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Profil / Archiv | Beitrag vom 19.08.2008

"China ist die Quelle meines Schaffens"

Porträt der Schriftstellerin und Filmemacherin Xiaolu Guo

Von Brigitte Neumann

Die chinesische Schriftstellerin Xiaolu Guo (AP Archiv)
Die chinesische Schriftstellerin Xiaolu Guo (AP Archiv)

Die Erfolgsautorin Xiaolu Guo lebt zwar in London, kehrt aber immer wieder für mehrere Monate im Jahr in ihre alte Heimat China zurück. Nur hier findet sie die Inspiration für ihre Geschichten, die sie nicht nur in Romanen, sondern auch in kleinen Filmen verarbeitet. Ihr letzter Roman, <papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="136502" text="&quot;Kleines Wörterbuch für Liebende&quot;" alternative_text="&quot;Kleines Wörterbuch für Liebende&quot;" />, wurde in 20 Sprachen übersetzt und war in Deutschland ein Bestseller.

"Ich heiße Xiaolu Guo. Aber in China sagt man GUO Xiaolu. Denn der Familienname kommt als erstes. Mein Vorname ist nicht so wichtig. In China kennen wir nur das Kollektiv, nicht das Individuum. Aber im Westen heiße ich Xiaolu Guo. Denn die Familie ist nicht wichtig. So ist die Situation."

Was Xiaolu Guo am Westen nervt, sagt sie gleich im Anschluss. Niemand kann sich hier ihren Namen merken. Für die meisten ist sie einfach diese ... neue erfolgreiche chinesische Bestsellerautorin und Filmemacherin.

Die 35-Jährige schürzt die Lippen. Pah. Wieder untergegangen im Kollektiv. Und wo Xiaolu Guo gerade beim Kritisieren ist:

"Ich glaube, ich bin deshalb so frustriert, weil die Leute hier mit mir nicht über meine Literatur sprechen wollen, sondern über chinesische Politik. Und das ist das Letzte, worüber ich sprechen möchte."

Warum?

"Weil ich chinesische Staatsbürgerin bin, muss ich vorsichtig sein mit dem, was ich sage. Ich trage Verantwortung für meine Arbeit. Und ich will nicht missverstanden werden."

Mit anderen Worten: Xiaolu Guo will unbehelligt weiterarbeiten. Seit fünf Jahren hat sie einen Wohnsitz in London, aber die Hälfte des Jahres ist sie in China

"All meine Geschichten drehen sich um China, spielen in China. Ich kann nicht in Europa leben und über China schreiben. Was ich machen werde, ist: In Europa bin ich für mich, um zu schreiben. Aber wenn ich eine neue Story brauche, muss ich wieder in Kontakt mit einer Art grundlegenden Lebensgefühls kommen. Und das geht nur in China. China ist die Quelle meines Schaffens."

Inzwischen wird sehr genau beobachtet, was Xiaolu im Westen über China sagt, schließlich ist sie eine vielgelesene und - was ihre Filmerinnenkarriere angeht - vielprämierte Künstlerin.

In ihrem letzten halbdokumentarischen Film "How is your fish today?", der bizarren Odyssee einer kriminellen Filmfigur, die nicht nur von der Polizei, sondern auch von ihrem Drehbuchautor verfolgt wird, führt Xiaolu Guo uns per Zug vom Süden Chinas über Peking bis in den extremen Norden.

Xiaolu ist Botschafterin eines sympathisch hemdsärmelig wirkenden Chinas. Weit und breit nichts von wegen Diktatur. Und auch nichts vom Drill und der Perfektion der olympischen Spiele, über die Xiaolu Guo sagt:

"Für die Chinesen, die genauso viel Pomp auch an Neujahr erleben, ist das nichts Besonderes. Für mich auch nicht."

Die olympischen Spiele sind ein brisantes Thema, Menschenrechte, Redefreiheit, Zensur ebenso. "How is your fish today" wird in China nicht zu sehen sein. Und wenn Xiaolu Guo sich nicht klug verhält, verliert sie das, was sie sich mühsam erkämpft hat und was ihr alles bedeutet: eine Stimme, die gehört wird.

"Ich wuchs mit meinen Großeltern auf - in einem Fischerdorf. Dort lebten nur Analphabeten. Es war ein Dorf der Barbaren. Gewalt war alltäglich. Es gab dort niemanden, der mir etwas beibrachte. Aber ich begriff, dass es täglich ums Überleben geht. Und um zu überleben, musst du töten: Tiere, manchmal auch Menschen.
Als ich klein war, war ich so verzweifelt, weil ich Künstlerin werden wollte. Mein Wunsch machte mich sehr einsam. Als ich dann später nach Peking ging und Filmerin wurde, spürte ich plötzlich die Macht meiner Worte. Plötzlich hatte ich eine Stimme. Und die wurde sogar von einigen für wichtig genommen."

Ihrem jungen Gesicht sieht man Ehrgeiz, Kampfgeist und eine gewisse Müdigkeit an. Xiaolu Guo ist klein, zierlich, trägt ein rotes Kleid und hat üppige lange Haare, deren Strähnen ihr wie die Schlangen der Medusa ums Haupt fließen. Ihre Großmutter hatte noch gebundene Füße, ihre Mutter war bei den chinesischen Roten Garden. Sie lebt in London, Paris und Peking. Von Stipendien, Preisgeldern, Tantiemen. Wo ist ihr Zuhause? Wie bei allen Künstlern, sagt Xiaolu Guo, im Geist.

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