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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.09.2010

Chronologie eines Niedergangs

Hagen Seidel: "Arcandors Absturz", Campus 2010, 300 Seiten

Hagen Seidel schildert den Verfall eines traditionsreichen Unternehmens. (AP)
Hagen Seidel schildert den Verfall eines traditionsreichen Unternehmens. (AP)

Einst waren Quelle und Karstadt Synonym für Tradition, Glanz und Wirtschaftswunder. Heute stehen sie für eine der größten Pleiten der Nachkriegszeit. Der Journalist Hagen Seidel schildert, wie schwere Managementfehler und Eigennutz den Konzern KarstadtQuelle, seit 2007 als Arcandor firmierend, in den Ruin trieben.

Eigentlich sollten die Details um das Ende des Handels- und Touristikkonzerns Arcandor im Dunkeln bleiben. Um dies sicherzustellen, hatten viele Manager nach ihrem Ausscheiden aus dem Unternehmen Verschwiegenheitserklärungen unterschrieben. Dass sie sich nicht daran hielten, war die Voraussetzung für dieses Buch. Die Gespräche mit ehemaligen Entscheidungsträgern von Arcandor, deren Namen Seidel allerdings nicht nennt, bilden die Grundlage für seinen Bericht über den Niedergang des Milliardenkonzerns.

Die chronologische Abhandlung der Ereignisse beginnt Seidel im Jahr 2003. Noch schreibt KarstadtQuelle mit seinen über 100.000 Mitarbeitern Gewinn, doch die Krise ist nicht mehr zu übersehen. Verschiedene Fehlentscheidungen bringen das ohnehin schon schwierige Konzern-Konstrukt aus Karstadt und Quelle ins Schlingern. Einerseits werden neue Handelsketten hinzugekauft, andererseits wird das Kerngeschäft vernachlässigt: Der Riesentanker Warenhaus – die Traditionsmarke Karstadt – wird nicht weiterentwickelt und kann deshalb nicht mithalten mit dem rasanten Wandel im Einzelhandel, wo der Trend immer mehr zum Spezialmarkt geht.

An dieser Schieflage wird sich auch bis zur Insolvenz im Jahr 2009 nichts mehr ändern. Warum, das macht Hagen Seidel nachvollziehbar, indem er nicht nur nahezu lückenlos die Entscheidungen und (Fehl-)Strategien der häufig wechselnden Vorstandschefs beschreibt. Gleichzeitig bewertet er, ordnet ein, zitiert Bilanzen und Presseartikel und stellt alles in einen Gesamtkontext. In so genannten Schlaglichtern nimmt er sich einzelne Protagonisten, deren Motive und deren Handeln genauer vor – Thomas Middelhoff wird ebenso beleuchtet wie Großaktionärin Madeleine Schickedanz und der letzte Vorstandschef Karl-Gerhard Eick.

Das Bild, das in diesem Umfang und dieser Detailliertheit erstmals entsteht, empört: Statt tragfähige Überlebenskonzepte zu entwickeln, wurde die Insolvenz von Arcandor über Jahre hinausgeschoben durch immer neue Kreditaufnahmen, abenteuerliche Immobilienverkäufe und die Veräußerung von Unternehmensteilen. Nebulöse Bilanzen erschwerten Außenstehenden den Durchblick. Gleichzeitig lebte das Management auf überdurchschnittlich großem Fuß und die (gescheiterten) Vorstandschefs erhielten Millionenabfindungen, während die Belegschaft in der Annahme, den Konzern zu retten, auf Geld verzichtete.

Zuletzt hat das Unternehmen so starke Verluste gemacht, dass die unabwendbare Insolvenz wie eine Erleichterung wirkt. Die Kredit gebenden Banken und das Management freilich gingen mit Gewinn raus – und das alles legal. Auch wenn es dem Autor nur darum ging, den Absturz von Arcandor zu rekonstruieren – statt ein paar Tipps für gute Unternehmensführung hätte man sich am Ende dieses gelungenen Buches dennoch ein sozialkritisches Fazit gewünscht.

Besprochen von Vera Linß

Hagen Seidel: Arcandors Absturz
Campus 2010
300 Seiten, 24,90 Euro

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