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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.10.2009

Chancen und Risiken der Nanotechnologie

Joachim Schummer: "Nanotechnologie", Suhrkamp 2009, 171 Seiten

Tumorzellen sind mit leuchtenden Nanopartikeln sichtbar gemacht worden. (Centrum für Angewandte Nanotechnologie)
Tumorzellen sind mit leuchtenden Nanopartikeln sichtbar gemacht worden. (Centrum für Angewandte Nanotechnologie)

Nein, es ist kein Hohelied, das Joachim Schummer hier auf die Nanotechnologie singt, ganz im Gegenteil. Erinnert wird am Anfang des Traktats an jene ausgewiesenen Förderausgaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für die Nanotechnologie im Jahr 2002. Da wurden innerhalb von fünf Monaten in zwei verschiedenen Berichten Unterschiede fixiert, die auf Wachstumsraten von über 200 Prozent hinausliefen.

Wir erfahren, dass dieser Steigerung keineswegs ein gewachsener Mittelzufluss zugrunde lag, sondern ein unterschiedliches Verständnis von Nanotechnologie; entsprechend dem Grundsatz: Enge Begriffe erzeugen kleine Budgets und kleine Märkte – weiter gefasste entsprechend größere. Wenn man Nanotechnologie nur in der Materialforschung ansiedelt, fällt der Rahmen entsprechend kleiner aus, als wenn unscharf von Forschung und Entwicklung auf atomarer und molekularer Ebene im Nanometerbereich gesprochen wird.

Darunter fällt sehr viel – fast alles. Schummer erwähnt den Boom der Umetikettierung, bei dem etablierten Forschungsbereichen ein "nano" angehängt wurde, ohne dass damit etwas Falsches gemacht wurde, aber eben auch nichts Neues, und der für ein hektisches Agieren steht.

Was steckt hinter diesem sonderbaren Prozess, der keineswegs nur national, sondern global ablief, und, wie erläutert wird, von Wissenschaftspolitikern und nicht von Wissenschaftlern vorangetrieben wurde? Antworten bietet der Autor durch seine wirklich erhellende Analyse der Geschichte, die sich vorwiegend auf die letzten 25 Jahre bezieht.

Zwei Daten stehen dabei im Vordergrund. Einmal ist es die Veröffentlichung von Kim Eric Drexlers Buch "Engines of Creation’s" im Jahre 1886, das über Jahre die Zukunftsfantasien bewegte und mit seinen nanoskaligen Robotern, die alles richten würden in dieser Welt, der Nanotechnologie eine Grundlage gab. Wie diese Ideen, angesiedelt in der Populärkultur, sich ausweiten konnten zu einer ernsthaften globalen Bewegung, gehört zu den spannendsten Erörterungen des Bandes. Auf diesem Weg ist ein zweites Datum wichtig. Im Januar 2000, gleichsam nach den Millenniumsfeierlichkeiten, gründete der amerikanische Präsident Clinton mit großem Werbeaufwand die Nationale Nanotechnologie Initiative, die schnell Nachahmung fand in fast allen Industrie- und Schwellenländern. Von einer dritten industriellen Revolution war und ist in diesem Zusammenhang die Rede und kein Land wollte da zurück bleiben.

Verbunden war diese Initiative mit einer starken Betonung der Interdisziplinarität, das heißt im damaligen Verständnis mit einer stärkeren Ausrichtung der Naturwissenschaften, aber auch der Geistes- und Sozialwissenschaften, auf technische Fragestellungen und allgemeiner auf die Verbesserung der menschlichen Leistungsfähigkeit. Zu diesem Schwenk passten hervorragend die Visionen der Populärkultur, die für eine breite Akzeptanz sorgten. Hier wirkt, so der Autor, das Spiel mit Grenzen, mit dem eine Neupositionierung von Wissenschaft und Technik in der Gesellschaft einhergeht. Die Nanotechnologie ist in diesem Sinne eine globale Bewegung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit geworden.

Was aber ganz offensichtlich zu kurz kam, war die engere Befassung mit nanotechnologischen Problemen seitens der Ethik, die weitgehend für die allgemeine Akzeptanzbeschaffung instrumentalisiert wurde. Konkret bei den Forschungen zu Nanopartikeln macht Schummer ein großes Missverhältnis zwischen dem Hype an Chancen und der Blindheit gegenüber Risiken aus. Was würde ein mittlerer Vergiftungsskandal auslösen? Sicher würde sich schnell eine größere Öffentlichkeit gegen die nanobenannte Forschung und Technik wenden und ziemliche Stürme in der öffentlichen Forschungslandschaft auslösen.

War der Nanotechnologie-Boom zu Anfang des neuen Jahrhunderts wissenschaftspolitisch initiiert, ist er nun zu einer wissenschaftlichen Bewegung mit enormen Folgen avanciert, die der Lenkung und Kontrolle bedürfte, die aber so einfach nicht in Sicht sind.

Schummers kritischer Blick auf die vielzitierte und hoch gelobte Nanotechnologie ist, eben weil er gut begründet ist, eine sehr nachdrückliche Aufforderung an alle, sich mit diesem folgenreichen Zukunftsmarkt verantwortungsvoll zu befassen.

Besprochen von Peter Kirsten

Joachim Schummer: Nanotechnologie. Spiele mit Grenzen
Suhrkamp 2009
171 Seiten, 10 Euro

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