Donnerstag, 2. Oktober 2014MESZ14:34 Uhr

Religionen

Übersicht"Religionen" vom 28. September
Demonstranten halten in Bielefeld Fahnen und Plakate hoch.

Die weltweite Verfolgung von Christen ist Anlass, zu hinterfragen, wie auf Gewalt reagiert werden sollte. Neben christlicher Kampfkunst ist die aktuelle und historische Situation der Christen in China ein Thema in der Sendung "Religionen" - und zwar im Interview mit dem Schriftsteller Liao Yiwu.Mehr

Christliche SelbstverteidigungDie rechte und die linke Wange
Fortgeschrittene Karateka der Meisterstufe beim Training von Schlag- und Abwehr-Techniken bei einem international besuchten Lehrgang in Strausberg bei Berlin.

Im Nordirak und an vielen anderen Orten weltweit sind Christen Gewalt und Verfolgung ausgesetzt. Manche greifen zur Selbstverteidigung, andere warnen davor, sich zu wehren. Über die Vereinbarkeit von Kampfkunst und christlicher Ethik und sogenannte "Gotteskämpfer".Mehr

Interview mit Liao Yiwu "Ein Kampf zwischen Gut und Böse"
Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2012, steht in Berlin im Deutschen Theater nach einer Lesung im Foyer.

In dem Buch "Gott ist rot" befasst sich Liao Yiwu mit dem Christentum in China und den damit verbundenen Drangsalierungen durch die Regierung. Im Interview spricht er auch über sein Leben in Berlin und, warum es auch dort "das Paradies und die Hölle" gibt.Mehr

weitere Beiträge

Religionen / Archiv | Beitrag vom 02.08.2008

Chinas Christen vor der Olympiade

Von Norbert Sommer

Das Nationalstadion in Peking vor Beginn der Olympischen Spiele.
Das Nationalstadion in Peking vor Beginn der Olympischen Spiele. (AP)

Die Evangelische Akademie im Rheinland veranstaltete die Tagung "China im Umbruch". Die Frage, ob Olympia 2008 Verbesserungen für die Religionsgemeinschaften bringen würde, sah man dort eher skeptisch. Offensichtlich fürchten sich die staatlichen Behörden vor allem vor Unruhen, die von nicht registrierten und schwer kontrollierbaren Teilen der christlichen Kirchen ausgehen könnten.

Die kommenden Olympischen Spiele in der Volksrepublik China haben zu einem neuen Nationalstolz geführt. Selbst viele Kritiker des Regimes freuten sich über die Anerkennung ihres Landes durch die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees für Peking. Verbunden war damit aber auch die Hoffnung auf eine Verbesserung der Menschenrechtssituation, auf Justizreformen, auf Meinungs- und Religionsfreiheit. Jetzt, unmittelbar vor Beginn der Spiele, ist Ernüchterung eingetreten. Für den Bereich Religion zum Beispiel waren sich Referentinnen und Referenten auf der von der Evangelischen Akademie im Rheinland durchgeführten Tagung "China im Umbruch" einig bei der Frage, ob Olympia 2008 Verbesserungen für die Religionsgemeinschaften gebracht hat:

Wenzel-Teuber: " Nein, das kann man so nicht sagen. Soweit wir das von chinesischen Gesprächspartnern wissen, haben die Religionsgemeinschaften da eigentlich auch keine Verbesserungen erwartet. Es wird von den Religionsgemeinschaften erwartet, dass sie sich positiv zur Olympiade stellen. Ich glaube, die meisten Gläubigen stehen auch positiv dazu. Dass sie für das Gelingen der Olympischen Spiele beten. Aber ich denke, im Verlauf der Olympischen Spiele wird sicher noch stärker kontrolliert als bisher, wer z.B. nach Peking reisen darf. Ich denke, alles was mit inoffizieller Religiosität zu tun hat, wird es eher in dieser Zeit noch schwerer haben als sonst. Aber eine grundlegende Änderung der Regierungspolitik gegenüber den Religionen ist durch die Olympischen Spiele aus unserer Sicht nicht zu erwarten. "

Monika Gänßbauer: " Einerseits ist es so, dass die offiziellen Kirchen sich vorbereiten auf Olympia. Zum Beispiel hat jetzt der Christenrat eine Publikation von den vier Evangelien geplant, wo das Logo von Olympia auch drauf ist. Und das wird verteilt frei an Besucher von Olympia. Das ist so ein Zeichen der Zusammenarbeit. Andererseits hören wir aber auch immer wieder von Vorkommnissen, dass gerade Hauskirchen jetzt stärker auch unter Beobachtung stehen, weil der Staat da schon ein Stück misstrauisch ist, ob diese Kirchen nicht auch Olympia nutzen werden für Demonstrationen irgendwelcher Art. "

Anonym: " Im Moment ist es eine sehr zweischneidige Bewegung. Auf der einen Seite werden neue Kirchen aufgemacht, renoviert, um ein gutes Bild darzustellen, was auch wiederum Chancen bietet. Sie werden wahrscheinlich danach nicht wieder zugemacht. Also da ist Hoffnung. Auf der anderen Seite: die Erfahrung der letzten Wochen von vermehrten, verstärkten Repressalien spricht im Moment nicht für eine Öffnung sondern eher eine Erschwernis der kirchlichen Gruppen in dieser Zeit, besonders in dieser Zeit vor den Olympischen Spielen. "

Chen Shun Fu: " Ich werde sagen, das hat nichts gebracht...Besonders betroffen war die Kirche in Peking und Umgebung, besonders also viele Hausgemeinden. Ständige Überwachung von Regierung her, und sie haben immer Schwierigkeiten, Gottesdienst zu feiern und andere Veranstaltungen zu haben...Und besonders im letzten Monat wurden Hausgemeinden in Peking während des Gottesdienstes direkt von der Polizei gestört und einige verhaftet und viele müssen persönliche Daten angeben. "

Offensichtlich fürchten sich die staatlichen Behörden vor allem vor Unruhen, die von den nicht registrierten und deshalb schwer kontrollierbaren Teilen der christlichen Kirchen ausgehen könnten, also von den protestantischen Hausgemeinden bzw. der so genannten katholischen "Untergrundkirche". Diese weigern sich bisher, mit der offiziell anerkannten Kirche der "Drei-Selbst-Bewegung", die Selbsterhaltung, Selbstverwaltung und Selbstverbreitung verpflichtet ist, bzw. der Katholischen Patriotischen Vereinigung zusammenzuarbeiten. Außerdem verfolgen die Behörden genau, welche religiösen Gruppen aus dem Ausland die Olympischen Spiele für Missionierungs-Kampagnen nutzen wollen. Die größte evangelische US-Kirche, die Südlichen Baptisten, hatte angekündigt, mit Tausenden Helfern in Sportkliniken, Erste-Hilfe-Einrichtungen und humanitären Projekten präsent zu sein. Evangelikale wollten China mit Bibeln überschwemmen. Das wird ihnen aber nicht gelingen, weil kein Besucher Chinas bei der Einreise mehr als eine Bibel bei sich tragen darf. Im Übrigen fehlt es in China nicht an Bibeln. Die evangelische Bibeldruckerei in Nanking hat in den vergangenen 20 Jahren 40 Millionen Bibeln in chinesischer Sprache gedruckt und über 55000 Verkaufstellen, nämlich die Gemeinden, äußerst preiswert abgesetzt. Anlässlich der Olympiade verschenkt die Druckerei 20.000 Neue Testamente in Englisch und Chinesisch. Kommunistische Partei und Regierung beobachten die Kirchen aber auch deshalb so argwöhnisch, weil ihnen deren ständig wachsender Zulauf unheimlich vorkommt. Genaue Zahlen gibt es nicht, die Partei jedoch spricht von 50 bis 60 Millionen Christen. Nach kirchlichen Schätzungen sind es 20 bis 25 Millionen Protestanten und 12 bis 13 Millionen Katholiken, Tendenz steigend. Eine große Zahl, wenn man daran denkt, dass es am Ende der Kulturrevolution 1976 praktisch keine organisierte Kirche mehr gab. Eine kleine Zahl, wenn man an die 1,3 Milliarden Chinesen denkt. Weshalb aber wenden sich immer mehr Chinesen den christlichen Kirchen zu? Katharina Wenzel-Teuber vom katholischen China-Zentrum in St. Augustin meint:

" Die chinesische Gesellschaft ist ja einem dramatischen Wandel in den letzten 30 Jahren unterworfen gewesen, was bei den Menschen auch wirklich viele Unsicherheiten ausgelöst hat. Im sozialen Bereich fiel die Absicherung weg, aber auch das Fehlen einer verbindlichen Wertestruktur war sicher eine Herausforderung. Und Konsum oder die Möglichkeit Geld zu verdienen, hat das sicher für viele nicht wettgemacht. Und so gibt es eben eine Gruppe oder Teile der chinesischen Gesellschaft, die tatsächlich nach Orientierung suchen und dabei auch auf die Religionen stoßen. Das Christentum mag aus verschiedenen Gründen attraktiv sein. Für einige vielleicht, weil es aus dem Westen kommt und daher als modern gilt oder einen exotischen Reiz hat.. Es gab aber auch gerade nach dem Massaker auf dem Tienanmen-Platz eine Suche nach Transzendenz. Damals haben junge Intellektuelle sich gefragt: Was fehlt uns in der chinesischen Kultur? Wir brauchen eben eine transzendente Instanz, auf die wir Menschenrechte begründen können. "

Monika Gänßbauer von der evangelischen ChinaInfoStelle in Hamburg ergänzt:

" Auf jeden Fall wenden sich Chinesen dem Christentum zu auf der Suche nach etwas, was in ihrem Leben ihnen Halt geben kann. Auch eine Gemeinschaft, die trägt. Das ist sicher ein ganz wichtiger Grund, warum Menschen zum Christentum kommen. "

Der chinesische Schriftsteller Zha Jianying spricht in diesem Zusammenhang von China als dem "größten Seelenmarkt der Welt". Es gebe dort so viele verwundete, hilflose Seelen, die verzweifelt etwas suchen, woran sie glauben können und woran sie sich festhalten können nach den dramatischen Veränderungen im Lande. Gemeint war damit die traumatische Zeit der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 und die wenig später einsetzende Öffnung im wirtschaftlichen Bereich mit dem Beginn eines rein kapitalistischen Kurses trotz aller Beteuerung, man halte am sozialistischen Weg fest. Ein chinesischer evangelischer Theologe beklagte, dass es noch immer keine Studie darüber gibt, wie stark die Leidenserfahrungen der Kulturrevolution Menschen in der Kirchenleitung beeinflusst haben. Gleichzeitig hob er hervor, dass die Kulturrevolution auch geistliche Ressourcen für die nach- kommenden Generationen geschaffen habe. Obwohl die Kirche in jener Zeit schrecklich gelitten habe, sei doch damals der Grund für die neue Kirche in China gelegt worden. Was aber zeichnet diese neue Kirche aus? Ist sie gewappnet für die neuen Herausforderungen besonders im theologischen und sozialen Bereich? Der evangelische Bischof Ting hatte schon vor einiger Zeit zu einer "Bewegung zur Verstärkung der theologischen Reflexion" aufgerufen. Und der neue Vorsitzende des Nationalen chinesischen Christenrates, Gao Feng, sprach von "gewissen Erfolgen" dieses Projekts, forderte aber auch eine stärkere "Verkirchlichung" der beiden Organisationen Christenrat und Drei-Selbst-Bewegung, die derzeit zu sehr als gesellschaftliche Gruppen wahrgenommen würden. Dabei seien sie aus kirchlicher Perspektive Institutionen der Selbstorganisation von Christen, die einerseits eine Brücke zwischen Parteistaat und den Christen bilden und andererseits der Kirche unmittelbar dienen sollen. Eine eigenständige chinesische Theologie, die wie die lateinamerikanische Befreiungstheologie z.B. auf die besonderen Bedürfnisse der Menschen in China eingeht, ist bisher nur ansatzweise zu erkennen. Monika Gänßbauer:

" Ich denke, es gibt eine Menge Anstöße. Mir persönlich sind so Theologen – stehen vor meinen Augen - , die sich sehr stark auch mit Leiden auseinandergesetzt haben, das ja in China auch eine starke Realität ist – vielleicht ähnlich wie in Korea. Aber viele chinesische Theologen sind auch ein bisschen enttäuscht, dass ihre Impulse oder ihr Nachdenken über Theologie bisher im Westen kaum wahrgenommen wird. "

Der zurzeit in Tübingen studierende Theologe Chen Shunfu ist eher skeptisch:

" Besonders jetzt ist die theologische Besinnung wieder aktiv, aber das theologische Niveau ist in China sehr, sehr niedrig. muss man zugeben. Und die theologische Ausbildung ist sehr, sehr schwach. Wir haben noch keine Theologie aus China. "

Es bleibt viel zu tun. Der Ausbau des zentralen Seminars der Evangelischen Kirche in Nanking für eine Kapazität von 1000 Studierenden ist ein wichtiger Schritt voran. Und das Engagement der Kirche im sozialen Bereich? Immerhin bekannte der Vizepräsident der staatlichen chinesischen Religionsbehörde, Wang Zuo An, im Gespräch mit Johannes Friedrichs, dem Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, vor 20 Jahren habe man Religion ausschließlich negativ gesehen, heute aber sei man von den positiven Seiten überzeugt. So profitiere die Gesellschaft im sozialen Bereich von religiösen Aktivitäten. Außerdem könne der Glaube zu einer realistischen Sicht der Welt und zu einer "inneren Harmonie" verhelfen. Monika Gänßbauer zum heutigen Stand des kirchlichen Sozial-Engagaments:

" Es gibt z.B. Gemeinden, die sich speziell für Arbeitsmigranten/migrantinnen gebildet haben, wo wirklich genau geguckt wird, was sind die Bedürfnisse, die Probleme dieser Menschen auch in Hinsicht auf Seelsorge. aber ein Stück weit kommen die Kirchen diesem Bedarf noch nicht nach...Der Staat wünscht sich sehr stark das soziale Engagement, unterstützt die Kirchen oder ermutigt sie, aktiv zu werden. Viele Gemeinden werden auch von selbst aktiv mit Kindergärten, manche auch mit kleineren Seniorenheimen. Aber bei vielen Kirchen gerade im ländlichen Bereich, da sind die finanziellen Bedingungen noch gar nicht gegeben für solche Projekte. "

Bei strikter Einhaltung der Drei-Selbst-Prinzipien wäre die finanzielle Unterstützung sozialer Aufgaben der Kirchen Chinas aus dem Ausland natürlich nicht möglich. Doch da er selbst dadurch entlastet wird, lässt der Staat es zu. So können z.B. sowohl die schon lange tätige evangelische Amity-Foundation als auch die jüngere katholische Jinde-Charities mit Geldern von außen ihre Arbeit zum Wohle der von Präsident Hu Jintao in Anlehnung an Konfuzius propagierten "harmonischen Gesellschaft leisten. Leider ist diese Harmonie bisher weder innerhalb der Kirchen noch zwischen ihnen erreicht worden. Monika Gänßbauer:

" Ja, es gibt im Moment sehr, sehr viele Fronten, wo man eigentlich zu mehr Kooperation, zu mehr gegenseitiger Anerkennung, zum Dialog kommen müsste. und die Kirchen in China – zumindest auf evangelischer Seite kann ich das sagen, haben bisher auch nicht so diese Tradition wirklich. Da grenzt man sich stark ab nach außenhin. Oft vielleicht sind das auch noch Erfahrungen aus der Kulturevolution, die da eine Rolle spielen, wo man sich abgrenzen musste als Glaubensgemeinschaft nach außen… Das Problem ist, dass diese Kirchen, die unabhängigen Kirchen, nicht bereit sind, mit den Drei-Selbst-Kirchen oder den Christenräten zusammen zu arbeiten. Ich denke, es wäre eigentlich eher wichtig, dass von Partei-staatlicher Seite aus das Signal gegeben würde: diese Existenz von Kirche ist auch erlaubt. Ich denke, das wäre wichtiger und würde einen größeren Freiraum bieten, in dem Kirchen sich normal entwickeln könnten. "

Auf katholischer Seite ist man seit langem bemüht, die innerkirchliche Spaltung inoffizielle und "Untergrundkirche" zu überwinden. Nachdem bereits Papst Johannes Paul II. in diesem Sinne gewirkt hatte, griff inzwischen auch sein Nachfolger Benedikt XVI. dieses Anliegen auf. Sein im letzten Jahr veröffentlichter Brief an die Katholiken Chinas zielte in erster Linie auf eine Versöhnung zwischen den beiden Gruppierungen hin. Schon lange ist die Kluft nicht mehr so breit wie früher, als sich die einen als Papst-treu bezeichneten und die anderen als Verräter brandmarkten. Die Grenzen sind inzwischen fließend. Das Fazit von Katharina Wenzel-Teuber:

" Allein schon die Tatsache, dass so ein Brief geschrieben wurde, zeigt, dass die Situation nicht einfach ist. Er hat darin auch die Privilegien , die Sonderrechte, die die Untergrundkirche in China hatte, aufgehoben. Für die Untergrundkirche war das zunächst mal – wie wir gehört haben – nicht ganz leicht zu schlucken. Also: sie nehmen den Aufruf zur Versöhnung ernst, aber es gibt auch immer wieder Stimmen, die sagen, das wird Zeit brauchen...Dennoch gibt es lokal durchaus Beispiele der Versöhnung und der Zusammenarbeit. Und es ist auch so, dass eben 90% schätzungsweise der Bischöfe in der offiziellen Kirche auch von Rom anerkannt sind, was natürlich die Versöhnung auch sehr erleichtert. "

Für die katholische Kirche gibt es eben ein weiteres Problem dadurch, dass sie im Papst in Rom ein geistliches Oberhaupt hat, das zum Beispiel, weltweit Bischofsernennungen allein ausspricht. Partei und Regierung Chinas sehen dies als Eingriff in die Autonomie der chinesischen Kirche. Inzwischen ist man sich allerdings in dieser Frage wohl näher gekommen. Doch bleiben noch viele Probleme zu lösen, bevor es zu einer echten Entspannung zwischen Rom und Peking kommt. Es ist ein ständiges Auf und Ab. Den Aufruf des Papstes zu einem jährlichen Gebetstag für die Kirche in China am 24. Mai beantworteten die Behörden mit massiven Behinderungen der zahlreichen Wallfahrten, die u.a. auch aus Hongkong und Macao aus diesem Anlass zum Marienheiligtum Sheshan in Shanghai durchgeführt werden sollten. Freundlichen Worten zum Papstbrief folgten heftige Attacken gegen einen angeblichen "katholischen Kolonialismus", der schon Kuba und Vietnam erfolgreich verändert und vereinnahmt habe. Zuletzt dann wieder eine Überraschung: Das Chinesische Philharmonische Orchester bot dem Papst im Vatikan als Geschenk ein Konzert, in dessen Mittelpunkt das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart stand. Die Chinesen hatten es bewusst ausgewählt, weil sie die Vorliebe des Papstes für Mozart kennen. Der Dirigent Yu Long sagte nachher, was ihn dabei am meisten bewegt habe, sei der Kommentar von Benedikt XVI. im Anschluss an das Konzert gewesen, in dem er von der Musik als bevorzugtem Mittel der Begegnung und des gegenseitigen Kennenlernens und der Wertschätzung zwischen verschiedenen Völkern und Kulturen gesprochen hatte. Manche erinnerten sich dabei vielleicht an das Konzert des Chores der Roten Armee im Vatikan für Papst Johannes Paul II., bei dem die sowjetischen Soldaten u.a. das "Ave Maria" sangen, und das den Auftakt zum Tauwetter zwischen Rom und Moskau bildete. Christen in China sehen auch dieses Konzert als ein klares Zeichen für Entspannung und setzen große Hoffnung darauf. Entspannung ist auch nötig im Verhältnis der christlichen Kirchen untereinander. Es gibt kaum Zusammenarbeit. Vom Staat werden die christlichen Kirchen ohnehin als zwei völlig getrennte Religionen behandelt, heißt es in der offiziellen Einteilung der fünf anerkannten Religionsgemeinschaften doch: Buddhismus, Islam, Daoismus, Katholizismus, Christentum. Das wird zurückgeführt auf die Uneinigkeit der Kirchen bezüglich des chinesischen Namens für Gott: "Herr des Himmels" auf katholischer Seite und "Oberster Herrscher" auf protestantischer Seite. Einigkeit ist aber schon allein deshalb nötig, um die immer stärker um sich greifenden pseudo-christlichen Sekten abzuwehren. Eine seit vielen Jahren in China tätige evangelische Sozialarbeiterin, die aus Angst vor möglichen Nachteilen wie einem Wiedereinreiseverbot nicht namentlich genannt werden möchte, schilderte deren Einfluss so:

" Dann aber gibt es auch die große Sekte nicht nur von Falun-gong, sondern eben auch von der "Östlichen Erleuchtung" oder "Östlicher Blitz", wie es auch genannt wird. Und diese Gruppierung geht ganz gezielt gegen die christliche Kirche vor, ob das jetzt die Drei-Selbst-Kirche oder Hauskichen-Bewegung ist. Die gehen dagegen vor, um sie zu zerstören. Sie schleichen sich ein und versuchen, die mittlere Leiterschaft zu erhaschen – kann man sagen - , die herumzukriegen, um dann die ganze Gruppierung rüberzuziehen. "

Als Beispiel nannte sie eine Gegend, wo von acht Hauskirchen sechs abgeworben wurden von dieser Sekte, die eher zu den früheren Geheimgesellschaften oder zum neuen Satanskult zu zählen ist. Hunderttausende fallen ihr zum Opfer, weil ihr Glaube und ihr Wissen oft noch zu schwach sind. Sie fallen herein auf diese Sekte, die behauptet, dass Christus bereits in Gestalt einer chinesischen Frau zurückgekehrt sei. Ihre Anhänger zitieren MT 24,27, Christus werde "wie der Blitz, der von Osten ausgeht" wiederkommen und deuten dabei den Osten auf China. Sie verdrehen Jeremia 31,22, wo in ganz anderem Sinne von einer Frau die Rede ist, und wollen damit beweisen, dass Christus eine chinesische Frau ist. Die immer stärker werdende Sekte der "Östlichen Erleuchtung" geht gezielt dahin, wo sich Chinesen gerade erst der Kirche zugewandt haben. Sie bieten ihnen Hilfestellung und Weiterführung im Glauben an. Sie lehren, dass die Bibel nicht mehr gültig sei, da man schon ins "königliche Zeitalter" übergegangen sei. Zur Rettung des Einzelnen sei absoluter Gehorsam gegenüber dem weiblichen Messias notwendig. Die Anhänger werden gedrängt, ihre Familien zu verlassen. Es wird Gehirnwäsche betrieben, materieller Besitz kassiert und Abtrünnigen Bloßstellung, Prügel oder gar Mord angedroht. Für die christlichen Kirchen scheint die Gefährdung durch diese Sekte inzwischen größer zu sein als durch die nach wie vor bestehende Gängelung und Kontrolle durch Partei und Staat. Mittlerweile haben die Kirchen die Gefahr erkannt und sind dabei, ihre Mitglieder besser im Glauben zu unterrichten und zu stärken. Auch wir können von den chinesischen Christen lernen. Was, das erklären zum Schluss die deutsche Sozialarbeiterin, Chen Shunfu und Monika Gänßbauer:

" Da habe ich eine sehr eindeutige Antwort: Das klare Zeugnis. Die Klarheit und der Mut, wirklich klar für Christus dazustehen und ein klares Zeugnis zu reden und nicht aus Angst vor "Was könnte kommen?" oder im Rahmen der Toleranz immer wieder Rückschritte zu machen oder kein klares Statement zu haben selber...

Die Kirche in China ist jetzt Missions-orientiert. Die Christen in China missionieren auch viel und sie nützen alle möglichen Chancen, das Evangelium zu verkündigen. Ich glaube, das bringt der Kirche Leben, das bewegt die Kirche. Es könnte sein, dass dies ist für die deutsche Kirche eine Anregung.

Ich denke, dass man sehr stark lernen kann, Christentum praktisch anzuwenden, in seinem Leben sichtbar werden zu lassen. Das spüre ich immer wieder , dass chinesische Christen wirklich sagen, wenn du Christ bist, dann muss das in deinem ganzen Leben, deiner Arbeit, in deinem Familienleben, in allem, was du tust und sagst, deutlich werden. Und diese Leidenschaft, die man da spürt auch für den Glauben, das ist etwas, wovon wir gut lernen könnten. "