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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.10.2006

Changieren zwischen Wahn und Wirklichkeit

Marie NDiaye: "Alle meine Freunde". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, 143 Seiten, 17,80 Euro

Ein düsteres, unheimliches Szenario beschwört die Autorin herauf. (Stock.XCHNG / Desire Weber)
Ein düsteres, unheimliches Szenario beschwört die Autorin herauf. (Stock.XCHNG / Desire Weber)

Der Titel täuscht: Denn es sind keineswegs nette Menschen, die in den fünf hier versammelten Geschichten der Französin Marie NDiaye im Mittelpunkt stehen. Es sind lauter Einzelgänger, zumeist in Selbsthass sich zerfleischende, in Ressentiments sich verzehrende Leute von heute. Bis hin zum Psychohorror sind die Erzählungen in "Alle meine Freunde" quälend und belastend, aber gerade daraus beziehen sie auch eine ganz eigenartige Spannung und Suggestivität.

Marie NDiaye gehört zu den Wunderkindern der achtziger Jahre. Gerade einmal 17-jährig, trat die Französin mit dem komplizierten, an ihre senegalesischen Vorfahren väterlicherseits erinnernden Nachnamen 1984 mit einem formal höchst anspruchsvollen Text ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, das sie seitdem eigentlich nicht mehr verließ. Denn Marie NDiaye ist eine fleißige Autorin, die Jahr um Jahr eines ihrer schmalen Bücher auf den Buchmarkt wirft.

Weibliche Wunderkinder haben ja in der französischen Literatur Tradition, man denke an Colette oder an die Sagan. Doch während diese vor allem mit beschwingter, auch gern frivoler, jedenfalls sehr jugendlich wirkender Literatur von sich reden machten, ist es bei Marie NDiaye eher eine düstere, unheimliche Welt, die sie heraufbeschwört. So ist denn auch der Titel ihres neuen Erzählbandes "Alle meine Freunde" bitter ironisch zu verstehen.

Keineswegs sind es nämlich nette Menschen, die jedermann gern zu Freunden hätte, die in den fünf hier versammelten Geschichten im Mittelpunkt stehen. Nein, es sind noch nicht einmal anderer Leute Freunde. Es sind lauter Einzelgänger, zumeist in Selbsthass sich zerfleischende, in Ressentiments sich verzehrende Leute von heute, wie sie der galoppierende Kapitalismus in der westlichen Welt immer öfter hervorbringt: Unzufriedene, Erfolglose, zu kurz Gekommene, die sich zu viel mit anderen vergleichen und dabei feststellen, dass es die Dummen immer am weitesten bringen. Sie selbst aber bleiben mit ihren Kompliziertheiten am Wege, abgeschlagen, nicht selten verkannt, in jedem Falle aber unterhalb dessen, was sie für ihre Möglichkeiten halten.

Das mag nun entfernt an Michel Houellebecq und seine Geschichte der moralischen Globalisierungsverlierer erinnern. Nur fehlt bei Marie NDiaye jeder Anflug, und sei er noch so leise, von Gesellschaftskritik. Ihre Figuren haben eigentlich gar keine Umwelt mehr, werden jedenfalls kaum in einer solchen lokalisiert. Sie sind so in sich selbst versponnen, so sehr die Gefangenen ihrer Obsessionen, dass man manchmal nicht recht weiß, ob sie noch als normal gelten dürfen. Immer bleibt die Autorin ganz dicht an ihnen dran. Und aus dieser radikalen Introspektion beziehen die Erzählungen ihren Reiz, aus dem Changieren zwischen Wahn und Wirklichkeit, aus einem psychologischen Verwirrspiel, das den Leser durchaus ratlos machen kann, denn das eine oder andere Mal scheint auch ihm bei der Lektüre der Boden unter den Füßen weggezogen zu werden.

Da ist zum Beispiel der reichlich abgehalftert wirkende Lehrer, der sich von seiner eigenen Putzfrau, einer ehemaligen Schülerin, verachtet fühlt, obwohl er meint, doch nur ihr Bestes zu wollen, womit er aber vollkommen ins Leere läuft. Da ist die verlassene Ärztin, die plötzlich mit ihrer Jugendfreundin, die sie sehr geliebt zu haben schient, konfrontiert wird. Sie besucht sie dann, in dem trostlosen Vorort von Paris, in dem beiden Frauen ihre Kindheit verbracht haben, und auf einmal spürt die Ärztin, dass ihr Aufstieg in eines der schicken Viertel von Paris ihr nicht die mindeste seelische Stabilität eingebracht hat.

Oder aber, einzige Erzählung, die in Afrika spielt, da ist der sensible junge Hausdiener einer etwas besser gestellten Familie, der mitbekommt, wie diese einen ihrer Söhne regelrecht verkauft, um zu noch mehr Geld zu kommen. Er versucht, dem ohnehin bewunderten Jungen nachzueifern und ebenfalls einen "Käufer" für sich zu finden. Aber es wird dann nur ein fragwürdiges sexuelles Abenteuer daraus …

Bis hin zum Psychohorror sind die Erzählungen in "Alle meine Freunde" quälend und belastend, aber gerade daraus beziehen sie auch eine ganz eigenartige Spannung und Suggestivität. Es braucht schon starke Nerven, um sich auf die feinfühligen Porträts der Maie NDiaye einzulassen. Wer es tut, erfährt viel über die seelischen Verletzungen solcher Menschen von heute, die nicht im Lichte stehen, aber intelligent genug sind, um unter ihrem Ausgegrenztsein zu leiden.

Rezensiert von Tilman Krause


Marie NDiaye: Alle meine Freunde
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, 143 Seiten, 17,80 Euro

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