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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.06.2014

Comic-StorysFaszinierende Lebensgeschichten erzählen

Simon Schwartz: Vita Obscura

Von Frank Meyer

Cover "Vita Obscura" von Simon Schwartz (avant-verlag)
Cover "Vita Obscura" von Simon Schwartz (avant-verlag)

Es sind verrückte, gar unglaubliche Lebensgeschichten, die Simon Schwartz erzählt. Zugleich liefert er durch wechselnde Zeichenstile einen Ritt durch die Geschichte des Comics. Die zuvor im "Freitag" erschienenen Bildgeschichten gibt es nun als Hardcoverband.

Die Krankenschwester Violet Jessop war wirklich "waterproof". Zuerst ging Violet Jessop fast unter mit einem Dampfer, der von einem Kriegsschiff gerammt wurde. Nur ein Jahr später war sie beim berühmtesten Schiffsunglück der Welt dabei, an Bord der "Titanic". Im Ersten Weltkrieg diente sie dann als Rotkreuz-Schwester auf einem britischen Schiff, das auf eine Mine lief und sank. Ein Trost für Violet Jessop war, das sie bei diesem Untergang wenigstens eine Zahnbürste bei sich hatte.

Violet Jessops schiffbrüchige Lebensgeschichte ist eine von 30 "Vita Obscura", die Simon Schwartz gefunden und gezeichnet hat. Er hat eine erlesene Sammlung des komischen Unglücks, des Scheiterns und der Merkwürdigkeiten zusammengetragen. Shin Sang-Ok gehört dazu, ein Filmregisseur aus Südkorea, den der nordkoreanische Diktator Kim Jong-il entführen ließ, um sein Land an die Spitze der internationalen Filmwelt zu katapultieren. Eine nordkoreanische Godzilla-Variante hat Shin Sang-Ok tatsächlich drehen müssen, bevor er fliehen konnte.

Eine Verneigung vor dem Ursprung des Genres

Oder der spanische Konquistador Cabeza de Vaca, der vom Eroberer zum Kannibalen wurde, dann zu einem von den Eingeborenen verehrten Wunderheiler und noch eine aberwitzige Volte später zum Gouverneur von Paraguay. Wegen zu großer Toleranz gegenüber den Indianern wurde Cabeza de Vaca allerdings bald wieder abberufen und eingesperrt.

"Vita Obscura" ist eine Verneigung vor dem Ursprung des Genres. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts druckten nordamerikanische Sonntagszeitungen farbige, ganzseitige Bildgeschichten für ein erwachsenes Publikum. Diese Tradition starb fast vollständig aus. Sie wurde nur vom großen Comicautor Bill Watterson gepflegt, dessen Serie "Calvin und Hobbes" 1985 bis 1995 in Hunderten von Zeitungen erschien.

Der Comic-Zeichner Simon Schwartz sitzt in seinem Büro (picture alliance / dpa / Maja Hitij)Der Comic-Zeichner Simon Schwartz zeichnet jede Woche für die Wochenzeitung "Der Freitag" (picture alliance / dpa / Maja Hitij)

Auf dem deutschen Markt wagte die Wochenzeitung "Freitag" vor zwei Jahren, Simon Schwartz immerhin eine Drittelseite für seine "Vita Obscura"-Serie anzubieten. Diese Serie hat Simon Schwartz nun erweitert und als anspruchsvoll gestaltetes Hardcover-Album veröffentlicht.

Mit den grotesken Lebenswegen reist Schwartz durch die Jahrhunderte, mit seinem Zeichenstil wandert er durch die Geschichte des Comics. Bei der notorisch schiffbrüchigen Violet Jessop kippen die Bilder wie ein sinkendes Schiff. Ein frühes Topmodel wird als Ankleidebastelbogen gezeigt, der Drogen-Dichter Ken Kesey in einem psychedelischen Farbrausch vorgeführt. Es gibt Collagen, expressionistische Siebdrucke, Keramikreliefs, Anleihen beim DDR-Comic "Mosaik" und bei chinesischen Holzschnitten. Weit über den Comic hinaus bedient sich Simon Schwartz in der Geschichte der grafischen Kunst, um seine faszinierenden Lebensgeschichten zu erzählen.

Simon Schwartz: "Vita Obscura"
Avant-Verlag, Berlin 2014
72 Seiten, 19,95 Euro

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