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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.06.2014

Burschenschafter"Rechte Szene braucht Führungspersonal"

Kritiker der Deutschen Burschenschaft über die Radikalisierung des Dachverbandes

Christian Becker im Gespräch mit Joachim Scholl

Die Deutsche Burschenschaft trifft sich am Freitag (17.06.2011) in Eisenach zum Festakt auf der Wartburg. (dpa / Martin Schutt)
Burschenschafter in Eisenach 2011 (dpa / Martin Schutt)

Inzwischen treten sogar Burschenschafter auf CSU-Linie aus dem Dachverband aus, berichtet Christian Becker, Gründer der Initiative "Burschenschafter gegen Neonazis". Tonangebend seien nun rechts stehende Sympathisanten und Aktivisten von AfD und NPD.

Joachim Scholl: An diesem Wochenende beginnt in Eisenach der Burschentag, das Verbandstreffen der Deutschen Burschenschaft. Etliche Verbindungen werden nicht mehr dabei sein, sie haben den Verband verlassen aus politischen Gründen. Ihr Vorwurf: Immer weiter rückt die Deutsche Burschenschaft nach rechts. Am Telefon begrüße ich nun einen dieser Kritiker, Christian Becker. Er hat die Initiative "Burschenschafter gegen Neonazis" gegründet, war früher selbst Mitglied der Burschenschaft der "Raczeks zu Bonn". Guten Morgen, Herr Becker!

Christian Becker: Guten Morgen, Herr Scholl!

Scholl: Beim letzten Burschentag kam es zu einer förmlichen Welle von Austritten. Herr Becker, was ist eigentlich daraus geworden? Sind jetzt alle liberalen Verbindungen weg?

Becker: Die liberalen Burschenschaften sind schon länger eigentlich weg. In den letzten Jahren sind so die liberal-konservativen ausgetreten, also so auf CDU-Linie. Und seit dem letzten Burschentag treten eben auch jetzt neuerdings konservative Burschenschaften aus, die ich mal so Richtung CSU oder sogar rechter einsortieren würde. Und das sind mittlerweile, seit 2012, über 40 Burschenschaften. Zurück bleiben noch knapp um die 60 Burschenschaften.

Scholl: Und was ist da jetzt die Couleur? Wie ist die politische Ausrichtung? Wenn Sie sagen, jetzt gehen sogar die Rechten weg, da hätte man ja gedacht, die Rechten, die strammen, die bleiben und bestimmen jetzt den Kurs.

Becker: Austreten tun die Konservativen, wie gesagt, eben auf CDU/CSU-Linie, und jetzt bleiben zurück diejenigen, die weiter davon rechts sind. Es gibt da mittlerweile ganz viele zum Beispiel AfD-Politiker in Reihen der Deutschen Burschenschaft. Der Sprecher der Deutschen Burschenschaft ist zum Beispiel gerade in Dresden ins Kommunalparlament eingezogen, und es gibt auch zum Beispiel in Sachsen diverse NPD-Burschenschafter, die dort im Landtag sitzen. Das ist sozusagen das Couleur, was jetzt zurückbleibt, auch wenn natürlich nicht alle in einer Partei organisiert sind.

Scholl: Nun hat man schon früher, noch in meinen Studienzeiten in den 1980er-Jahren ja selten das Wort Burschenschaft überhaupt mit liberal zusammengebracht. Für uns waren das konservative Spießer, die sich vor allem bis zur Bewusstlosigkeit besaufen. Das war ja aber immer noch nicht rechts. Wieso hat sich Ihrer Meinung nach die Deutsche Burschenschaft aber genau in diese Richtung entwickelt?

Masterplan der NPD brachte ersten Rechtsruck

Becker: Die Entwicklung begann tatsächlich Mitte der 90er-Jahre, als bei vielen Burschenschaften es massive Nachwuchsprobleme gab, da gab es sozusagen den ersten Rechtsruck, der dann damals tatsächlich auch durch eine Art Masterplan eines NPD-Chefideologen eingeleitet wurde, der dazu aufgerufen hat, dass Rechte und ganz Rechte tatsächlich in Burschenschaften eintreten, um deren Gelder, Häuser und Strukturen zu nutzen. Dann traten die ersten ein, und so seit zehn Jahren kann man den weiteren Rechtsruck verfolgen, weil sozusagen das Publikum, was eingetreten ist, weiteres rechtes Publikum dann nachzieht.

Und wie man ja auch in der sonstigen rechten Szene sieht – da gibt es ja ganz verschiedene Ausrichtungen, und die spiegeln sich jetzt auch tatsächlich in Burschenschaften wider, wie gesagt. Also es gibt heute auch ganz viele Kameradschafter, die mittlerweile Burschenschaftenmitglied sind. Gerade ist zum Beispiel aktuell in Marburg ein Kameradschafter aufgefallen, der wegen Hakenkreuzschmierereien verurteilt worden ist. Und das ist also neues Klientel, was es so zu Ihrer Studienzeit wahrscheinlich noch nicht so gab. Und was jetzt in den letzten Jahren die Politik auch der Burschenschaften immer stärker prägt.

Scholl: Die rechte Szene akademisiert sich. Das war so ein Schlagwort, das man im vergangenen Jahr im Umfeld des Burschentags hören konnte. Hat sich dieser Trend dann also verstärkt?

Becker: Dieser Trend der Akademisierung der rechten Szene verstärkt sich in den letzten Jahren ganz stark, einfach, weil die rechte Szene, sei es nun parteipolitische rechte Szene oder auch nicht organisierte rechte Szene, die braucht Führungspersonal. Und wenn man das analysiert, hat eben ganz viel von dem Führungspersonal eben mittlerweile einen Uni-Abschluss. Und ganz viel von diesem Führungspersonal haben auch – sind entweder Burschenschafter oder sind im direkten Umfeld von Burschenschaften. Zum Beispiel ein Vorstandsmitglied der NPD-Jugendorganisation ist Mitglied einer Burschenschaft auch, so als Beispiel.

Scholl: Das heißt, die rechte Szene nobilitiert sich sozusagen über diesen Weg?

Becker: Auf jeden Fall. Das ist eine Entwicklung, die auch Universitäten mit Sorge betrachten. Es gibt bisher eine einzige Uni, die gegen diesen Trend auch tatsächlich vorgeht, nämlich die Uni Bielefeld. Die hat ein Programm gestartet, "Uni gegen Nazis", und bezieht sich dabei auch explizit auf Burschenschafter, die an der Uni in Bielefeld studieren.

"Leben in der Parallelwelt"

Scholl: Ich habe mich gefragt, wie es eigentlich sein kann, dass solche rechte akademische Fraktionen doch so stark werden und anscheinend auch an Bedeutung gewinnen, wo doch die Universitäten bevölkert zu sein scheinen von linken Antifa-Initiativen. Die müssten doch eigentlich ständig auf der Straße sein?

Becker: Als rechter Burschenschafter leben Sie in einer Parallelwelt. Da haben Sie eigentlich relativ wenig Kontakt während Ihres Studiums mit anderen Studienkollegen. Das ist ja auch einerseits das Charmante, dass man wie so einen eigenen, abgeschlossenen Kokon hat, aber andererseits natürlich auch die Gefährdung, dass sich innerhalb dieses Kokons dann so ein rechtes Gedankengut ausbreiten und eben auch verstärken kann. Die Antifa in Deutschland ist eigentlich relativ zurückhaltend, wenn man es zum Beispiel eben mit der Antifa in Österreich vergleicht, die ja eben massiv stärker auch mobilisiert auch gegen Burschenschaften, auch was daran liegt, dass eben dort ja Burschenschafter im Parlament sitzen und wahrscheinlich ja ab 2018 auch die Regierung stellen werden.

Scholl: Die Deutsche Burschenschaft trifft sich in Eisenach. Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit Christian Becker von der Initiative "Burschenschafter gegen Rechts". Mittlerweile hat auch der Verfassungsschutz die Ohren in Richtung Deutsche Burschenschaft gestellt, Herr Becker. Drei Verbindungen des Verbandes werden mittlerweile beobachtet. Vor einem Jahr war es nur eine. Heißt das, dass auch die Behörden aufgewacht sind?

Becker: Wir begrüßen natürlich, dass Verfassungsschutzämter sich des Themas Burschenschaft annehmen, weil wir denken, dass nur über Politik und auch über Behörden auch entsprechender Druck ausgeübt werden kann. Natürlich auch über Öffentlichkeit, aber im Endeffekt ist sozusagen der Druck des Staates das Entscheidende bei dem Thema. Und der Verfassungsschutz hat sich jahrzehntelang bei dem Thema sehr zurückgehalten, und wie Sie schon sagten, ist jetzt innerhalb des letzten Jahres sozusagen das Interesse sprunghaft angestiegen – vor einem Jahr nur eine Burschenschaft beobachtet, jetzt mittlerweile drei. Das ist für Behörden schon ein erstaunlich waches Interesse.

Scholl: Wie ist überhaupt die politische Reaktion auf die Burschenschaften? Früher war klar, das sind alles potenzielle CDU- und CSU-Mitglieder. Sie haben vorhin schon erwähnt, die AfD bekommt jetzt eine neue Attraktivität auch für Burschenschafter – hört man da was auch von seiten der Politik?

Becker: Das ist sehr unterschiedlich, und unterm Strich ist es schon noch sehr, sehr zurückhaltend, weil es sicherlich auch daran liegt, dass es zum Beispiel in CDU-Kreisen natürlich viele liberale und auch konservative Burschenschafter gibt, die nicht mehr im Verband sind. Aber das führt natürlich zu gewissen Beißhemmungen auch gegenüber rechten Burschenschaftern, weil Burschenschafter untereinander eben schon sehr, sehr starke Beißhemmungen haben, um das jetzt mal so zu sagen. Da wäre es schon wünschenswert, dass Politik deutliche aktiver auch wird, also was damit anfängt, dass kein Politiker mehr bei einer rechten Burschenschaft einen Vortrag hält.

"Plötzlich erwachtes Interesse an der AfD"

Scholl: Wenn dieser Trend nach rechts so evident sind, wie Sie sagen, Herr Becker, dann müsste doch die NPD hier ein tolles Revier haben. Hat sie aber nicht, oder?

Becker: Also die NPD gab ja – vor einigen Jahren gab es mal den Versuch, dass sie näher an Burschenschaften heranrückt, wie zum Beispiel eben diese beiden Burschenschafter, die im sächsischen Landtag sitzen, Jürgen Gansel und Arne Schimmer. Aber die Strategie war jetzt nicht so erfolgreich, was sicherlich einfach auch mit dieser Radikalität der NPD zu tun hat, die ja im Endeffekt jetzt zum Verbotsverfahren geführt hat. Das war dann vielen Burschenschaftern, die so in bürgerlichen Berufen, sei es nun Arzt oder Jurist, sind oder auch in der Politik sind, dann doch etwas heikel. Daher hat man sich da zurückgehalten. Und umso auffälliger ist eben so dieses plötzlich erwachte Interesse an der AfD, wo ja in der letzten Zeit tatsächlich diverse DB-Burschenschafter auch in AfD-Ämtern entdeckt wurden.

Scholl: Sie, Herr Becker, waren früher Mitglied bei den "Raczeks zu Bonn". Man hat Ihnen dann intern ordentlich die Hölle heiß gemacht wegen Ihrer Initiative "Burschenschafter gegen Neonazis", hat Sie als Nestbeschmutzer und Verräter bezeichnet und Sie schließlich dann auch aus der Burschenschaft und halt der Verbindung ausgeschlossen. Ich hab mich gefragt, was hat einen Mann wie Sie eigentlich in so einer Verbindung gehalten. War das die alte freiheitliche Idee von anno 1830, 1848, wo Burschenschafter ja für den Fortschritt, für die Rebellion auch und für die Freiheit galten? War das noch so diese alte Tradition, oder was war es?

Becker: Man muss ganz klar differenzieren bei Burschenschaften. Es gibt ungefähr 20.000 Burschenschafter in Deutschland, davon sind ungefähr 1.000 ganz rechts, mindestens. Der Rest, ungefähr 19.000, sind SPD-Wähler oder CDU-Wähler, die im Durchschnitt aber schon politisch sehr interessiert und auch engagiert sind. Und das hat mich damals auch schon so an der Burschenschaft fasziniert, dass man so im Kleinen dort auch etwas fürs Leben dann auch lernen kann. Und das ist tatsächlich auch so – eine Burschenschaft ist schon so ein kleiner Kosmos, wie so eine kleine Partei oder ein kleines Parlament auch, wenn das Ganze im ordentlichen Rahmen dann auch läuft. Und das hat schon eine prägende Wirkung auch auf – also, ich muss dann sagen, dass es auch auf mich heute noch prägend wirkt. Also das Engagement, was ich sozusagen jetzt an den Tag lege gegen die Rechtsextremen unter den Burschenschaftern, das hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich eben in der Burschenschaft so geprägt worden bin, mich politisch zu engagieren.

Scholl: Immer politisch aktiver, immer rechter – die Deutsche Burschenschaft trifft sich zum Burschentag in Eisenach, und wir haben die Einschätzung von Christian Becker gehört. Er ist Sprecher der Initiative "Burschenschafter gegen Neonazis". Besten Dank für das Gespräch, Herr Becker!

Becker: Ich danke Ihnen, Herr Scholl, für Ihr Interesse!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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