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Christlich-islamischer Dialog über das Weihnachtsfest

Die Geburtsgeschichte in islamischer und christlicher Überlieferung

Von Kirsten Dietrich

Die Dorfkrippe in Großarl des Bildhauers Rupert Kreutzer
Die Dorfkrippe in Großarl des Bildhauers Rupert Kreutzer (Henning Hübert)

Der Tübinger Theologe Karl-Josef Kuschel stellt in seinem Buch "Weihnachten und der Koran" Textstellen zusammen, die im Neuen Testament, im Koran und in der frühen christlichen und islamischen Tradition zur Geburt Jesu zu finden sind.

Karl-Josef Kuschel will zwei schwer vereinbare Dinge zusammenbringen, so scheint es auf den ersten Blick: die Einladung zum christlich-islamischen Dialog durch 138 muslimische Gelehrte aus dem Jahr 2008 auf der einen Seite, eine der meistgenutzten Traditionen des Christentums andererseits. Denn auch wenn theologisch natürlich die Passions- und Ostergeschichte das Herz der Überlieferung des Neuen Testaments darstellt: für das gelebte Christentum, das der heutigen Zeit zumal, ist sicher die Weihnachtsgeschichte das gefühlsmäßige Zentrum. Vielleicht wäre ein weniger am Herzen liegender Text ein ungefährlicherer Ausgangspunkt?

Aber auf den zweiten Blick zeigt sich: Gerade die Auseinandersetzung mit diesen wichtigen Texten schärft den Blick für die muslimische und auch für die scheinbar so vertraute christliche Überlieferung.

Da sagte der Engel: "Fürchte dich nicht, Maria, Gott ist dir gnädig. Du wirst schwanger sein und einen Sohn gebären, den du Jesus nennen sollst. Sohn des Höchsten!"

Kuschel schreibt für Leser, die von christlicher Seite in den Dialog eintreten. Deshalb widmet er das erste Drittel seines Buches der christlichen Überlieferung. Das ist keine verschwendete Zeit: Die Weihnachtsgeschichte verliert ihre große Harmonie. Sie ist nicht mehr Weihnachtsoratorium, sondern wieder Evangelium nach Lukas und Matthäus, zwei teils widersprüchliche, aber in sich und auch gemeinsam schlüssige Traditionen. Eine gute Basis für den Blick auf die für die Leser wahrscheinlich unbekannteren Texte von Koran und früher islamischer Literatur, zum Beispiel die Erzählung von der Geburt des Propheten Mohammed durch Ibn Ishaq Ende des 8. Jahrhunderts.

Du hast empfangen den Herrn dieses Volkes, und wenn er geboren wird, so sprich: "Ich gebe ihn in die Obhut des Einzigen vor dem Übel eines jeden Neiders! Und nenne ihn Muhammad, den Gepriesenen!"

Die Parallelen sind offensichtlich – aber, sagt Karl-Josef Kuschel: solche Vergleiche sind interessant, doch nicht notwendig befruchtend für einen Dialog. Gerade Geburtsgeschichten dienen schon vom Genre her dazu, das Besondere der Person herauszustellen, deren Geburt geschildert wird. Prahlerei liegt dann näher als Verständnis oder gar Demut. Kuschel will einen anderen Weg gehen: Die verschiedenen Überlieferungen des Koran von Johannes dem Täufer, von Maria und der Geburt Jesu unter einer Palme an ihrem jeweiligen Ort in der Textgeschichte des Koran verstehen. Und daraus dann christliche, muslimische und gemeinsame Wege zu einer Annäherung an diese Traditionen suchen.

Im Gespräch mit dem Koran werden Christen noch einmal neu über das ursprünglich neutestamentliche Verständnis von Gottessohnschaft Jesu zu sprechen haben. (…) Mit dem Koran können Christen die volle Menschheit Jesu bejahen und zugleich in ihm ein Zeichen Gottes erkennen.

Koran und Bibel, Jesus und Mohammed will Karl-Josef Kuschel nicht als Gegensätze polarisieren. Er versteht stattdessen schon die grundlegenden Texte als Dialoggeschehen. Das ist spannend und auch aus christlicher Perspektive mit Erkenntnisgewinn zu lesen. Und natürlich mitnichten so neutral und nur sachlogisch, wie es scheint. Denn eine als heilig betrachtete Überlieferung als Textsammlung mit mehreren Lesarten zu verstehen, die nicht in einer harmonischen Lösung aufgehen – dieses Konzept ist immer noch nicht nur für viele Muslime, sondern auch für Christen eine Herausforderung.

Karl Josef Kuschel: Weihnachten und der Koran
Patmos Verlag, 160 Seiten, 16,99 Euro

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