aber auf eine Karriere und das Einkommen eines Arztes verzichtet. Stattdessen war er durch Lateinamerika gezogen, hatte sich linken Kreisen angenähert und 1954 in Guatemala erlebt, wie die USA ein ihnen unliebsames Regime wegputschen ließen.

Zwei Jahre später lernte er Fidel Castro in dessen Exil in Mexiko kennen. Er schloss sich Castros Befreiungsbewegung an, die gegen den kubanischen Diktator Batista kämpfte. Mit gerade mal 81 Kämpfern ließ er sich auf die Insel bringen. Er erwarb sich den Ruf eines wagemutigen Kommandeurs. 1959 zog er im Gefolge Castros als Sieger in Havanna ein.

Che Guevara: "Unser Beispiel wird Früchte tragen. Keine Bewegung darf man mehr vernachlässigen, denn es gibt keine isolierten Völker mehr. Sie können auf die Solidarität aller ehrbaren Männer und Frauen der Welt bauen. Dieses vor uns liegende Epos wird geschrieben werden von den hungernden Massen der Indianer, von den landlosen Bauern und den ausgebeuteten Arbeitern, von den fortschrittlichen Massen, von den ehrlichen und brillanten Intellektuellen. Diese Massen beginnen definitiv ihre eigene Geschichte zu bestimmen, beginnen sie mit ihrem Blut zu schreiben, sind bereit zu leiden und zu sterben."

Wenn Che Guevara sprach, dann ging es immer um Grundsätzliches, um Vaterland oder Tod, Revolution oder Tod, um Leben oder Tod. Mit seinem existenzialistischen Pathos traf er wie kaum ein zweiter die Stimmung der sechziger Jahre. Jean Paul Sartre nannte ihn den vollkommensten Menschen unserer Zeit.

Und Che hatte nicht nur geredet, sondern gehandelt. Dass er im Guerilla-Krieg auch Menschen hingerichtet hatte, dass er nach der Revolution verantwortlich war für Hunderte Todesurteile, das nahmen seine Anhänger wie selbstverständlich hin. Sie bewunderten seine Konsequenz, erinnert sich Wolfgang Kraushaar. Che verkörperte, was sie suchten: die Einheit von Theorie und Praxis, von Denken und Handeln.

Wolfgang Kraushaar: "Ich glaube, dass der große Stellenwert Guevaras darin bestanden hat, dass er den Gestus des Nicht-Nachlassens oder Ablassenwollens verkörpert hat. Insofern vertrat er das Pathos der Entschiedenheit und Che Guevara war ein Mann des Nicht-weiter-abwarten-Könnens und das wiederum hat Dutschke und andere in der 68er Bewegung so fasziniert."

Wie die meisten 68er war Dutschke geprägt von einer christlichen Erziehung. Er fühlte sich aufgerufen, eine Welt der Nächstenliebe zu schaffen, aber er wollte nicht warten auf die Erlösung im Jenseits. Sie schien ihm auch im Diesseits zum Greifen nah, in Form der sozialistischen Revolution. Seinen ersten Sohn nannte er später Hosea Che, die Namen eines biblischen und des politischen Propheten. Die nächste Generation würde schon die Utopie der Befreiung des Menschen von Unterdrückung und Ausbeutung erleben. Das glaubte damals nicht nur Dutschke.

Die 68er-Generation wähnte sich als Zeuge eines apokalyptischem Endkampfs des Spätkapitalismus. "Schafft zwei, drei, viele Vietnams" hatte Che gefordert und Studenten skandierten es auf den Straßen. Sie hätten erschrecken können bei dieser Vision von noch mehr Ländern mit Millionen von Toten, meint Wolfgang Kraushaar. Aber sie sahen nur, was Che ihnen geweissagt hatte, dass diesmal die Gerechtigkeit siegen werde.

Wolfgang Kraushaar: "Um Che Guevaras Rolle verstehen zu können, sollte man vielleicht am ehesten verweisen auf eine Titelgeschichte des 'Spiegel' vom Sommer 1968. Da ist auf dem Cover abgebildet ein jesusgleicher Che Guevara, der Guerillero mit dem Heiligenschein sozusagen. Der Titel lautete: 'Der Erlöser aus dem Dschungel'. Und es hat dann im Frühjahr 1969 eine Verfremdung des berühmten Abendmahl-Gemäldes von Leonardo da Vinci gegeben. Da sieht man an der Stelle von Jesus in der Mitte Che Guevara und an der Seite links und rechts die Apostel und da sind von Rudi Dutschke über Daniel Cohn-Bendit eigentlich die führenden Figuren der 68er-Bewegung. Das ist als Doppelbild damals in der Zeitschrift 'konkret' erschienen und das knüpft noch mal an das religiöse Motiv an."

"Comandante Che Guevara" von Wolf Biermann

Der rote Stern an der Jacke
Im schwarzen Bart die Zigarre
Jesus Christus mit der Knarre
- so führt Dein Bild uns zur Attacke


Che Guevara hatte Gewalt gepredigt. Sein Handbuch zum Guerillakrieg war eine seiner ersten Schriften, die in der Bundesrepublik von Studenten übersetzt wurde. Doch gefolgt ist den Instruktionen kaum jemand außerhalb Lateinamerikas.

Das aufregende Gefühl, als Demonstrant an seiner Seite zu stehen und von der Polizei verfolgt zu werden im Kampf für eine gerechte Sache, war das eine. Alle Skrupel fallen zu lassen und selbst zu töten etwas ganz anderes. Die große Masse der 68er ging nicht in den Untergrund, sondern begab sich auf den Marsch durch die Institutionen. Aber auch auf diesem Weg hielt Rudi Dutschke noch stellvertretend für viele Zwiesprache mit Che.

Rudi Dutschke: "Warum bist du diesen Weg gegangen, nach Bolivien? Warum bist Du nicht nach Mexiko gegangen, um dich hinzusetzen, um eine Arbeit zu schreiben, um klar zu machen für die nächsten Generationen, wie die sich auf den revolutionären Kampf für den Kontinent hingeben müssen, was die Voraussetzungen sind, revolutionsstrategisch, langfristig?"

Wolfgang Kraushaar: "Che Guevara ist natürlich für sich genommen eine tragische Figur, ein Verlierer und es hat sich eigentlich unfreiwilliger durch seinen Tod auch gezeigt, dass dieses Guerillero-Modell nicht wirklich funktioniert hat."

"Che sagte zu mir: Keine Sorge Capitán, es ist vorbei. Wir sind gescheitert. Das waren seine Worte. Er war ohne Zweifel in diesem Moment niedergeschlagen. Damit war nun wirklich alles vorbei, seine Träume beendet. Er war am Ende."

Gary Prado, Hauptmann der bolivianischen Armee, hatte Guevara am 8. Oktober 1967 festgenommen. Mit seiner Ermordung am nächsten Tag will er nichts zu tun gehabt haben. Das sei alles auf Befehl des Hauptquartiers in La Paz geschehen. Dass man dort und in Washington erfreut war über die Todesnachricht, ist aktenkundig. In den Hauptstädten der sozialistischen Welt wurde offiziell Trauer bekundet, auch in Ost-Berlin.

Doch insgeheim dürfte die SED-Führung froh gewesen sein, dass Guevaras Bolivien-Abenteuer zu Ende war. Mit Entsetzen hatte sie seine Versuche beobachtet, überall in der Dritten Welt neue Revolutionsherde zu entfachen. Das störte nur ihre Bemühungen um eine friedlichen Koexistenz mit den Ländern des Westens. Die Spitzengenossen wollten Stabilität, Che wollte Unruhe schüren. In seiner ganzen Art zu denken und noch mehr in seinem Auftreten war er das glatte Gegenteil eines Apparatschiks.

"Comandante Che Guevara" von Wolf Biermann

Und bist kein Bonze geworden
Kein hohes Tier, das nach Geld schielt
Und vom Schreibtisch aus den Held spielt
in feiner Kluft mit alten Orden

Uns bleibt, was gut war und klar war
Dass man bei Dir immer durchsah
Und Liebe, Hass, doch nie Furcht sah
Comandante Che Guevara


Wolfgang Kraushaar: "All diejenigen, die daran interessiert waren, es bei dieser SED-Politik in der DDR nicht belassen zu wollen, die dagegen opponiert haben, aber nicht opponiert haben, weil sie den Sozialismus auch insgesamt hätten stürzen wollen, sondern weil sie an sozialistische Ideale auch damals geglaubt haben, für die war Che Guevara in der Tat wichtig. Wolf Biermann ist natürlich der Vorreiter dieser Identifikation mit Che Guevara gewesen. Der schien ein Versprechen zu sein für eine andere Möglichkeit des politischen Kampfes, der Veränderung und der Subjektivität, des gelebten Sozialismus."

Den Text seines Liedes "Comandante Che Guevara" hat Wolf Biermann noch in der DDR geschrieben. Es wird ein gesamtdeutscher Hit. Che ist in den siebziger Jahren beiderseits der Mauer ein Symbol für die Abgrenzung vom Establishment.

Im Westen hängt sein Poster in den Fluren der Unis, in den Studentenkneipen, in den linken Wohngemeinschaften neben den anderen großen Toten aus der Zeit der Rebellion, neben Jimi Hendrix oder Janis Joplin. Doch es ist nicht das Foto von der geschundenen Leiche, es ist eine viel ältere Aufnahme: Che mit wehenden Locken und schwarzem Bart, auf dem Kopf ein Barett mit dem fünfzackigen Stern, den Blick ebenso kühn wie sehnsuchtsvoll in die Ferne gerichtet.

Aufgenommen hat ihn Alberto Korda, Haus- und Hoffotograf der kubanischen KP. Jahrelang hatte das Bild im Archiv gelegen. Aber am 18. Oktober 1967, dem Tag der offiziellen Trauerfeier in Havanna, bedeckt es auf einem Transparent alle 13 Stockwerke des Innenministeriums, vor dem die Rednertribüne aufgebaut ist. Über Nacht wird das Bild weltbekannt. Schon am nächsten Tag beginnt der italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli, es auf Plakate zu drucken. Schnell geht die Auflage in die Millionen.

Che ist angekommen in der Popkultur. Für manche verkörpert er noch ein diffuses und romantisches Bild von einer sozialistischen Utopie. Vielmehr aber steht er für den Wunsch nach einem Leben jenseits der Konventionen, einem intensiven Leben, so wie er selbst es geführt hat.

Che Guevara: "Man kann wohl mit Fug und Recht sagen, dass einige unserer revolutionären Aktionen ganz schön verrückt waren. Dass wir mit dem Boot einfach losgefahren sind, um den Kampf aufzunehmen, dass wir weitergekämpft haben, als nur noch eine Handvoll von uns übrig waren. Wenn man all das analysiert, wird man wohl zu dem Schluss kommen: um sich durchzusetzen, muss man schon ein bisschen verrückt sein." (Lachen)

Che der Revolutionär, Che der Unangepasste, Che der Abenteurer, Che das Sex-Symbol. Schon als er noch im Dschungel kämpfte, hatten Frauen ihm Unterwäsche geschickt, in die sie ihre Monogramme gestickt hatten. Noch Jahrzehnte nach seinem Tod wird der Roman "Geliebter Che" von Ana Menéndez, in dem die Protagonistin eine leidenschaftliche Beziehung mit ihm erlebt, zum Welt-Bestseller.

Welches Potenzial in der Figur steckt, hatte auch Hollywood früh entdeckt. Schon zwei Jahre nach seinem Tod kam der Spielfilm "Che!" in die Kinos, mit Omar Sharif in der Hauptrolle. Doch das Drehbuch war eine so platte Kampfschrift gegen die kubanische Revolution, dass der Streifen bei Kritik und Publikum durchfiel.

Die Vermarktung des Che lief erst mal im Kleinen an. Den Postern folgten Aufnäher, Taschen, Weinflaschen, Schlüsselanhänger und Kaffeetassen mit seinem Bild und Millionen von T-Shirts. Irgendwann war es unvermeidlich, das auch die Werbewirtschaft ihn für sich entdecken würde, sagt Joachim Schöpfer, Kreativ-Chef von "Service Plan", einer der größten Werbeagenturen in Deutschland.

Joachim Schöpfer: "Es geht gar nicht so sehr darum, für was er gestanden ist, sondern das, was die Werber fasziniert, ist diese Ikone, die da entstanden ist, dieses Bild, wo jemand quasi aus dem Nichts heraus ein Bild erschaffen hat, das sich so durchsetzen konnte. Das ist der Traum von jedem, der mit Kommunikation zu tun hat, das mal irgendwo so hinzukriegen. Und er personifiziert eben alles, was für Revolution steht und was für Jugendlichkeit steht und was für Wildheit steht, das ist alles in diesem einen Bild drin."

Es ist auch dann noch drin in dem Bild, als sich die Utopien, denen Che einmal anhing, längst verflüchtigt haben. Als der Sozialismus in Europa längst zusammengebrochen ist und das revolutionäre Kuba nur noch wahrgenommen wird als Relikt einer längst untergegangenen Epoche, mit einem alten, starsinnigen Mann an der Spitze. Auch dann ist der Che Guevara auf dem Bild von Alberto Korda noch jung und wild und verführerisch.

Joachim Schöpfer: "Dann fängt plötzlich dieses Bild an, ein Eigenleben zu führen und löst sich von der eigentlichen Person. Und dann kann man eigentlich machen, was man will. Das einzige, was vom Che Guevara noch übrig geblieben ist, ist, dass es irgendwie revolutionär ist. Aber diese Wörtchen revolutionär kann man ja auch in alle möglichen Zusammenhänge stellen. "

Revolutionär nennt sich der Getränkeanbieter, der eine neue Schnapssorte auf den Markt bringen will. Als revolutionär gilt der Handy-Provider, der die Tarife senkt. Revolutionär ist am Ende sogar der Autoverleiher, der mit Ches Konterfei wirbt unter dem Slogan "Auch Du kannst Großes bewegen", nur weil in seine Autos auch große Kisten passen.

Auch wenn die Kapitalisten ihn vermarkten, hat er nie aufgehört eine linke Ikone zu sein, bis heute nicht. Gleich mehrfach hängt er im "Fan-tastic", einem Fanartikel-Shop in Berlin-Kreuzberg. Der Chef des Ladens ist Christian Raschke. Er trägt selber ein Che-Hemd.

Christian Raschke: "Ich habe 'ne Kapuze mit Che Guevara drauf. Die ist rot und hat 'nen schwarzen Aufdruck. Es gibt ja im Prinzip immer nur dieses eine typische Che Guevara Bild und das ist da auf dem Rücken in schwarz auf roter Kapuze drauf. Verkaufen tu ich natürlich andere Sachen auch noch. Ich hab in allen Farben Che Guevara Shirts, Camouflage Hintergrund, alle möglichen Sachen. Viele lassen sich auch den Che Guevara Kopf oben auf ihr Käppi drauf drucken. Das machen wir auch. Wir drucken das auch selber."

Ungefähr 1000 Motive hat Christian Raschke im Angebot. Che Guevara gehört zu denen, die sich am besten verkaufen. Bei den 35- bis 50-Jährigen ist er besonders beliebt.

Christian Raschke: "Als Modeerscheinung würde ich's trotzdem nicht sehen. Ich denke schon, dass, wer so was trägt, auch einen politischen Hintergrund hat. Das würde ich erwarten. Man sieht ja ungefähr, was für Leute das kaufen Und das Erstaunliche in den letzten Jahren oder Monaten ist, dass die Zahl der türkischen Landsleute, die Che Guevara gekauft haben, drastisch zugenommen hat. Das ist wirklich erstaunlich. ... Die Entwicklung sieht man wirklich seit zwei, drei Jahren."

Warum sie plötzlich Che für sich entdecken? Christian Raschke ist keiner, der seine Kunden ausfragt. Eine Antwort könnte sein: weil Che aus seinem Hass gegen Amerika nie einen Hehl gemacht hat.

Che Guevara: "Es muss ganz deutlich gesagt werden, dass die Regierung der Vereinigten Staaten nicht der Anwalt der Freiheit, sondern der Bewahrer der Ausbeutung und der Unterdrückung der Völker der Welt ist. Konfrontiert mit diesem Imperialismus, der uns heute so sehr bedroht wie gestern, der uns heute so sehr zerstören will wie gestern, nehmen wir all unsere Zuversicht und all unsere Kraft zusammen und schleudern ihm unsere Losung ins Gesicht: Vaterland oder Tod!"

Vaterland oder Tod! Wenn man Demonstranten mit diesem Spruch auf der Brust und einem Abbild von Che Guevara sieht, dann kann man mittlerweile nicht mehr sicher sein, ob man wirklich auf einer Kundgebung der politischen Linken ist. Neuerdings versucht nämlich auch die radikale Rechte, ihn für sich zu vereinnahmen.

Ulli Jentsch: "Das ist eine Geschichte, die ist aufgebracht worden von einer relativ kleinen Fraktion der Neonaziszene. Das sind zum größten Teil sehr, sehr junge Leute, die eben oft einen sehr deutlichen Bezug zu Popkultur haben, die auch sehr spielerisch anfangen, Sachen umzuinterpretieren und mit eigener Bedeutung aufzuladen und das wechselt immer zwischen Provokation und einer tatsächlichen ideologischen Aneignung."

Ulli Jentsch arbeitet für das apabiz, das "Antifaschistische Pressearchiv und Bildungszentrum" in Berlin. Dieser Verein beobachtet seit über 15 Jahren die rechte Szene. Manche von deren Nachwuchskadern sind längst gelangweilt vom alten Erscheinungsbild, von Glatzen, Skinheadfrisuren oder Seitenscheiteln, erzählt Ulli Jentsch. Sie wollten eine moderne Rechte mit modernen Helden.

Ulli Jentsch: "Sie fasziniert natürlich die Entschlossenheit, Che Guevara war ein Revolutionär, der für seine Ideale sein Leben aufs Spiel gesetzt hat und auch verloren hat. Das ist etwas, was ihn überragend auszeichnet und natürlich sehr spannend ist für eine junge Szene, die natürlich auch eine sehr männliche ist, die natürlich auch an diesem Kämpfer sehr viel attraktives sieht."

Sie kennen vermutlich die häufig wiederholten Fernsehbilder von Ches Auftritt vor der Uno-Vollversammlung von 1964. In Kampfanzug und Fallschirmspringerstiefeln war er da zum Rednerpult stolziert, die Haare militärisch kurz geschnitten. Aber weder in New York noch anderswo hat er jemals eine Nazi-Rede gehalten. Die berühmte Ansprache an die Uno ist zwar voll von Angriffen auf die USA und sie endet mit dem Ausruf "Vaterland oder Tod", aber sie ist auch ein flammender Appell für das Selbstbestimmungsrecht der afrikanischen Völker.

Wer Che zur Symbolfigur für eine rassistische Weltanschauung machen will, der muss fälschen. Die jungen Rechten haben damit kein Problem, weder ideologisch noch ästhetisch.

Ulli Jentsch: "Das sieht dann zum Beispiel so aus, dass der weiße Stern, der normalerweise auf den Konterfeis auf der Mütze von Che Guevara zu sehen ist, durch ein Keltenkreuz ersetzt wird, was ein Symbol für weiße Vorherrschaft ist, und versehen mit dem Spruch 'Nicht nur Che wäre heute bei uns', was eine klare Provokation gegen links darstellen soll."

Dass ihn Rechte wie Linke für sich reklamieren wollen, mag absurd erscheinen. Ganz überraschend kommt es nicht. Schon vor 40 Jahren hing sein Bild sowohl in Kibbuzim wie in palästinensischen Flüchtlingslagern. Che war offenbar immer attraktiv und widersprüchlich genug, um für die unterschiedlichsten Gruppen, ja sogar für verfeindete Parteien als Symbol zu taugen. Er hatte und hat für - fast - jeden etwas zu bieten.

Fidel Castro braucht ihn immer noch als Galionsfigur seines Regimes. Vor zehn Jahren hat er mit großem Pomp seine sterblichen Überreste aus Bolivien nach Kuba überführen lassen in ein Mausoleum in Santa Clara. Hier wird in diesen Tagen ein touristischer Ansturm erwartet.

Ebenso wie in der Region um Vallegrande in den Anden, dort, wo er ermordet wurde. Das Dorf ist seit 40 Jahren ein Wallfahrtsort für Che-Anhänger. Zum Jubiläum hat das bolivianische Tourismus-Ministerium eine Che-Route eingeweiht, auf der zahlungskräftige Ausländer noch einmal den Weg nachgehen können, der Che einst in den Hinterhalt seiner Feinde führte. Und während der Revolutionär in den elitären Kreisen des Kontinents lange Zeit verpönt war, kommen diesmal Regierungsvertreter aus gleich mehreren lateinamerikanischen Staaten, um in einem Stadion seiner zu gedenken.

Auch seine Feinde feiern immer noch und in diesen Tagen ganz besonders. Ein ehemaliger CIA-Agent, der bei seiner Festnahme dabei war, will in 14 Tagen in Dallas eine Haarsträhne versteigern, die er damals angeblich der Leiche abgeschnitten hat. Das Auktionshaus erwartet "ein breites Bieterinteresse", es gebe schließlich nichts Vergleichbares auf dem Markt.

Hollywood hat ihn wieder entdeckt. Vor drei Jahren brachte Robert Redford "Die Reise des jungen Che" in die Kinos. Erzählt wird die Geschichte des Studenten Ernesto Guevara, der noch keine kommunistische Ideologie kennt, der viel zu sanft ist, um eine Waffe in die Hand zu nehmen, der auf seiner Motorradtour schockiert wird von der Armut des Kontinents und der am Ende des Films feststellt, im tiefsten Innern seines Herzens sei er ein anderer geworden. Quasi die Fortsetzung kündigt Star-Regisseur Steven Soderbergh auf seiner Homepage an. Er dreht derzeit gleich drei Che-Filme, in denen es dann auch um den Guerilla-Krieg und die sozialistische Herrschaft auf Kuba geht. Kinostart wird im kommenden Jahr sein, wenn der nächste Guevara-Gedenktag ansteht, sein 80. Geburtstag.

Wenn Hollywood so groß einsteigt, dürfte der Mythos noch lange nicht verbraucht sein. In Zeiten, in denen alle Utopien für tot erklärt werden und nur noch Sachzwänge zählen, könnte die Nachfrage wieder zunehmen nach einem Helden, der so schön und so stark, so radikal und so moralisch erscheint.

Che Guevara: "Ich fühle mich wichtig im Leben - da ist nicht nur eine mächtige innere Stärke, die ich stets verspürt habe, sondern ein absolut schicksalhaftes Gespür für meine Mission, das mich von jeglicher Furcht befreit. Viele nennen mich einen Abenteurer, und ich bin einer, nur bin ich einer von der besonderen Art, einer derjenigen, die ihr Leben dafür lassen, um zu beweisen, dass sie recht haben. Seid immer fähig, bis ins Tiefste jede Ungerechtigkeit zu empfinden, die auf der Welt irgendjemandem angetan wird. Das ist die schönste Eigenschaft eines Revolutionärs. Hasta Siempre!"

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