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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.11.2010

"Buried - Lebendig begraben"

Hans-Ulrich Pönack über Rodrigo Cortés grandioses Film-Experiment

Existenzialistisch und hochpolitisch: Der Film "Buried - Lebendig begraben" (Twentieth Century Fox Film Corporation)
Existenzialistisch und hochpolitisch: Der Film "Buried - Lebendig begraben" (Twentieth Century Fox Film Corporation)

Regisseur Rodrigo Cortés hat einen Film geschaffen, den es so bisher noch nicht gab. Er spielt ausschließlich unter der Erde, wo ein Entführungsopfer lebendig begraben wurde und mit einem halbleeren Handy versucht, die Lösegeldsumme zu beschaffen.

USA/Spanien 2009; Regie: Rodrigo Cortés; Darsteller: Ryan Reynolds, Robert Paterson, José Luis García Pérez; Länge: 95 Minuten

Solch einen Film kann man nur am Anfang einer Karriere machen. Ungehobelt, billig, ausprobierend, in 17 Drehtagen, mit einem Budget von gerade einmal 3 Millionen Dollar (= entspricht etwa den Kosten für zwei "Avatar"-Minuten).

Der hierzulande unbekannte spanische Regisseur fing als Kurzfilmer an. Laut Presseheft startete er 1998 mit "Yul", "der über 20 Preise gewann", um dann mit der Fake-Doku "15 Days" von 2001, "die über 57 Festival-Preise abräumte", den in Spanien meist ausgezeichneten Kurzfilm aller Zeiten zu schaffen. 2007 drehte er seinen ersten, bei uns unbekannt gebliebenen Langfilm "Concursante / The Contestant".

Hier nun, basierend auf einem außergewöhnlichen Drehbuch des amerikanischen Autoren Chris Sparling, schuf er einen Spielfilm, den es "so" noch nie gegeben hat. Wohl kennen wir Filme, die auf einem einzigen beengten Raum angesiedelt waren wie Hitchcocks "Lifeboat" ("Das Rettungsboot", 1943, in einem Boot auf offener See) oder in einer einzigen Einstellung in Echtzeit wie Hitchcocks "Cocktail für eine Leiche" (1948) entstanden, aber dies hier ist absolut neu: Und einzigartig.

Am Anfang sehen wir - nichts. Ein körniges dunkles Leinwand-Bild. Was soll das? Man möchte schon dem Vorführer zurufen, endlich "das Bild" korrekt einzustellen, da hören wir aus dieser "ewigen Düsternis" plötzlich "erste zaghafte Geräusche": Ein Schnäuzen, das beunruhigende Atmen eines Menschen. Aber immer noch gilt die neugierige Frage - was, wo, wie, wann und überhaupt??? Verdammt noch mal. Wann fängt der Film endlich an, was ist hier überhaupt los? Wann endlich "gibt es Licht"?

Die Unruhe ist spür-, ist fühlbar. Im Parkett wie langsam auch "oben". Auf der Leinwand. Dort häufen sich erste Regungen. Ein Rumpeln ist vernehmlich zu hören und dann auch "mühselig" zu erkennen. Ein Feuerzeug klickt, geht kurz an und wieder aus. Mehr und mehr wird die Ungewissheit zur Klarheit: Hier liegt offensichtlich ein lebendiger Mensch. "Fest verpackt" in einer sargähnlichen Holzkiste. Nun wird es deutlicher: Ein Mann wurde eindeutig lebendig verscharrt. Aber wieso? Warum? Weshalb? Und wo? Zu welchem Zweck? Ganz langsam pellen sich Geschehnisse und Identität hervor.

Paul Steven Conroy heißt der Typ, der begraben wurde. Paul, Jahrgang 1976, ist Amerikaner und LKW-Fahrer für einen Hilfsgüterkonvoi im Irak. Das heißt, er war es. Seine Kollegen wurden überfallen und umgebracht, er unter die Erde gebuddelt.
Woher diese Informationen stammen? Von ihm selbst. Denn seine "Bestatter" haben ihm ein paar wenige Utensilien in sein Klein-Gefängnis gepackt, darunter ein halbleeres Handy. Viel Zeit bleibt Paul also nicht, um auf Hilfe zu hoffen. Der Sauerstoff "hält" hier nicht ewig. Also beginnt das makabere, absurde Kommunikationsspiel":

Der Entführer verlangt Geld, viel Geld. Eine Million Dollar zuletzt. "Ich bin nur ein Truckfahrer, ich bin ein Niemand". "Draußen" hört man Paul zwar, versteht ihn aber nicht. Entweder muss er dauernd auf Anrufbeantworter sprechen (zum Beispiel bei seiner ständig "abwesenden" Ehefrau) oder sich mit Leuten streiten, die seine Situation weder verstehen noch begreifen können/wollen. Elende Bürokraten, die erst einmal nach der Sozialversicherungsnummer fragen oder ihn bitten, ja nicht ein Video "für die Medien" herauszumailen. Drehen Sie um Gottes Willen kein Opfer-Video, rät ihm der FBI-Kontaktbeamte. Ganz klar, man will "draußen" kein "YouTube"-Aufsehen haben/erregen.

Während Paul so langsam zwischen Angst, Panik, Verzweiflung, Hoffnung, Fassungslosigkeit verdorrt, "kündigt" ihm seine Firma am Telefon den Job, damit "keine weiteren Ansprüche" geltend gemacht werden können. Die Zeit verrinnt dabei immer mehr. Offensichtlich aber kann man ihn schließlich doch orten. Ein neuer Hoffnungsschub.

Kino, reduziert auf die ursprünglichen Motive: Licht, Ton, Mimik. Plus minimalistischer Bewegung. "Mehr" gibt es nicht. "Die goldene Regel für uns war: GEHE NIE RAUS AN DIE OBERFLÄCHE", sagt Regisseur Cortés. Der Hitchcock-Verehrer. Und: "Mein Film soll eine PHYSISCHE SINNESERFAHRUNG sein, ein aktives ERLEBNIS". Dies ist ihm voll und ganz gelungen.

Ebenso wie Paul "liegt" man permanent angespannt im Sessel. Kommt "davon" die ganze Zeit nicht los. Für Leute mit Kurzfilm-Blase ist der Film ebenso wenig geeignet wie für Interessenten mit klaustrophobischen Schüben. Bei "Buried – Lebendig begraben" heißt es, ständig dranzubleiben. Keine Nervensekunde wegzuschauen. Denn man weiß nie, was hier in jedem Moment neu "passieren" kann, obwohl der unterirdische Schauplatz NIEMALS verlassen wird. Eine definitive Einheit von Raum und Zeit. Die Personen "draußen" sind lediglich zu hören, aber niemals zu sehen, zu erfassen. Man kann sie sich nur "vorstellen".

Ein raffiniertes Sujet. Als existenzialisches wie natürlich auch hochpolitisches Konsequent-Movie. "Gut" gibt es hier höchst zwiespältig, jeder kocht hier sein eigenes "Süppchen", als "normales" Individuum stehst du ganz schön bedeppert und zumeist alleine da. Pech, dass für die kriegsgepeinigten Iraker inzwischen die Lebendverbuddelung von Geiseln zum Zwecke von Lösegeld zum florierenden "Wirtschafts-/Handelszweig" mutiert ist. Und wenn du in diesen zynischen, dreckigen Kreislauf "versehentlich" gerätst, hast du halt Pech gehabt. Ein Opfer mehr oder weniger, wen interessiert das schon; es gibt halt inzwischen zu viele "davon".

Wie Paul Conroy: "Ich bin kein Soldat. Ich bin nur Fahrer. Ich habe eine Frau und ein Kind". "Ich hatte fünf Kinder. Jetzt nur noch eins. Nine Eleven war nicht meine Schuld. Saddam war nicht meine Schuld", antwortet der Entführer.

ER ist Kanadier, wurde am 23. Oktober 1976 in Vancouver geboren, ist der Ehemann der schönen Scarlett Johansson und war bisher in hollywoodschen Schönlingsparts herumstolziert: RYAN REYNOLDS. Hatte es mit "Chefin" Sandra Bullock neulich in "Selbst ist die Braut" zu tun, war im (bei uns auf DVD herausgekommenen) "Adventureland" mit dem "Biß-Teenie" Kristen Stewart unterwegs, war 2008 Team-Mitglied bei den "X-Men Origins" ("Wolverine").

Hier nun spuckt der smarte Kerl permanent Sand, Schweiß, Blut. Und noch mehr Wut. WIE das Ryan Reynolds körpersprachlich intensiv vorführt, ist ein Ereignis. Ist sensationell dicht, packend, unter die Haut gehend. Nachvollziehbar. Verblüffend. Unbelievable. Unglaublich. Fantastisch.

Wie er mit dieser Immer-Enge "aktionsreich" umgeht, ist deftig, brillant, die ganz große Suspense. Die ganze Rauf-und-Runter-Palette von menschlichen Gefühlen bietet Ryan Reynolds erregend an und auf. Nur über Sprache und Mini-Bewegung. Wirklich unglaublich. Fantastisch. Als Mensch am Ende der irdischen, schicksalhaften "Geschäftskette". Hoch politisch und zutiefst menschlich. Sowie eindringlich, außergewöhnlich SPANNEND. Gaaanz doll SPANNEND. Volle Bewunderung für einen der irrsten, patentesten Hörspiel-Reißer in der dunklen Filmgeschichte.

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