Seit 23:05 Uhr Fazit
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 23:05 Uhr Fazit
 
 

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 07.05.2015

Caspar David FriedrichBilder von Hoffnung und Einsamkeit

Von Carmela Thiele

Besucher betrachten das Gemälde "Kreidefelsen auf Rügen" von Caspar David Friedrich während der Ausstellung "Die Erfindung der Romantik" im Museum Folkwang in Essen. (Imago/Marco Stepniak)
Zwei Menschen betrachten das Gemälde "Kreidefelsen auf Rügen" von Caspar David Friedrich. (Imago/Marco Stepniak)

Nur wenige Künstler des 19. Jahrhunderts haben die Gemüter so sehr bewegt wie Caspar David Friedrich. Der vor 175 Jahren gestorbene melancholische Einzelgänger trat mit einer neuartigen Malerei an - deren einzige Quelle das Herz sein sollte.

"Ich bin eine Zeit lang faul gewesen, von innen wollte nichts fließen; der Brunnen war versiegt, ich war leer; von außen wollte mich nichts ansprechen, ich war stumpf, und so glaubte ich am besten zu tun, nichts zu tun. Was nutzt uns am Ende das Arbeiten, wenn nichts damit gemacht wird?"

Dies schrieb Caspar David Friedrich aus Dresden an Johann Ludwig Gebhard Lund. Sein Freund aus Studientagen an der Akademie in Kopenhagen hatte ihn eingeladen, nach Rom zu kommen. Doch Friedrich sagte ab. Er fand seine Bildmotive jenseits der klassischen Künstler-Wallfahrtsorte, im Harz, im Riesengebirge, in seiner Heimatstadt Greifswald oder auf der Insel Rügen.

Obwohl er hin und wieder etwas verkaufte, war er lange Zeit gezwungen, seine Brüder um Unterstützung zu bitten. In diesem Jahr, 1816, hatte sich seine finanzielle Lage endlich gebessert. Der inzwischen 42-Jährige war in die Dresdner Akademie aufgenommen worden und erhielt ein kleines Gehalt. Der Skandal um sein erstes großes Auftragswerk, den Tetschener Altar, lag lange zurück. Friedrich hatte es gewagt, an die Stelle der Heiligen Familie eine Landschaft zu setzen. Dargestellt war zwar ein Kruzifix, aber nur aus der Ferne gesehen, auf einem Gipfel vor dramatisch verfärbtem Himmel. Friedrich lehnte es ab, Frömmigkeit zu illustrieren. Als Protestant wollte er sie erzeugen.

"Die einzig wahre Quelle der Kunst ist unser Herz, die Sprache eines reinen kindlichen Gemüts. Ein Gebilde, so nicht aus diesem Borne entsprungen, kann nur Künstelei sein. Jedes echte Kunstwerk wird in geweihter Stunde empfangen und in glücklicher geboren, oft dem Künstler unbewusst aus innerem Drange des Herzens."

Bilder ohne Skizzen

Voraussetzung war dennoch zeichnerisches Können. Während seiner Reisen fertigte er zahllose Skizzen an, von Felsen, Ruinen, Baumgruppen oder Küstenformationen. Diese dienten ihm dann als Bausteine seiner spontanen Bildkompositionen. Für seine Gemälde fertigte er keine Entwürfe an. Denn diese würden die Fantasie nur erkalten lassen. Friedrichs Freund, Carl Gustav Carus:

"Er fing das Bild nicht an, bis es lebendig vor seiner Seele stand. Dann zeichnete er erst flüchtig mit Kreide und Bleistift, dann sauber und vollständig mit der Rohrfeder und Tusche das Ganze auf und schritt hierauf zur Untermalung."

Auf diese Weise war auch eines seiner berühmtesten Bilder, der "Mönch am Meer", entstanden. Es zeigt einen schmalen sandfarbenen Uferstreifen, darüber ein ebenso schmales Band dunkelblauen Meeres, das von diffusem, sich in die Unendlichkeit ausdehnendem Licht überfangen ist. Eine winzige Gestalt am Strand kehrt dem Betrachter den Rücken zu. Acht Jahre später nimmt die Figur das Zentrum des Bildes ein. Der "Wanderer über dem Nebelmeer" wird zum Stellvertreter des Betrachters. Dieser soll dem Künstler in die Höhen romantischer Transzendenz folgen.

Konfrontiert mit den Dingen

"Er baut sein Bild nach bestimmten Gesetzen", sagt der Kunsthistoriker Werner Busch, "und diese Gesetze führen uns dazu, und die Rückenfigur verstärkt dies noch, dass wir vor einem solchen Bilde anfangen zu reflektieren. Wir werden aufgefordert, über das Gezeigte nachzusinnen. Und insofern ist das ein Modus, der nichts mit Erzählung und Entwicklung von links nach rechts zu tun hat, sondern wir sind mit diesen Dingen konfrontiert, und müssen uns letztlich unseren Reim selbst darauf machen.

Busch hat sich intensiv mit der zentralen Figur der deutschen Romantik auseinandersetzt:

"Und das ist das, was die Friedrich'schen Bilder auszeichnet. Wir ahnen, dass da etwas Besonderes dran ist; und durch diese Ahnung werden wir eigentlich an das Bild gefesselt."

Gelehrte wie Goethe, Schopenhauer oder Schleiermacher hatten Friedrich nach der Debatte um den Tetschener Altar in seinem kargen Atelier in Dresden besucht. Die Literaten der Jenaer Frühromantik kannten seine Werke. Der preußische König hatte den "Mönch am Meer" für seine Sammlung erworben. Das breite Publikum jedoch fühlte sich von seinen düsteren Bildern brüskiert. Der Maler war seiner Zeit zu weit voraus. Als Caspar David Friedrich am 7. Mai 1840 im Alter von 66 Jahren starb, hatte er keine Schule begründet. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann eine lebhafte Rezeption seines Werks, die bis heute nicht abgerissen ist.

Mehr zum Thema:

Dahl und Friedrich - Zwei Künstlerfreunde in Dresden 
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 04.02.2015)

Malerischer Weg
(Deutschlandfunk, Sonntagsspaziergang, 04.03.2012)

Kalenderblatt

Schriftsteller StendhalVorreiter des Realismus
(dpa / picture-alliance )

Es ist das Schicksal vieler großer Künstler: Auch für den französischen Schriftsteller Stendhal kamen Ruhm und Anerkennung erst nach seinem Tod. Heute zählt er zu den Vorreitern und wichtigsten Vertretern des Realismus. Seine Romane gehören zu den Klassikern der französischen Literatur. Am 23. März 1842, vor 175 Jahren, ist er gestorben.Mehr

Äquatortaufe vor 250 JahrenDie Weltumseglerin Jeanne Baret
(imago stock&people)

Vor 250 Jahren hat Jeanne Baret vermutlich als erste Frau überhaupt den Erdball umrundet. Als Mann verkleidet, schmuggelte sie sich an Bord der "L’Étoile", um an der ersten französischen Weltumsegelung teilzunehmen. Mit ihrem Geliebten, dem Botaniker Philibert Commerson, sammelte sie rund 6000 Proben. Ihr größte Entdeckung: die weltberühmte Bougainvillea. Mehr

Mythos und LegendeDie Indianerin Pocahontas
(dpa / picture-alliance / Disney)

Pocahontas ist seit dem gleichnamigen Disney-Film in der ganzen Welt bekannt. Über Jahrhunderte schufen Dichter und Romanciers, Maler und Filmemacher eine Legende. Dabei galt sie in den USA einst als Idealbild eines angepassten Ureinwohners. Vor 400 Jahren wurde sie begraben.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur