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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.03.2015

Burnout bei Kindern"Die Symptome der Erschöpfung sind alarmierend"

Der Psychiater Michael Schulte-Markwort im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Eine junge Frau rauft sich vor einer Schultafel die Haare. (imago/blickwinkel)
Überfordert in der Schule? Leistungsdruck und hohe Erwartungen von Eltern treiben immer mehr Schüler an den Rand der Überforderung. (imago/blickwinkel)

Unterricht, Nachhilfe, Sport, Musikschule - und dazu überfürsorgliche Eltern: Immer mehr Kinder leiden unter Überlastung, die nicht selten zu Erschöpfungsdepressionen führt. Für den Psychiater Michael Schulte-Markwort trägt die Ökonomisierung des Lebens eine Hauptschuld am Dauerstress.

Verzweiflung, Sorge um die Zukunft, Versagensängste: Diese Gefühle verbindet jene jungen Patienten, die der Psychiater Michael Schulte-Markwort am Universitäts-Klinikum Hamburg-Eppendorf behandelt. Ihre Schicksale beschreibt er in seinem Buch "Burnout Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert".

Schulte-Markwort sieht die Schule als den Ort in unserer Gesellschaft, in dem sich das Prinzip Leistung auf ungute Weise verdichtet - am Ende für Kinder und Lehrer. Der Psychiater wünscht sich eine konstruktive und nicht vorwurfsvolle Debatte darüber, welche Kinder wir eigentlich haben wollen. Und welche Werte wir ihnen vermitteln.


Das vollständige Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Manchmal kann man sich nur wundern, wie viele Termine schon Kinder haben. Fünf Tage Schule, vielleicht noch Nachhilfe und/oder Musikunterricht, Üben, Sportverein, Üben, Turniere am Samstag, scheeler Blick auf die Zeugnisse, Pubertät, Mitschüler, Lehrer, Eltern – alles zu viel. Wenn Kindern niedergeschlagen sind, wenn sie weinen, an sich zweifeln, nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, krank werden, krank sind, an Erschöpfung und Depressionen leiden und ärztliche Hilfe benötigen. Michael Schulte-Markwort ist Kinderpsychiater und ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im UKE, also im Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf, und er hat jetzt ein Buch geschrieben mit dem Titel "Burnout-Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert." Und er ist jetzt in Hamburg am Telefon. Guten Morgen!

Michael Schulte-Markwort: Guten Morgen, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Sie schreiben, dass Sie nicht gerne übertreiben, besonders, weil Burnout ja bekanntlich so eine Art Modewort, so eine Art Modekrankheit geworden ist. Nun haben Sie jahrelang darüber nachgedacht, sich öffentlich zu Wort zu melden und haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, so steht es in Ihrem Buch. Warum jetzt? Warum ist jetzt die Zeit reif dafür?

Erschöpfung, Verzweiflung, Versagensängste

Schulte-Markwort: Die Antwort darauf haben mir letztlich die Kinder selber gegeben. Ihre Symptome der Erschöpfung sind so alarmierend, dass ich mich doch verpflichtet fühle, mich zu ihrem Sprachrohr zu machen. Eine erschöpfte Gesellschaft produziert erschöpfte Kinder. Und ein bislang im Kinder- und Jugendalter unbekanntes Krankheitsbild ist in der Kindheit angekommen, und ich meine, es verlangt Antworten von uns Erwachsenen.

von Billerbeck: Wie kommt es eigentlich dazu, dass schon Kinder ausgebrannt sind und an so einer Erschöpfungsdepression – was ist das überhaupt – leiden?

Schulte-Markwort: Burnout ist eigentlich ein Sammelbegriff für Erschöpfungszustände, die unterschiedlich aussehen können. Aber an deren Ende steht oft als Endpunkt die Erschöpfungsdepression. Und die unterscheidet sich in ihren Symptomen nicht von anderen Formen der Depression.

von Billerbeck: Sie berichten in Ihrem Buch über fünf Schicksale – was verbindet diese Kinder und Jugendlichen?

Schulte-Markwort: Diese Schicksale der von mir im Buch beschriebenen Patienten sind verbunden über ein Gefühl der Erschöpfung und Verzweiflung. Alle Kinder und Jugendlichen, die in meinem Buch vorkommen, sind in großer Sorge um ihre Zukunft. Sie haben Angst, zu versagen. Sie wissen nicht, wie ihr Leben gut weitergehen soll. Streng genommen ist es von diesen fünf Kasuistiken, die zunächst beschrieben werden, sind es eigentlich nur zwei Jugendliche, die die Kriterien für Burnout im Sinne einer Erschöpfungsdepression erfüllen, aber ich wollte auch die unterschiedlichen Arten und vor allem auch die unterschiedlichen Schweregrade illustrieren. Deswegen gibt es unterschiedliche Fallgeschichten.

von Billerbeck: Gibt es denn nun für diese Erschöpfungsdepression besonders schwerwiegende Ursachen, oder ist das so eine Art Mischmasch aus ganz vielen Überforderungen der Kinder?

In der Schule verdichten sich die Anforderungen

Schulte-Markwort: Es gibt sicherlich nicht einen Grund oder den Grund. Am Ende ist es ein ganzes Puzzle, das sich aus verschiedenen Einzelteilen zusammensetzt. Allerdings spielt die Schule als der Ort in unserer Gesellschaft, in dem sich das Prinzip Leistung der kindlichen Welt verdichtet, eine besondere Rolle. Die Schule oder die Schulen, glaube ich, sind der Kumulationspunkt, in dem sich das Burnout verdichtet, am Ende für Kinder und Lehrer.

von Billerbeck: Nun bekommen Sie die Kinder als Patienten zu sich in die Klinik, in die Sprechstunde, in die Krankenzimmer. Und Sie sagen, die Schule ist sozusagen der Punkt, wo am meisten Leistung gefordert wird und wo Kinder auch überfordert werden. Das heißt, Sie sind ja dann möglicherweise in der Situation, dass sie als Psychiater eben Ihr Krankenhaus verlassen müssen und in die Schulen gehen müssen und sagen, Jungs, was macht ihr da, ihr müsst mit den Kindern anders umgehen.

Schulte-Markwort: Also ich wünsche mir eine neue und vor allem konstruktive und nicht vorwurfsvolle Debatte darüber, welche Lehrer wollen wir für unsere Kinder, welche Pädagogik, welche Schulen auch. In welchem Zustand sollen Schulen sein? Ganz am Ende steht auch natürlich die Frage, welche Kinder wollen wir eigentlich haben. Welche Werte wollen wir ihnen vermitteln?

von Billerbeck: Gehen Sie dann in Schulen und sprechen mit Lehrern?

Schulte-Markwort: Ich bemühe mich sehr oft, soweit es mein Kalender zulässt, in Schulen zu sein. Das sind unterschiedliche Themen, über die ich dann mit Lehrern spreche. In der Regel geht es darum, dass Kinder mit Teilleistungsstörung einen spezifischen Nachteilsausgleich brauchen. Das ist ein Spezialthema. Es häufen sich aber in der letzten Zeit durchaus auch Anfragen von Schulen und auch von Elternvertretern, dass ich über Erschöpfungssymptome und -syndrom im Kindesalter sprechen soll.

von Billerbeck: Die Schule ist der eine Ort, an dem solche Leistungsüberforderungen stattfinden. Der andere ist ganz sicher die Familie. Das Schlagwort lautet Helikoptereltern, also Eltern, die ihre Kinder pausenlos umkreisen und um alles sich kümmern, die Kinder bespaßen, die Kinder fordern – was machen die falsch?

Überfürsorge führt zu Sorgen, Ängsten und Unselbstständigkeit

Schulte-Markwort: Das Besondere ist, überbesorgte Eltern trauen ihren Kindern eigentlich nicht zu, dass sie ihren eigenen Weg finden. Und das entmündigt die Kinder, das pflanzt bei den Kindern übermäßige Sorgen, Angst und auch Unselbstständigkeit ein. Und dadurch führt dann diese Überfürsorge zu dem, was sie eigentlich am dringendsten verhindern wollte.

von Billerbeck: Das heißt, das Wort Fürsorge muss ganz anders definiert werden?

Schulte-Markwort: Ich bin ein großer Anhänger des Begriffs Fürsorge, der ja so ein bisschen altdeutsch klingt, aber eigentlich etwas Wunderbares ausdrückt, nämlich für jemanden sorgen. Und ich bin sehr dafür, dass Eltern fürsorglich sind. Ich nehme auch die meisten Dinge der Eltern so wahr, nur die Überfürsorge ist etwas, was dem anderen wieder die Luft nimmt.

von Billerbeck: Ein Punkt, der ja so entscheidend ist, dass Kinder krank werden, ist ja offenbar die Überforderung, die Leistungsüberforderung. Heißt das, wir müssen das Leistungsprinzip in unserer Gesellschaft überdenken? Und wenn ja, wie?

Schulte-Markwort: Für mich steht hinter diesem Prinzip Leistung, wie ich es nenne, eine durchdringende Ökonomisierung. Das heißt, dass Kinder von klein auf damit aufwachsen, dass es immer nur Wert und Gegenwert gibt und dass es immer mehr Leistung sein muss. Dass sie auch schon damit aufwachsen, dass Mütter erschöpft sind von der wahnsinnigen Belastung und Trennung von mindestens zwei Jobs, die sie durchzuführen haben. Und ich glaube, natürlich lässt sich das nicht zurückdrehen, aber so, wie Manager heute Kurse machen zur Entschleunigung, und so, wie Unternehmen heute begriffen haben, dass Mitarbeiter am Ende effektiver sind, wenn sie gesünder sind, wenn sie mehr auf ihren eigenen Kalender und ihr Zeitmanagement achten können – so müssen wir, glaube ich, auch mit Schulen und unseren Kindern umgehen.

von Billerbeck: Wovor warnen Sie in diesem Zusammenhang besonders, oder, positiv gewendet, wozu raten Sie besonders?

Kinder brauchen mehr kreative Räume

Schulte-Markwort: Ich möchte einfach nur davor warnen, dass wir so weitermachen wie bisher. Das Positive ist, dass natürlich 80 Prozent unserer Kinder gesund sind und dass hundert Prozent unserer Kinder wirklich ganz wunderbare Kinder sind, mit denen ich heute Gespräche führen kann, die ich vor 25 Jahren nicht führen konnte, weil es Kinder heute gewohnt sind, einbezogen zu sein, weil sie reflexiv geworden sind und weil sie in einer Art und Weise über sich sprechen können, die wirklich ganz fantastisch ist. Aber sie sind heute zu einem Teil verzweifelt auf der Suche nach Anpassung, und wir müssen ihnen mehr kreative Räume ermöglichen.

von Billerbeck: Das sagt der Hamburger Kinderpsychiater und Klinikchef Michael Schulte-Markwort. Heute erscheint bei Pattloch dessen Buch "Burnout-Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert." Herr Schulte-Markwort, ich danke Ihnen!

Schulte-Markwort: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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