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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.11.2012

Bunga-Bunga-Stimmung in Italien ist vorbei

Berlusconis Medienholding MEDIASET schreibt rote Zahlen

Verzweifelt: Silvio Berlusconi (picture alliance / dpa /  Alessandro Di Meo)
Verzweifelt: Silvio Berlusconi (picture alliance / dpa / Alessandro Di Meo)

Die Finanzkrise treibt dem Italienern die Vergnügungslust aus. Fernsehshows mit nackten Damen will kaum noch jemand sehen. Stattdessen erzielen politische Talkshows Rekordwerte bei den Einschaltquoten. Und mit der Krise sinkt auch der Stern des Medienimperiums der Familie Berlusconi. Der Börsenwert von MEDIASET hat sich in weniger als einem Jahr halbiert.

"Davon kann keine Rede sein! Es besteht doch gar keine reale Absicht, dass meine Schwester ihren Vater beerben will. Marina hat überhaupt kein Interesse daran in die Politik zu gehen."

Pier Silvio Berlusconi spricht über seine ältere Schwester Marina. Die ist allmächtige Chefin der familieneigenen Medienholding MEDIASET. Eine sich immer extrem kühl gebende Frau, die als eine der einflussreichsten Unternehmerinnen weltweit gibt. Eine Hardlinerin – wie auch ihr Vater einer ist.

Während Papa Silvios politischer Stern sinkt - aktuellen Umfragen zufolge würden noch nicht einmal 20 Prozent aller Befragten den Medienzaren wählen – hat Marina alle Hände voll zu tun. Für einen Job als Hauptdarstellerin auf der politischen Bühne Roms bleibt für sie keine Zeit.

Es geht um MEDIASET, Berlusconis ganzer Stolz. Seit der Unternehmer nicht mehr Italien regiert, also seit rund einem Jahr, sieht es um den Medienkonzern gar nicht gut aus. Vorbei sind die goldenen Zeiten, als der australische Medientycoon Robert Murdoch mehr als fünf Milliarden Euro bot, um MEDIASET aufzukaufen, was Berlusconi aber ablehnte. Das Unternehmen ist schwer angeschlagen – ebenso wie Silvio Berlusconis politisches Ansehen.

Der investigative Journalist Marco Travaglio:

"Jeder kann doch machen was er will. Vergnügen als politisches Prinzip. Das war Berlusconis Prinzip während seiner Regierungszeit. MEDIASET hatte vor der Regierungsübernahme Berlusconis vor 16 Jahren rund 200 Millionen Euro Schulden, zum Ende seiner Amtszeit schwamm der Konzern im Geld. Sein Programmprinzip 'Immer mehr Shows und Komödien' kam ungemein an. Jetzt hingegen sieht es für MEDIASET dramatisch aus."

Die Zahlen sprechen für sich. Der Unternehmensgewinn von MEDIASET ist um 63 Prozent auf nur noch 16 Millionen Euro gefallen. In den ersten neun Monaten dieses Jahren schrieb der Medienkonzern einen Verlust in Höhe von 45 Millionen Euro. Rote Zahlen, das hatte es bei Berlusconi noch nie gegeben. Immer weniger Werbung wird in den drei TV-Kanälen der MEDIASET ausgestrahlt. Die Werbeinnahmen fallen von Monat zu Monat.

Die ständigen Hiobsbotschaften aus dem Unternehmenssitz im norditalienischen Cologno Monzese provozierten einen Verlust der Unternehmensaktie von mehr als drei Prozent. In weniger als einem Jahr – und vor allem dieser Zahlenwert demonstriert das ganze Ausmaß der Krise bei MEDIASET – fiel der Börsenwert von Italiens größtem Medienkonzern um fast die Hälfte. Was ist Los im Hause Berlusconi?

- TV-Shows mit halbnackten jungen Frauen, den so genannten Velline, die älteren Herren mit schwarz gefärbten Haaren assistieren.

- Informationssendungen, die alles ins Lächerliche ziehen.

- Und dann die berühmteste und am meisten gesehene Reality-Show des italienischen Fernsehens: Grande Fratello, die italienische Version von "Big Brother".

Alle diese Sendungen, einst italienische Rekordhalter in Sachen Einschaltquoten, funktionieren nicht mehr. "Big Brother" lief schließlich so schlecht, dass die Sendung Ende des letzten Jahres eingestellt werden musste. Berlusconis Überzeugung, dass die Italiener nur eines wollen, nämlich Unterhaltung und nochmals Unterhaltung, zieht nicht mehr, erklärt der Medienkritiker Aldo Grassi:

"Da ist schon erstaunlich. Der Grund dafür liegt in der ganz anderen Stimmung der Italiener heute. Die Bunga-Bunga-Stimmung, bei der ernste Probleme immer wieder verdrängt wurden, ist endgültig vorbei. Eine ähnliche Krise wie die von MEDIASET ist übrigens auch bei der öffentlich-rechtlichen RAI zu beobachten. Das liegt daran, dass unter Berlusconi RAI und MEDIASET in ihrer Programmgestaltung immer ähnlicher geworden sind."

In Italien geht eine allgemeine Ernüchterung um. Die finanzpolitische Notstandsregierung von Mario Monti frustriert die Italiener mit immer neuen Steuern und Reformen, die zu gravierenden Einschnitten in Gesundheit, Soziales, Bildung und Kultur führen. Die von Berlusconis Medien propagierte und von ihm vorgelebte unbändige Vergnügungslust kommt immer weniger an. Eine wachsende Zahl der italienischen Fernsehzuschauer schaltet sich lieber bei politischen Talkshows ein. Sie erzielen heute Rekordwerte bei den Einschaltquoten.

Vor diesem Hintergrund spiegelt die Krise bei Berlusconis Medienunternehmen die aktuelle Krisenstimmung in der italienischen Bevölkerung dar. Literaturnobelpreisträger Dario Fo spricht in diesem Zusammenhang von "Katerstimmung nach der großen Fete".

Die Italiener ziehen es heute vor sich zu informieren – vor allem deshalb, so belegen Umfragen zum Medienverhalten, weil sie wissen wollen, was denn als nächsten auf sie zukommen wird: Noch mehr neue Steuern? Weitere Abgaben? Noch mehr Entlassungen? Berlusconis ständiges Grinsen wie auch seine Fernsehprogramme wirken angesichts der aktuellen Realität der Italiener mehr als deplaziert.

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