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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.08.2011

CDU-Politiker fragt nach wahrem Grund für Boetticher-Rücktritt

Trutz Graf Kerssenbrock: Schleswig-Holsteinische CDU spielt "nicht immer ganz mit offenen Karten"

Trutz Graf Kerssenbrock im Gespräch mit Jörg Degenhardt

Christian von Boetticher (m.) nach seinem Rücktritt vom CDU-Frakionsposten in Schleswig-Holstein
Christian von Boetticher (m.) nach seinem Rücktritt vom CDU-Frakionsposten in Schleswig-Holstein

Der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete in Schleswig-Holstein, Trutz Graf Kerssenbrock, hält es für möglich, dass die Liebesaffäre mit einer 16-Jährigen nur ein Vorwand war, um den CDU-Spitzenkandidaten Christian von Boetticher zum Rücktritt zu bewegen.

Jörg Degenhardt: Die Christdemokraten zwischen den Meeren erleben derzeit stürmische Zeiten. Ihr künftiger Kapitän ist von Bord gegangen. Christian von Boetticher hat sich aus Gründen, die mittlerweile bis in den letzten Winkel der Republik diskutiert worden sind, von allen Ämtern getrennt. Neun Monate vor der Landtagswahl muss sich die CDU in Schleswig-Holstein personell neu aufstellen und sie hat bereits damit begonnen.

Beitrag von Dietrich Mohaupt

Degenhardt: Wir kommen noch mal auf das Thema von eben zurück: die Nord-CDU und ihre Probleme, sich neu aufzustellen beziehungsweise das, was die letzte Tage geschehen ist, zu verarbeiten. Trutz Graf Kerssenbrock saß für die Union fünf Jahre im Landtag zu Kiel. Er kennt sich bestens aus, wenn es um das Innenleben der Nord-CDU geht. Guten Morgen, ich grüße Sie!

Trutz Graf Kerssenbrock: Guten Morgen, sein Sie gegrüßt!

Degenhardt: Hat denn aus Ihrer Sicht Ihre Partei jetzt schon das Schlimmste überstanden?

Graf Kerssenbrock: Na, da bin ich nicht so ganz sicher, denn sie hat ja große Schwierigkeiten, auch wirklich einen neuen Fraktionsvorsitzenden zu finden, das ist gestern besonders deutlich geworden. Und auch Carstensen hatte ja vorgeschlagen, dass der neue Landesvorsitzende der Partei durchaus in einer Mitgliederbefragung ermittelt werden sollte, auch das will man nicht machen. Das wäre möglicherweise eine große Chance gewesen für die Partei, auch wieder zu sich selbst zu finden. Also das ist alles ein bisschen holprig im Moment noch.

Degenhardt: Sind Werte wie zum Beispiel Familie, Glaubwürdigkeit und Moral mit dem neuen Mann, mit de Jager, besser zu transportieren als mit von Boetticher, denn darum geht es doch?

Graf Kerssenbrock: Das kann sein. Ich sag jetzt mal, de Jager steht natürlich durchaus unangefochten in dieser Hinsicht da, da gibt es keine Fragestellung an ihn, aber ich bin offen gestanden auch nicht ganz sicher, ob das die wirklichen Motive waren für den Sturz Boettichers.

Degenhardt: Die "Süddeutsche Zeitung" sieht ja von Boetticher auch als ein Opfer schleswig-holsteinischer Verhältnisse, können Sie uns das erklären? Was ist das, schleswig-holsteinische Verhältnisse?

Graf Kerssenbrock: Na ja, es wird eben nicht immer ganz mit offenen Karten gespielt, es wird auch hintenrum durchgestochen, und möglicherweise sind eben die Motive derjenigen, die die Liebesaffäre da mit der 16-Jährigen offengelegt haben oder haben offenlegen lassen, nicht ganz die wahren Motive, denn es ist ja offenbar schon seit Monaten darüber spekuliert worden, ob Boetticher noch Landesvorsitzender und Spitzenkandidat bleibe. Ich bin beispielsweise schon im Juni von Journalisten darauf angesprochen worden, ob es denn halten und weiter dauern werde mit von Boetticher.

Degenhardt: Welche Lehren sollten Ihre Parteifreunde aus dem Geschehenen ziehen? Braucht Ihre Partei vielleicht auch eine andere Form der Begabten- oder Karriereförderung, sprich eine andere Nominierungskultur?

Graf Kerssenbrock: Ja, da wäre was dran, wobei von Boetticher ist kein Ausbund und kein Exponent der Jungen Union gewesen, der ist ja eben sehr, sehr schnell nach oben gekommen, und es war eigentlich eine große Chance auch mit ihm, auch vom Persönlichkeitsprofil her war er eine große Chance für die Partei, mit einem eben grausamen schrecklichen Fehler jetzt, den er begangen hat. Aber insgesamt muss man schon sagen, dass die Union – und ich meine, es steht auch heute in einer Zeitung – dass die Union den schweren Fehler gemacht hat, dass sie die Nachwuchsförderung völlig vernachlässigt hat und da nur Leute hochgekommen sind, die zwar Karriere machen wollen, die aber gerade den christlich-demokratischen Werten überhaupt nicht verpflichtet sind.

Degenhardt: Hat Ihre Partei nicht nur ein Problem mit dem Nachwuchs, sondern vielleicht auch speziell ein Problem mit dem weiblichen Nachwuchs? Das fällt ja auf beim Blick in die Nord-CDU, dass man da kaum Frauen findet. Schon gar nicht in entscheidenden Positionen.

Graf Kerssenbrock: Da kann ich nicht widersprechen, das ist völlig richtig, aber das kann man aus meiner Sicht auch nicht mit Frauenquoten beheben, das ist völliger Unsinn, sondern man muss tatsächlich auch sich den Themen stellen und über die inhaltlich diskutieren. Und die inhaltliche Diskussion ist in unserer CDU hier im Norden immer wieder verkümmert beziehungsweise nie richtig betrieben worden. Das ist auch ein Vorwurf, den ich Carstensen ganz dringend machen muss.

Degenhardt: Ist die Nord-CDU ein Ausnahmefall oder gibt es ähnliche Tendenzen, Probleme also bei der Nachwuchsgewinnung auch in der Bundes-CDU?

Graf Kerssenbrock: Nach meiner Beobachtung sind es dieselben Probleme in der Bundes-CDU, ist die Nord-CDU da keineswegs singulär.

Degenhardt: Und abschließende Frage: Können Sie sich eine Rückkehr des zurückgetretenen Spitzenkandidaten von Boetticher in ein Parteiamt vorstellen, in vielleicht ein, zwei, drei Jahren?

Graf Kerssenbrock: Na, so schnell vielleicht nicht, aber in ein paar Jahren kann ich mir das gut vorstellen.

Degenhardt: Das heißt, jetzt müsste man erst mal eine Schamfrist verstreichen lassen?

Graf Kerssenbrock: Das meine ich, ja.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Interview

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