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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 23.07.2015

Cannabis-TherapieLetzte Hoffnung für kranke Kinder

Von Giusi Valentini

Cannabis-Pflanze in der Nähe der nordisraelischen Stadt Safed (dpa / picture alliance / Abir Sultan)
In der Cannabis-Pflanze steckt auch eine gute Portion Medizin. (dpa / picture alliance / Abir Sultan)

Hanf ist nicht nur ein Rauschmittel, sondern eine Heilpflanze. Nach der Therapie mit Cannabis-Öl schafften es Kinder, den Rollstuhl zu verlassen oder epileptische Anfälle zu reduzieren. Doch wer es in den USA kauft, muss mit Konsequenzen rechnen.

"Ich bin eine Mutter und benutze Cannabis für meinen Sohn. Er ist 15 Jahre alt und wir brauchen kein Gesetz, das uns es verbietet. Jeder soll Zugang zur Hanf-Pflanze haben. Nicht nur wir in Colorado. Deswegen setzen wir uns für eine bundesweite Legalisierung ein."

Eine Mutter benutzt Cannabis für ihren Sohn. Das klingt erstmal skurril, zumal ich beim größten Marihuana-Festival der USA bin.

Aber Wendy Turner ist nicht am Kiffen interessiert. Sie hat nie in ihrem Leben geraucht und bis vor einem Jahr war Cannabis für sie eine Einstiegsdroge. Bis die Krankheit ihres Sohnes sie mit der Hanf-Pflanze zusammenführte. Coltyn leidet an einer schweren Darmerkrankung, die sie mit Cannabis-Öl behandelt:

"Wir hatten alle Medikamente ausprobiert. Die Nebenwirkungen waren furchtbar. Coltyn war am Ende, saß nur im Rollstuhl oder auf der Couch. 24 Stunden am Tag. Zu Fünft haben wir unser Hab und Gut gepackt und sind nach Colorado gezogen. Vier Monate später, ist Coltyn bis auf die Spitze der Blue Mountain geklettert. Das war das erstaunlichste, was ich jemals erlebt habe."

Seitdem Coltyn ein paar Tropfen Öl unter seine Zunge träufelt, braucht er keinen Rollstuhl mehr. Er ist ein normaler Teenager geworden, geht zur Mall, hängt mit seinen Freunden rum. Die Geschichte von Wendy Turner berührt mich. Die ganze Familie hat ihr Zuhause verlassen, nur damit Coltyn Zugang zum Cannabis-Öl haben darf. Das wird in Denver produziert, und sie sind nicht die einzigen medizinischen Flüchtlinge in Colorado.

Patienten, Familien und Ärzte berichten von positiven Ergebnissen

Seit der Legalisierung, hat sich beim medizinischen Hanf viel getan. Bisher gibt es keine Studien über den Einsatz von Öl, doch Patienten, Familien und Ärzte berichten von positiven Ergebnissen. Auch bei epilepsiekranken Kindern. Das "Charlottes Web"-Öl wurde nach der ersten Patientin genannt. Charlottes Mutter, Paige Figi, war kurz davor, ihr Kind zu verlieren:

"Sie war fünf Jahre alt und ich hatte alles andere ausprobiert. Charlotte war permanent in einem katatonischen Zustand. Mit der ersten Dosis wurden Charlottes epileptische Anfälle schlagartig reduziert. Alle 30 Minuten hatte sie einen Anfall, bis zu 1.200 pro Monat. Heute sind es nur zwei pro Monat. Alleine durch das Cannabis-Öl, das sie seit drei Jahren nimmt. Und keine anderen Medikamente."

Von 1.200 auf zwei Anfälle pro Monat. Durch ein paar Tropfen Cannabis-Öl. Wie geht das?

"Charlottes Web" enthält einen hohen Anteil an CBD, Cannabidiol. Dieser Wirkstoff wird von bestimmten Rezeptoren im Körper aufgenommen und wirkt nachweislich entspannend und entzündungshemmend. Dadurch hilft CBD bei vielen Krankheiten, wie Krebs, Multiple Sklerose und Epilepsie. Die psychoaktive Substanz, die Rauschzustände bewirkt, heißt THC. Davon enthält Charlottes Web weniger als 0,3 Prozent, und gilt damit als Ernährungszusatz. Denn selbst wenn einzelne Staaten Cannabis legalisieren, stellt das US-Bundesgesetz immer noch Heroin und Cannabis gleich. Also hat nicht jeder Zugang dazu.

Das sei inakzeptabel, sagt Paige Figi. Sie kämpft darum, den Status der Hanf-Pflanze im Bundesgesetz ändern zu lassen.

"Hier geht es um ein Menschenrecht. Ich konsumiere kein Marihuana, ich will es nicht als Genussmittel durchsetzen. Es ist ein Hanf- und CBD-Gesetzentwurf. Ich kämpfe für ein kleines, krankes Lebewesen, das alleine nicht kämpfen kann. Ich bin hier nur für mein Kind."

Viele Familien sind extra für das Öl nach Colorado gezogen

Es fällt schwer, Kinder und Cannabis miteinander in Verbindung zu bringen. Obwohl es eine medizinische Pflanze ist. Unter "Realm of Caring" einem Non-Profit Netzwerk, versammeln sich circa 2.000 Familien. 500 davon sind extra nach Colorado gezogen, aus den USA, aber auch aus Spanien oder Südafrika. Alle anderen nehmen das Cannabis-Öl mit nach Hause.

Das ist nicht nur illegal, sondern strafbar. Für manche ist es aber die letzte Hoffnung. Auch für einige Deutsche, sagt Heather Jackson, Gründerin von Realm of Caring:

"Wenn das Cannabis-Öl in Deutschland nicht verfügbar ist, dann haben sie keine andere Option. Ich kann ihre Entscheidung nachvollziehen, das Öl mitzunehmen. Wir betreiben eine 'frag nicht, sag nichts' Politik. Aber ich weiß, den Kindern geht es besser. Und ich bin froh darüber, wenn es so ist."

Ganz schön riskant, zumal das Cannabis-Öl nicht bei allen Kindern anschlägt. Doch täglich kommen neue Mitglieder dazu. Krebs- und Schmerzpatienten, Kinder so wie Erwachsene. Solange Cannabis verboten ist, wird die klinische Erforschung der Pflanze immer wieder erschwert. Sogar in den USA, wo medizinisches Marihuana in der Hälfte der Landes zugelassen ist.

Auf meiner Rückreise nach Europa, frage ich mich: Wie viele Eltern, haben schon mal in diesem Flieger Angst gehabt, erwischt zu werden? Dabei geht es um den Zugang zu einer Pflanze, die anscheinend mehr zu bieten hat als den Rausch.

Mehr zum Thema:

Drogenpolitik - Cannabis statt Pkw-Maut
(Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 17.07.2015)

Medizinalhanf - Teures Cannabis aus der Apotheke
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