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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.10.2011

Chronist der Ungewissheit

Nikola Madzirov: "Versetzter Stein", Hanser Verlag, 61 Seiten

"Wie ein unbekannter Schuh sind wir", schreibt Nikola Madzirov in einem Gedicht. (AP Archiv)
"Wie ein unbekannter Schuh sind wir", schreibt Nikola Madzirov in einem Gedicht. (AP Archiv)

Der 1973 geborene Lyriker, Essayist und Übersetzer Nikola Madzirov lebt in Makedonien. Seine Gedichte handeln von Verlust und Suche nach Neuem, der Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Vergangenheit, dem Aufeinandertreffen von Vergänglichkeit und Wiederkehr.

Makedonien, vormals südlicher, an Griechenland und Bulgarien grenzender Teil Jugoslawiens, ist hierzulande weitgehend unbekannt. Noch unbekannter dürfte die Lyrik dieses Landes sein. Ihr Beginn wird mit den Werken der Brüder Konstantin und Dimitar Miladinov auf den Beginn des 19. Jahrhunderts datiert. Seit den 1960er-Jahren findet alljährlich in Struga, dem Geburtsort der Brüder, ein internationales Poesiefestival statt, und der wichtigste Literaturpreis des Landes ist nach ihnen benannt. 2007 erhielt ihn der 1973 geborene Lyriker, Essayist und Übersetzer Nikola Madzirov für einen Gedichtband, der nun unter dem Titel "Versetzter Stein" auch auf Deutsch erschienen ist.

Der Name Madzirov leitet sich ab von "Madziri", einem arabischen Wort. Es bezeichnete ursprünglich die Anhänger Mohammeds, die ihm von Mekka nach Medina folgten und bedeutet heute: Menschen ohne Zuhause. So wurden die Vorfahren des Autors bezeichnet, die infolge früherer Balkankriege ihre Heimat verlassen mussten, als diese an Griechenland fiel.

Wie dem eigenen Namen ist auch den Gedichten Nikola Madzirovs eine stimulierende Bewegung eingeschrieben. Verlust und Suche nach Neuem, die Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Vergangenheit, das Aufeinandertreffen von Vergänglichkeit und Wiederkehr. Madzirov bindet Antithetisches zu einem intensiven Moment des Dazwischenseins. Auch sprachlich: Da treffen Plastiksandalen, Jalousien und Kühlschrank auf Wölfe, Schmetterlinge, Weizenfelder, aber auch auf Seelen, Weltenzelt und einsame Erde.

Ein lyrisches Ich, das häufig im Verlauf eines Gedichts zum "Wir" sich wandelt, seine Vereinzelung also aufhebt und sich zur Stimme einer universalen Erfahrung macht, spricht von "fremden Städten", von Erfahrungen der Leere "wie Schnee, der nicht weiß, ob er zur Erde oder zur Luft gehört". Und auch vom Ausgesetztsein des Menschen, der einen anderen eben darin erkennen und trösten kann: "Wie ein unbekannter Schuh sind wir, / verschleppt von einer Meute streunender Hunde, / wie die verdrillten Kabel zwischen den / Ziegelsteinen der unbewohnten Häuser / umarmen wir einander."

Es sind die Verse eines Dichters vom Balkan, einem vielschichtigem und vielfach zerfetzten Kulturraum. Die besonderen geopolitischen und historischen Verwerfungen vieler Jahrhunderte sind in der Dichtung des Autors spürbar. Er ist ein Chronist der Ungewissheiten und Übergänge. Nie haben diese in seiner Lyrik aber etwas Beängstigendes. Im Gegenteil. Durch die Sprache selbst, und die Fähigkeit des Autors, überraschende, surreale Kombinationen zu schaffen, erweisen sich jene Ungewissheiten nicht nur als tragfähig, sondern mehr noch: sie ermöglichen, obzwar gefertigt aus gewöhnlicher Alltagssprache, einen neuen, zukunftsweisenden Blick.

"Ich erbte", heißt es in dem Gedicht "Der Himmel tut sich auf", "ein unbezeichnetes Haus mit / einigen zerbröckelten Nestern und / Rissen in der Wand wie Sehnen / eines erregten Liebhabers. / In ihnen schlafen der Wind / und die Wörter kondensierter / Abwesenheiten. Es ist Sommer,/…der Himmel tut sich auf, um Durchzug / in unseren Seelen zu machen."

Der Zustand des Unbehausten, Vergänglichen, Nicht-Statischen wird hier nicht beklagt, die möglicherweise schreckende Vorstellung in einer Ruine zu hocken - oder selbst eine solche zu sein, während der Himmel sich auftut - wendet Madzirov ins Positive: frische Luft für die Seele.

So lesen sich alle Gedichte des Makedoniers als Aufforderung, sich und seine Sicht auf das Leben neu zu positionieren. Sie sind brauchbar als poetische Bausteine bei der Erschaffung eines neuen Existenzraums. Sie beschreiben die Unvollständigkeit unseres Lebens – und belassen ihm diese, damit es sich entwickeln kann. Sie sind für den Tag und nicht für die Ewigkeit gemacht. Und deshalb gut.

Von Carsten Hueck

Nikola Madzirov: Versetzter Stein
Aus dem Makedonischen von Alexander Sitzmann
Edition Lyrik Kabinett bei Hanser, München 2011
61 Seiten, 14,90 Euro

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