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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.06.2011

Chinesische Regierung will mit Freilassung Ai Weiweis "Gesicht wahren"

Tilman Spengler: Ausland sollte seinen Einfluss nicht überschätzen

Tilman Spengler im Gespräch mit Britta Bürger

Der chinesische Künstler Ai Weiwei (AP)
Der chinesische Künstler Ai Weiwei (AP)

Das Kalkül der chinesischen Regierung bei der Freilassung des Regimekritikers Ai Weiwei ist von außen nur schwer zu durchschauen, sagt der Sinologe und Publizist Tilman Spengler. Wie sehr die große internationale Unterstützung, die der Künstler bekommen habe, die Entscheidung beeinflusst habe, lasse sich nicht sagen.

Britta Bürger: Ai Weiwei ist der im Ausland bekannteste Künstler Chinas. Entsprechend groß und anhaltend waren die internationalen Proteste gegen seine Verschleppung durch die chinesische Polizei Anfang April. Der Vorwurf lautete Steuerflucht, doch eine offizielle Anklage vor Gericht gab es nicht. Gestern Abend nun wurde Ai Weiwei überraschend gegen eine Kaution freigelassen.

Über die Hintergründe der überraschenden Freilassung Ai Weiweis möchte ich jetzt mit dem Publizisten und Sinologen Tilman Spengler sprechen. Guten Morgen, Herr Spengler!

Tilman Spengler: Morgen, Frau Bürger!

Bürger: Wissen Sie Genaueres darüber, wie es Ai Weiwei tatsächlich geht, in welchem Zustand er aus der Haft entlassen worden ist?

Spengler: Nein, ich bin da genauso schlau wie die Leute, die die Bilder gesehen haben. Und ich denke, dass es Teil eines solchen Verfahrens immer ist, dass der Betroffene, also in diesem Falle Ai Weiwei, auch dazu angehalten worden ist, außerordentlich striktes Stillschweigen über das zu wahren, was da zuvor passiert ist.

Bürger: Es gab wenige Bilder, auf denen zumindest zu sehen war, dass er deutlich dünner aus der Haft zurückgekehrt ist, als er ins Gefängnis kam. Wir haben es eben gehört, die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch vermutet hinter der Freilassung zum jetzigen Zeitpunkt vor allem politisches Kalkül. Wie sehen Sie das?

Spengler: Na ja, gut, ich meine, ich denke auch, dass die Festsetzung von ihm – eine Verhaftung war es ja nicht im strikt kriminaltechnischen Sinne – dass auch seine Festsetzung politisches Kalkül gewesen ist, und man hat wohl nicht sehr viel herausbekommen. Denn das, was jetzt verkündet worden ist – es gibt ja diese merkwürdige chinesische Lösung, dass man jemand gegen Hinterlegung einer Sicherheit dann wieder freilässt, für etwa ein Jahr ist das normalerweise der Rahmen. Diese Regelung zeigt meistens, dass irgendjemand das Gesicht wahren wollte, und in diesem Fall waren es wohl die Ermittlungsbehörden.

Bürger: Und der anstehende Deutschlandbesuch des chinesischen Ministerpräsidenten in der kommenden Woche, der kann natürlich auch eine Rolle spielen.

Spengler: Da bin ich mir relativ sicher, obwohl da muss man immer vorsichtig sein, dass man sich selbst nicht zu ernst nimmt, aber das ist sicherlich so, dass es die Gespräche mit Frau Merkel, zu denen ja auch ein Kapitel gehört – Menschenrechte, Behandlung von Journalisten in China, Menschenrechtsfragen und so weiter –, dass da ein bisschen Dampf rausgenommen ist dadurch, dass man jetzt hier eine Geste gezeigt hat.

Bürger: Ist die Freilassung ein Zeichen dafür, dass der massive internationale Protest gewirkt hat, oder geht das auch in die Richtung, die Sie eben angedeutet haben, man muss aufpassen, sich nicht selbst zu ernst zu nehmen? Denn viele wollen es ja jetzt so dargestellt wissen.

Spengler: Jetzt gibt es eine ganze Menge Ochsenfrösche, die da quakend sagen, das haben wir doch ganz toll gemacht. Und da warne ich ein bisschen davor, denn einmal – wie Sie vorhin ganz zu Recht gesagt haben – wissen wir nicht, welches Kalkül dahintersteckte.Zum anderen wissen wir natürlich auch gar nicht, was innerhalb der chinesischen …, sozusagen hinter den chinesischen Mauern vor sich ging. Ai Weiwei ist außerordentlich gut vernetzt in dieser Gesellschaft. Da gibt es Fraktionen, die sich sehr, sehr für ihn eingesetzt haben. Also das ist so ein Vielsummenspiel.

Bürger: Im Ausland ist er ja beinah eine Art Held, wie aber nimmt denn die chinesische Bevölkerung diesen Fall wahr im Kontext der generellen Veränderungen des Lebens in China? Überwiegt dort möglicherweise die Wahrnehmung, dass es sich mittlerweile schon freier leben lässt als früher, dass es mehr Spielraum gibt für ein individuell bestimmtes Leben? Oder fordert die Zivilgesellschaft doch eine noch viel umfassendere Liberalisierung, sodass der Fall Ai Weiwei eigentlich doch nur eine Marginalie ist?

Spengler: Das ist natürlich immer eine Frage auf den Stand in der Flasche, ob sie halb voll oder halb leer ist. Wenn Sie es vergleichen mit dem, was vor 20 Jahren passiert ist oder vor 15 Jahren noch, dann wird man sagen müssen, dass das natürlich jetzt sehr viel gesitteter zugeht in unserem Sinne von bürgerlicher Sitte und Anstand im Rechtsbereich. Wenn man es mit vor drei, vier Jahren vergleicht, ist es wieder ein Rückschritt. Also da gibt es immer Hin und Her. Aber ich denke, der Großteil der Bevölkerung hat erstens nicht so wahnsinnig viel Aufmerksamkeit geworfen auf das, was mit Ai Weiwei passiert ist, aber die Leute, die sozusagen die Motoren sind eines Wandels, der eben im Blick auf eine starke verrechtlichte Gesellschaft geht, die haben das sehr ernst genommen und für die bedeutet das sicherlich ein Schritt nach vorne.

Bürger: In welche Richtung entwickelt sich denn derzeit die Demokratiebewegung in China im Vergleich zu den Anfängen 1989?

Spengler: Na ja, schauen Sie, da werfen Sie so ein riesiges Seil zwischen zwei Jahrzehnten hin und her. Ich glaube, die haben vielleicht biografisch ein bisserl was damit zu tun, aber so die Leute, über die wir uns jetzt Sorgen machen, die sind ja erst so um 2005, 2006, 2007 dazugestoßen, also praktisch 20 Jahre später.

Bürger: Eine neue Generation.

Spengler: Das ist eine neue Generation, und die alte Generation steuert, was heißt steuert, die beeinflusst das ein klein wenig vom Ausland her, weil da sitzen ja viele in Amerika oder in Kanada oder weiß nicht, in Südostasien und haben da wiederum andere Vorstellungen. Aber man kann nach wie vor nicht sagen, dass sozusagen die Bürgerrechtsbewegung irgendeinen epidemischen Charakter angenommen hätte.

Bürger: Ai Weiwei ist ja beileibe nicht der einzige chinesische Regimekritiker in Haft, wir haben es eben im Beitrag gehört, auch vier seiner Mitarbeiter bleiben weiterhin verschwunden, auch der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und unzählige Menschen ohne Prominentenstatus sind wegen kritischer Meinungsäußerungen inhaftiert. Haben Sie dennoch Hoffnung, dass es jetzt generell zu einem Richtungswechsel kommen könnte, was den Umgang mit Kritikern in China angeht?

Spengler: An das Generelle glaube ich da nie immer so ganz stark, aber ich danke Ihnen erst mal dafür, dass Sie die anderen erwähnt haben. Denn das sollten wir immer nicht vergessen. Da gibt es eben noch die anderen, und um die wird nicht so viel Tamtam gemacht wie berechtigterweise bei Ai Weiwei. Aber die wollen wir alle nicht aus den Augen und aus den Ohren verlieren. Ich glaube nicht, dass da so generelle Umschwünge zu erwarten sind, sondern das geht, wie man es aus China kennt, eher Schrittchen für Schrittchen.

Bürger: Mittlerweile sind Ausstellungen von Ai Weiwei eröffnet worden, unter anderem in Berlin, ohne dass er dabei sein konnte. Die Universität der Künste in Berlin hat ihm eine Professur angeboten. Aber selbst, wenn er wollte, dann dürfte Ai Weiwei das Land nicht verlassen, sein Pass ist weiterhin unter Verschluss. Meinen Sie, Herr Spengler, Ai Weiwei würde ansonsten tatsächlich China den Rücken kehren? Er hat ja zwischen 1981 und 93 schon mal längere Zeit in den USA gelebt.

Spengler: Ja, also das muss man, glaube ich, nicht so dramatisch sehen. Er würde auf jeden Fall, wenn er das Land verließe, zwei seiner Köche mitnehmen, um sozusagen immer ein Stück Heimat um sich herum zu haben. Aber er hängt natürlich an China und das war ja offenbar auch die Geschichte, als er da festgesetzt worden ist, dass er versucht hat, irgendeinen modus vivendi zu finden, der ihm erlaubte, immer wieder nach China zurückzukehren, was ja sozusagen irgendwie ein Teil von Menschenrechten wäre. Aber wir haben es ja heutzutage nicht nur bei Künstlern so, dass man ein paar Mal woanders ist und wieder zurückkehren kann. Ai Weiwei ist eine internationale Erscheinung, das sieht man ja auch an seiner Kunst.

Bürger: Im Berliner Literaturhaus wird die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller am kommenden Montag aus den Blog-Einträgen von Ai Weiwei lesen, Einträge, die mittlerweile im Internet gelöscht worden sind, aber Ende Juli im Galiani Verlag erscheinen als Buch. "Macht euch keine Illusionen über mich" ist dieser Band überschrieben. Wie ist dieser Satz zu verstehen?

Spengler: Das ist eine der vielen rätselhaften Äußerungen aus einem Künstlermund, der sich darin gefällt, rätselhafte Äußerungen zu machen, und ich glaube – verstehen Sie das als eine Liebeserklärung – ich glaube, ich betrachte lieber die Kunst von Ai Weiwei, als dass ich seine Schriften lese. Aber das ist natürlich … Das, was er macht, ist immer so hintergründig, dass sozusagen das, was das Auge das erste Mal trifft, eben nicht das ist, was sozusagen das ganze Ergebnis des künstlerischen Prozesses sein soll.

Bürger: Ihnen selbst, Herr Spengler, ist ja Anfang April die Einreise zur Eröffnung der großen Ausstellung deutscher Kunst der Aufklärung in Peking verweigert worden, haben Sie es daraufhin eigentlich erneut versucht?

Spengler: Nein, es gibt so Leute, die immer höflich anklopfen beim chinesischen Botschafter in Berlin und sagen, ist er eigentlich immer noch ein ganz böser Feind des Volkes oder schon nur noch ein halb böser, aber da sind die Ohren oder beziehungsweise die Münder noch ein bisserl verklebt.

Bürger: Sie selbst klopfen nicht an?

Spengler: Ich lasse anklopfen, wenn das nicht zu hoheitsvoll klingt, weil bis ich da ins Generalkonsulat fahre und mich in die Schlange stelle, da möchte ich lieber vorher wissen, ob das irgendeinen Erfolg hat.

Bürger: Zur Freilassung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei ein Gespräch mit dem Publizisten und Sinologen Tilman Spengler. Ich danke Ihnen!

Spengler: Frau Bürger, danke Ihnen!

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