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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.06.2009

Chancengleichheit per Los?

Das Ende der seriösen Bildungspolitik

Von Konrad Adam

Schüler einer Grundschulklasse (AP)
Schüler einer Grundschulklasse (AP)

Irgendwann führt jeder Marsch ans Ziel; man muss nur lange genug marschieren und das Ziel anspruchslos genug definieren, dann wird man es schon irgendwie erreichen. Jetzt ist der Feldzug gegen das letzte von allen Privilegien, das Bildungsprivileg, ans Ziel gekommen - zumindest in Berlin.

Die links gewirkte Stadtregierung ist entschlossen, den Bildungswillen eines Kindes als das Ergebnis von allerlei Zufällen zu betrachten: von Zufällen der Geburt und der Herkunft, die ungerecht sind und deshalb durch einen anderen Zufall korrigiert werden müssen. Dazu berufen ist hier wie immer der sozialistische Ersatzgott, der Staat.

Als erste hatten die Jusos die Bildung als ein Klassenprivileg entdeckt, das abzuschaffen sei. Zu diesem Zweck ersannen sie die Parole '"Gleiche Lernziele - gleiche Lernerfolge", theoretisch untermauert durch eine Haarspalterei, die den Schlüsselbegriff der Chancengleichheit in gleiche Start- und gleiche Zielchancen zerlegte. Das war zwar Unfug, weil Gleichheit am Ziel die Startchance, die ja doch beides einschließt, das Angebot, sie zu nutzen, und die Möglichkeit, sie auszuschlagen, sinnlos macht und nachträglich entwertet. Doch dieser Einwand zählt nicht bei den Gleichheitstheoretikern, denen Unterschiede aller Art zuwider sind. Ihr Bildungsideal ist nicht die Waldwiese mit ihren vielen bunten Blumen, sondern die sorgfältig gestutzte, gleichmäßig gemähte Rasenfläche, auf der alle Gräser gleich kurz, gleich grün und gleich langweilig sind.

Dies Ideal unterscheidet sich von den meisten anderen Idealvorstellungen aus dem sozialistischen Fundus dadurch, dass es sich verwirklichen lässt; wenn auch ein wenig anders als versprochen. Alle Schulen gleich gut zu machen, ist teuer; alle Schüler gleich erfolgreich aus ihr hervorgehen zu lassen, ist ganz und gar unmöglich. Schulen und Schüler gleich schlecht zu machen, ist dagegen sehr wohl möglich, ist ja auch oft genug und mit beträchtlichem Erfolg versucht worden; überdies spart es Geld, das nicht nur in Berlin knapp ist. Das Los ist billiger und garantiert die gleichmäßig gestutzte Rasenfläche verlässlicher als jede Auswahl.

Begründet wird das große Rasenmähen mit der Erfahrung, dass die familiäre Herkunft eines Kindes auf sein Abschneiden in der Schule durchschlägt und dergestalt dazu beiträgt, die Lebenschancen ungleich zu verteilen. Hier für Ausgleich zu sorgen und den Schlechtweggekommenen unter die Arme zu greifen, wäre denn auch die vornehmste Aufgabe des staatlich kontrollierten Schulwesens; die Frage ist nur, ob es dazu in der Lage ist. Die Antwort fällt schwer, und das beileibe nicht nur in Berlin. Wer hat denn die beschämenden PISA-Ergebnisse zu verantworten, wenn nicht der Staat und seine Schulaufsicht? Was sind die zahlreichen Privatschulen, die dem Massenansturm enttäuschter und verzweifelter Eltern längst nicht mehr gewachsen sind, anderes als ein einziges Misstrauensvotum gegen das staatliche Schulmonopol? Wovon lebt die florierende Nachhilfeindustrie, wenn nicht vom Ausgleich dessen, was das Staatsschulwesen zwar verspricht, aber offenbar nicht leistet?

Gläubige Sozialdemokraten scheinen Bildung als eine Art von Eigentum zu betrachten, das einer ihrer ideologischen Ahnherren einmal kurzerhand als Diebstahl bezeichnet hatte. Sie glauben oder geben vor zu glauben, dass der eine nur deshalb mehr davon besitzt, weil er es einem anderen vorenthalten oder weggenommen hat. Das ist natürlich Unsinn, denn keiner wird dadurch klüger, dass ein anderer dumm bleibt; wie umgekehrt auch niemand dadurch dümmer wird, dass sich ein anderer anstrengt und etwas lernt. Bildung ist keine Ware, die sich dadurch umverteilen lässt, dass der Staat Schicksal spielt und mit dem Los dem einen gibt, was er einem anderen verweigert. Vor 50 Jahren, als sie ihr Godesberger Parteiprogramm beschloss, hatte die SPD keine Mühe, Begabung und Leistung als Basis jeder anspruchsvollen Bildung zu betrachten. Inzwischen will sie davon offensichtlich nichts mehr wissen.

Konrad Adam wurde 1942 in Wuppertal geboren. Er studierte Alte Sprachen, Geschichte und Philosophie in Tübingen, München und Kiel. Mehr als 20 Jahre lang war er Redakteur im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", arbeitete dann für die "WELT" und für die "FAZ". Sein Interesse gilt vor allem Fragen des Bildungssystems sowie dessen Zusammenhängen mit der Wirtschaft und dem politischen Leben. Als Buchautor veröffentlichte er unter anderem "Die Ohnmacht der Macht", "Für Kinder haften die Eltern", "Die Republik dankt ab" sowie "Die deutsche Bildungsmisere. Pisa und die Folgen". Zuletzt erschien: "Die alten Griechen".

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