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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 14.11.2012

"Cloud Atlas"

Intellektuell dürftige und ermüdende Romanverfilmung mit einem Budget von 100 Millionen Euro

Von Hans-Ulrich Pönack

Halle Berry als Luisa Rey in einer Szene des Films "Cloud Atlas" (picture-alliance / dpa / Warner Bros. / X-Verleih)
Halle Berry als Luisa Rey in einer Szene des Films "Cloud Atlas" (picture-alliance / dpa / Warner Bros. / X-Verleih)

Sechs Geschichten aus sechs Zeiten sind in diesem Epos verwoben, das sich auch als philosophisches Abenteuer versteht. Die Spanne reicht von 1849 bis ins Jahr 2346, das Schicksal der Protagonisten ist auf eigenwillige Weise verbunden. Die Verfilmung des Romans "Cloud Atlas" durch Tom Tykwer und die Geschwister Wachowski bleibt jedoch blutleer.

Am Anfang stehen "Warnungen”: Achtung, lieber Kritiker, dies ist wieder einmal - siehe kürzlich "Die Vermessung der Welt” - die Adaption eines Bestseller-Romans, der "eigentlich” gar nicht zu verfilmen ist. Was wohl ganz einfach ein Hinweis ist, solch ein Verfilmungswagnis - bitte schön! - entsprechend zu würdigen.

Dann die nächste Botschaft: Achtung, dies ist mit einem Produktionsvolumen von 100 Millionen Euro der bislang teuerste deutsche Film. Abgesehen davon, dass es sich hier um eine internationale Großproduktion handelt und keineswegs um einen reinen deutschen Film, seit wann bedeutet "Summe" Qualität???

Am Anfang also - der Roman. "Der Wolkenatlas". Vom britischen Schriftsteller David Mitchell, 2004 in London veröffentlicht, 2006 bei uns erschienen. Ein 670 Seiten-Schmöker über sechs miteinander verwobene Geschichten von seelenverwandten Menschen, erzählt über die Jahrhunderte.

In der ersten Buchhälfte werden diese Begebenheiten hintereinander erzählt, um dann im zweiten Buchteil in umgekehrter Chronologie zu Ende gebracht zu werden. Die Regisseure entschieden sich dagegen für das parallele Häppchen-Format. Sechs verschiedene Menschen und ihre Schicksale innerhalb eines Zeitraums von 500 Jahren: 1849, 1936, 1973, 2012, 2144 sowie 2346.

Als philosophisches und kryptisches Groß-Abenteuer. Begebenheiten in Zeiten und Raum. Um Geburt, Leiden, Sterben, um Liebe, Existenz, Tod, um Wiedergeburt, Reinkarnation, Erleuchtung. Um Charakter und Macht, Mord und Totschlag, Verrat und Chaos. Oder so. Und umgekehrt.

Alles ist möglich, denkbar, interpretierbar. Unsere Gestern-Heute-Morgen-Welt als bemühtes, spannungsloses Wirrwarr von Historien- und Liebesdrama. Um die ewige Wiederkehr beziehungsweise Rückkehr von "immer denselben" Protagonisten - in verschiedenen Klamotten natürlich - zu verkünden, werden diese sowie einige Nebenakteure von immer denselben namhaften Schauspielern in mehreren Rollen und in mitunter grässlichen Fratzen gespielt: Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving und sogar Hugh Grant und Jim Sturgess.

Allerdings, da sind sich manche Kommentatoren einig: "Trotz des hohen Budgets wirken Tricks und Maske etwas billig" … - Was ich ähnlich empfinde, denn visuell ist das hier nur gängige, ordentliche Computerware aus dem "Blade Runner"- beziehungsweise neulich - "Total Recall"-Blickfeld. Mit bisweilen eben eher lächerlichem Aussehen, nur um überschriftsmäßig dick festzuhalten: Unsere Existenz ist verbandelt mit Vergangenheit und Zukunft. So so.

Dabei ergibt sich aber keinerlei Aha-Staunen, weil nix anspricht, sondern vieles im Schnelldurchlauf hoppla achselzuckend vorbeidüst. 90 Minuten mehr intellektuell porös, mit der bekannten "theoretischen" (Belehrungs-)Handschrift von Tom Tykwer ("Das Parfüm"), dann mit filmischen Blutgrätschen aus dem robusten Imperium der Geschwister Wachowski ("The Matrix"), bei dem wieder zünftig Köpfe rollen. Gesamteindruck: Passt nicht zusammen und ermüdet einen schnell.

"Cloud Atlas" ist kein starker Erlebnisfilm. Ganz im Gegenteil. Man hat sich hier aufwändig verhoben. Das szenische Kaleidoskop ist völlig unübersichtlich. Die Figuren entwickeln keine Identitätsnähe. Das Geschehen ist als Puzzle nur unausgegoren aneinandergereiht. Weder sinn-klar noch visionär. Von Magie keine emotionale Spur. Stattdessen viel kalte Bombastik, verkündet als kompliziertes Gedankenspiel um die Existenz von Mensch und Seele. Als großkotzige, leider seelenlose Kopfgeburt. Ohne Spaß und Spannung.

Da vermag auch ein zweifacher "Oscar"-Hero wie Tom Hanks in Rollen wie mörderischer Schiffsarzt, schmieriger britischer Absteigen-Betreiber, moderner Schriftsteller oder betagter Mann, der auf einem entfernten Planeten am Lagerfeuer über das einstige irdische Leben resümiert, wenig (eigentlich gar nicht) zu begeistern. Mit einer süffisanten Ausnahme - wenn er als heutiger Buch-Autor in London einen unliebsamen Kritiker kurzerhand vom Hochhausdach befördert. Das hat doch was. Von unterhaltsamer Kunst-Aktion. Ansonsten. "Cloud Atlas" ist Magerbrei. Komplett: Beim Schauen, Hören, Denken und Fühlen.

USA/Deutschland/Hongkong/Singapur 2011/2012; Regie: Tom Tykwer, Lana + Andy Wachowski; Darsteller. Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent u.a.; 172 Minuten; FSK: ab 12 Jahren

Filmhomepage "Cloud Atlas"


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Interview mit Tom Tykwer - "Ich bin ein überzeugter Linearitätsbefreier"
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