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Tonart | Beitrag vom 07.01.2016

Canto a Tenore auf SardinienDas Geheimnis eines uralten Gesangs

Von Thorsten Bednarz

Das sardische Vokalquartett Tenores di Bitti "Mialinu Pira" steht in traditioneller Kleidung auf einer Bühne. (picture alliance / dpa / Pawel Supernak)
Das sardische Vokalquartett Tenores di Bitti "Mialinu Pira" (picture alliance / dpa / Pawel Supernak)

Der Canto a Tenore ist eine der ältesten Gesangsformen Europas und gehört zum immateriellen Weltkulturerbe. Doch Experten sind sich uneins, was diese Musik aus Sardinien genau ist: Obertongesang oder Polyphonie? Elena Ledda, eine der führenden sardischen Sängerinnen, sieht eine ganz andere Kategorie.

Pocos, locos e mal unidos – so beschrieben die Spanier, die einst Sardinien beherrschten, das Inselvolk. Also wenige, verrückte und ohne Zusammenhalt. Zumindest Letzteres, könnte man meinen, gilt auch für den Canto a Tenore, denn Fachleute wie Musikern und Ethnologen bestätigen immer wieder, dass es den in einer Reinform gar nicht gibt. Früher hatte jedes Dorf seinen eigenen Canto und der wiederum unterschied sich deutlich vom Volkslied und dem kirchlichen Gesang. Nur in einem waren sich alle einig: Dieser Gesang muss älter sein als das typische sardische Volksinstrument, die Launedda, eine Dreifach- oder manchmal auch nur Doppelpfeife - und diese ist seit immerhin 3000 Jahren auf der Mittelmeerinsel nachgewiesen.

Die sardinische Folksängerin Elena Ledda beschäftigt sich schon lange mit der Canto a Tenore:

"Die Schäfer hatten damals keine Möglichkeit, Musik zu hören oder zu spielen. Wenn sie mit den Schafen loszogen, dann blieben sie für ein halbes Jahr auf den Weiden in den Bergen und kamen nicht mehr nach Hause. Und weil sie keine Instrumente hatten, haben sie mit ihren Stimmen ein Orchester gebildet, um gemeinsam zu singen oder zu tanzen. Aus dieser Zeit stammen auch die wichtigen Tanzrhytmen. Jedes Dorf hatte eigene Rhythmen und einen eigenen Gesang. Heute klingen alle gleich. Aber bis vor 40 oder 50 Jahren hatten die Sänger aus Bitti und die aus Lodè nichts gemein. Das Grundgerüst war zwar das gleiche, aber sie hatten alle ihren sofort erkennbaren eigenen Stil."

Musikwissenschaftler sind sich allerdings uneins, wie sie diesen Gesang bezeichnen sollen. Einige bezeichnen ihn als polyphone Gesangsform, andere meinen auch Elemente des Kehlkopf- oder Obertongesanges darin zu hören. Elena Ledda hat da noch eine andere, dritte Lösung parat: polyvocal.

"Polyvocal bedeutet, es sind vier solistische Gesangsstimmen, die sich vereinigen. Wenn man sie getrennt hört, stehen auch alle Stimmen für sich allein. Die Chorvariante 'Mesu Oche' kann man auch immer allein hören, und im Prinzip wird auch so gesungen. Polyvocal – es sind vier unterschiedliche Vocalisten, die zusammentreffen."

Frank Zappa war ein großer Bewunderer des Canto a Tenore

Aber dennoch gibt es in diesem Gesang strenge Regeln, die eingehalten werden, wie etwas die Besetzung. So besteht jeder Chor aus vier Sängern in unterschiedlichen Lagen: dem Bassu, dem Contra (etwa Bariton), Mesu Oche (Alt) und dem Vorsänger Oche.

"Der Bass singt die gleiche Note wie der Solist. Nehmen wir mal D-Dur, dann singt der Bass das tiefe D und der Solist beginnt beim hohen D. Zwischen dem Bassisten und dem Solisten gibt es den Contra. Der beginnt eine Quinte über dem tiefen D oder auch eine Quarte unter dem hohen. Der Mesu Oche ist die höchste Stimme und der liegt über der Stimmlage des Solisten. Und der beginnt, entsprechend dem Dorf aus dem er kommt, eine Terz eine Quinte oder manchmal auf eine Septime über dem Solisten. Kommt er aus Lodè, dann ist es immer die Septime, das machen sonst keine anderen Sänger.

Der Solist Mesu Oche ist der einzige, der frei seinen Gesang variiert. Aber auch der Ablauf ist genau vorgeschrieben. Am Anfang geht es immer einen Ton runter und danach wieder nach oben. Immer. Niemals werden sie am Anfang einen Ton nach oben gehen und dann wieder runter. Und wenn du als Mesu Oche diesen Ton herunter gehst, dann antwortet der Chor auf eine ganz bestimmte Weise."

An diesen ehernen Gesetzen hat sich bis heute kaum etwas verändert, auch wenn sich die Unterschiede zwischen den Sängern aus verschiedenen Dörfern mehr und mehr angleichen. Daran ändern auch die vielen Versuche nichts, den Canto a Tenore mit anderen Musikstilen zu verbinden.

Die Band Tazenda etwa kombinierte einige Elemente daraus mit Pop. Frank Zappa war ein großer Bewunderer dieses Gesanges und die Tenores di Bitti arbeiteten auch mit Lester Bowie oder Ornette Coleman zusammen. So lebt diese Tradition weiter, die vor über 3000 Jahren begann und an deren Anfang die Schäfer auf den einsamen Weiden in den Bergen Sardiniens standen.

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