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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 02.05.2013

Chatten mit dem Pfarrer

Immer mehr Menschen nutzen kirchliche Internetseiten

Von Remko Kragt

Virtuelle Kirchenseite (picture alliance / dpa Foto: Holger Hollemann)
Virtuelle Kirchenseite (picture alliance / dpa Foto: Holger Hollemann)

Gottesdienste finden nicht mehr nur in Kirchen statt und Geistliche findet man nicht mehr nur im Pfarrhaus. Die Religionsgemeinschaften nutzen zunehmend das Internet und entwickeln dabei auch neue, häufig interaktive Erscheinungsformen - wie die Seelsorge vor dem PC.

"Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der Herr sei mit euch. Herzlich Willkommen zum ersten Facebook-Gottesdienst …"

So klang es am 1. April 2012 aus vielen PCs, Laptops und Smartphones – und zwar weltweit, sagt Pfarrer Dietmar Heeg, der den Gottesdienst veranstaltete. Etwa 6000 User sollen dem Dienst virtuell beigewohnt haben. Ob das nun alles Gläubige waren, sei dahingestellt. Sicher seien darunter viele Neugierige gewesen, mancher dürfte den Gottesdienst nach kurzem Besuch wieder verlassen haben.

Der Facebook-Gottesdienst wirkte auf dem ersten Blick wie eine traditionelle Fernsehübertragung. Der zweite Blick aber verrät Unterschiede. So richtete der Pfarrer seine Worte unmittelbar an die sogenannten User. Und: Heeg hatte - ungewöhnlich für einen Gottesdienst - interaktive Elemente eingebaut: Zuschauer konnten sich per Chat oder Twitter einbringen. Die Predigt handelt vom Aufstieg und Fall von Fußballern und anderen Prominenten. Plötzlich unterbricht Heeg seine Predigt:

Heeg: "… aber bevor ich weitermache, will ich doch mal Sarah fragen, was sagen denn unsere User ..."

Und Sarah liest direkt von Ihrem Tablet:

"Ja, also einige versuchen sich da auch das gegenseitig zu erklären. Manche fragen: was hat denn jetzt Gott mit Fußball zu tun? Sonst wünschen uns erst mal viele einen gesegneten Gottesdienst und Konstantin Preu schreibt auch, Margot Käßmann wurde auch schnell beseitigt."

Alle großen Religionsgemeinschaften haben eine umfangreiche Internetpräsenz. Die bekanntesten: "evangelisch.de", "katholisch.de" und "islam.de".

Mit ihrer professionellen und journalistischen Aufmachung wirken die Seiten wie technisch ausgefeilte Online-Zeitungen. Evangelisch.de beispielsweise ist ein Produkt des Gemeinschaftswerks der evangelischen Publizistik, das die Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland und vieler anderer protestantischer Gemeinschaften betreut. Zum Werk gehört unter anderem die Nachrichtenagentur EPD.

Bei evangelisch.de steht jetzt natürlich der Kirchentag ganz vorne. Einzelne Programmpunkte werden hervorgehoben - darunter etliche Online-Experimente. Angekündigt sind etwa Morgenandachten, die über Twitter verschickt werden und zu denen die Empfänger auch selbst Tweets beisteuern können. Oder Online Bibelarbeiten, deren Inhalte von einer Redaktion zusammengefasst und ebenfalls getwittert werden.

Die Redaktion von Evangelisch.de wird darüber hinaus zum Kirchentag mit eigenen Beiträgen online gehen. Sie wird etwa einen Kirchentagsblog einrichten. Außerdem organisiert sie bei Facebook ihre "Vielklangaktion": beginnend mit dem Kirchentag will sie Videoaufzeichnungen aller 535 Lieder aus dem evangelischen Gesangbuch sammeln und bei Facebook online stellen.

Online-Serviceangebote haben in den Kirchen bereits eine gewisse Tradition. Die großen christlichen Kirchen bieten beispielsweise seit geraumer Zeit Seelsorge im Chat an. Sie werde viel in Anspruch genommen, obwohl das Angebot den Teilnehmern einiges abfordere, sagt Stefan Lorenz, Leiter der evangelischen Chatseelsorge in Hannover.

Der "Chat" ein öffentlicher Raum

"Ich würde sagen: jeder, der im Chat ist, muss sich ausdrücken können. Er muss schreiben können und so schreiben können, dass man es versteht, und er muss auch Gefühle schreiben können, Gefühle und Fantasien aufschreiben können. Und das kann nicht jeder. Deshalb haben wir einfach strukturierte Menschen mit einem sehr niedrigen Bildungsniveau eigentlich nicht."

Wer den Chatraum betritt, landet zuerst im öffentlichen Bereich. Dort können die Teilnehmer sich miteinander unterhalten oder auch Einzelgespräche mit den Seelsorgern, die den Chat moderieren, oder mit anderen Teilnehmern verabreden. Nicht allen geht es dabei um Glaubensfragen. Manche suchen scheinbar eher Kontakt mit mutmaßlich Gleichgesinnten. Da diskutieren etwa "Hummel23" und "Ohrwurm" intensiv die Eigenschaften ihrer Autos, während andere existenzielle Themen dazwischen streuen. Die Seelsorger bemühen sich, den Verlauf des Chats behutsam zu steuern. Sie sind die Einzigen, die ihre Identität preisgeben.

Lorenz: "Jeder Seelsorger ist bei uns gekennzeichnet mit einem Bild, das erkennbar ist, mit dem realen Namen und mit einem kleinen Text, der einfach einladend, ansprechend ist."

Die Teilnehmer verraten von sich selten mehr als ihre Nicknamen. Anonym wie sie sind, können sie sich mit einem Geistlichen oder auch mit anderen Teilnehmern in einen geschützten Raum zurückziehen. Diese Chats bleiben vollständig hinter geschlossenen Türen. Niemand kann sie mitlesen, nichts wird aufgezeichnet. Häufig entwickeln sich trotz der Anonymität auch im Chat eine gewisse Vertrautheit und persönliche Beziehungen.

Lorenz: "Die User, die da sind, suchen sich auf jeden Fall aus, mit wem sie gerne sprechen. Manche probieren auch mehrere durch und landen dann bei dem oder dem."

In den geschützten Raum kommen nur angemeldete User. Viele aber bleiben im öffentlichen Bereich und melden sich gar nicht an. Sie nehmen als Gast1, Gast 2 oder Gast 36 teil. Die Nummern können sehr hoch klettern an einem Abend. Diese Möglichkeit, ganz und gar anonym zu bleiben, ist vielleicht die eigentliche Stärke der Internet-Angebote, vermutet Stefan Lorenz:

"Und deshalb haben wir es, glaube ich, zu Anfang immer mit Themen zu tun, mit Menschen zu tun, die Themen anbringen, die eine besonders hohe Schamschwelle für sie selber haben. Und wenn es mir zu heiß wird, dann drücke ich auf den Knopf."

Die Nachfrage ist beim Chat größer als das Angebot. Jeweils 30 Menschen können Teilnehmen - und immer müssten einige draußen bleiben, sagt Stefan Lorenz. Dennoch: Wie erfolgreich die Angebote wirklich sind, das kann niemand genau sagen. Sichtbar ist allenfalls die Anzahl der Anmeldungen auf einer Seite, nicht aber die Dauer der Teilnahme, geschweige denn die Motive der Teilnehmer. Sie sind schließlich anonym und können deshalb nicht befragt werden. Auch die Frage, inwiefern Kirchen mit den Online-Angeboten neue Kreise erreichen, kann deshalb niemand beantworten. So weiß auch Pfarrer Heeg nicht, von wem er sich verabschiedet, wenn er seinen Abschlusssegen spricht:

Facebook-Gottesdienst: "Es segne und behüte euch der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Gehet hin in Frieden."


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