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Studio 9 | Beitrag vom 22.04.2015

ChinaOhne Geld im "Krebs-Hotel"

Von Ruth Kirchner

Das "Krebs-Hotel" in Peking (Ruth Kirchner)
Das "Krebs-Hotel" in Peking (Ruth Kirchner)

In China steigt die Zahl der Krebserkrankungen. Viele Patienten vom Land kommen wegen der besseren Behandlungsangebote in die Städte. Oft wohnen sie in fensterlosen Zimmern in "Krebs-Hotels" rund um die großen Kliniken. Doch die Behandlungskosten sind meist das größere Problem.

Das Krebskrankenhaus der Chinesischen Akademie für  Medizinwissenschaften im Südosten Pekings. Im Eingangsbereich des schmucklosen Gebäudes drängen sich hunderte Menschen. Jeden Tag ab vier Uhr früh stehen die ersten Patienten an, warten stundenlang bis die Schalter öffnen und sie eine Nummer ziehen können für Arzttermine und Untersuchungen in der renommierten Klinik:

"Ich habe vier oder fünf Tage angestanden, um überhaupt eine Nummer zu bekommen", sagt Wang Lai aus dem nordwestchinesischen Provinz Shanxi.

Andere warten ein bis zwei Monate. Der 55-jährige Bauer hat einen schmerzhaften Knoten im Gesicht – Verdacht auf Krebs. Krebs ist die häufigste Todesursache in China – und die Krebsraten sind in den letzten Jahren steil nach oben gegangen. Innerhalb von zwei Jahren sei allein die Lungenkrebsrate um 16 Prozent nach oben geschnellt, sagt Angela Pratt von der Weltgesundheitsorganisation:

"Die Krebsarten, die schneller als andere steigen, haben mit der Lebensweise zu tun. Lungenkrebs steigt wegen der sehr  hohen Zahl der Raucher und wegen der Luftverschmutzung. Darmkrebs und andere Krebsarten hängen mit ungesunder Ernährung, zu viel Alkohol und zu wenig Bewegung zusammen."

Dicht an dicht in winzigen Zimmern

Die steigenden Krebsraten sind eine gewaltige Belastung für das Gesundheitssystem. Krankenhäuser auf dem Land sind mit schweren Erkrankungen oft überfordert. Daher kommen viele Patienten in die Großstädte. In der Pekinger Klinik  wurden  letztes Jahr jeden Tag 2.000 Menschen ambulant behandelt. Tendenz steigend.  Wie das Krankenhaus mit dem Ansturm umgeht, verrät es nicht. Interviewanfragen lehnt die Klinik ab. Die Patienten müssen sich oft selbst helfen.

Bauer Wang Lai überbrückt die wochenlangen Wartezeiten auf seine  Untersuchungen in einem sogenannten Krebshotel – ein heruntergekommenes dreistöckiges Wohnhaus wenige hundert Meter vom Krankenhaus entfernt. Draußen trocknet Wäsche, drinnen ist es düster und stickig.

Eingangshalle im Krebskrankenhaus der Chinesischen Akademie für Medizinwissenschaften im Südosten Pekings am Nachmittag (Ruth Kirchner)Eingangshalle im Krebskrankenhaus der Chinesischen Akademie für Medizinwissenschaften im Südosten Pekings am Nachmittag (Ruth Kirchner)

Krebspatienten vom Land wohnen dicht an dicht in winzigen, meist fensterlosen Zimmern. Ihre Wäsche waschen sie in Plastikschüsseln. Es gibt eine Gemeinschaftsdusche und einen rußgeschwärzten Verschlag mit Gaskochern. Unterkünfte wie diese gibt es mittlerweile in vielen Großstädten rund um die Krebskliniken. Die Übernachtungskosten sind niedrig, trotzdem macht sich Bauer Wang Sorgen:

"Ich habe keine Ahnung wie viel Geld wir brauchen. Wenn ich operiert werden muss, dürfte das mehr als 100.000 Yuan kosten."

Wachsende Sorge der WHO

Das sind über 15.000 Euro - Geld, das der Vater von drei Kindern nicht hat. Auf seinem Stück Land in Shanxi baut er Mais an. Wenn die Ernte gut ist, verdient er 4000 Euro  im Jahr. Auch seine Krankenversicherung würde die Kosten nicht übernehmen. Wer vom Land kommt, sich aber in der Stadt behandeln lässt, muss die Rechnungen meist selbst zahlen. 

Angelika Pratt: "In China sind zwar die meisten Menschen jetzt versichert, aber die Grundversicherung garantiert oft  keinen ausreichenden finanziellen Schutz für jemanden, der Krebs hat und Zugang zu einer Behandlung braucht."

Die steigenden Krebsraten sieht die WHO daher mit wachsender Sorge. Bei Lungenkrebs etwa sei die Spitze noch gar nicht erreicht, warnt sie. Wenn China die  Risikofaktoren wie Rauchen und Smog nicht in den Griff bekommt, sei das Gesundheitssystem dem Ansturm der Patienten  nicht mehr gewachsen. Und auch die volkswirtschaftliche Folge-Kosten der Krebskrise sind noch gar nicht abzusehen.

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